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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWas die Stimme verrät17.07.2008

Was die Stimme verrät

Eine Studie der TU Berlin zu Persönlichkeitsforschung und Sprechweise

Aus der Persönlichkeitsforschung weiß man, dass sich stabile Persönlichkeitsmerkmale messen lassen. Erstmals ist an der TU Berlin der Nachweis gelungen, diese Merkmale auch in der Stimme ermitteln zu können. Die TU Berlin ist die einzige Universität in Deutschland, an der Wissenschaftler sich mit der Schnittstelle zwischen Psychologie, Akustik und physiologische Voraussetzung der Stimme beschäftigen.

Von Barbara Weber

Wie sich Freude, Ärger, Trauer auch an der Sprechweise ablesen lassen, wissen die Sprechforscher seit einigen Jahren. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)
Wie sich Freude, Ärger, Trauer auch an der Sprechweise ablesen lassen, wissen die Sprechforscher seit einigen Jahren. (Stock.XCHNG / Andy Stafiniak)

"Wir sind selbst ein wenig überrascht, dass schon beim ersten Zugriff oder dass wir schon beim ersten Ansatz, solche deutlichen und klaren Ergebnisse zutage fördern konnten."

Prof. Walter Sendlmeier untersucht an der TU Berlin Sprachverarbeitung und mündliche Kommunikation.

"Andererseits vermute ich seit Jahren im Laufe der langjährigen Beschäftigung mit unseren Stimmanalysen im Kontext des emotionalen Ausdrucks, des Ausdrucks des Alters, der Sprechwirkungsforschung insgesamt, dass eben auch die überdauernden Merkmale, die Persönlichkeitsmerkmale, Charaktereigenschaften, sich im Sprachsignal manifestieren."

Wie sich Freude, Ärger, Trauer auch an der Sprechweise ablesen lassen, wissen die Sprechforscher seit einigen Jahren und bestätigen damit nur, was landläufig schon immer vermutet worden ist. Auch das Alter beeinflusst die Sprechweise, auch das lässt sich jetzt wissenschaftlich analysieren.

Brandneu aber ist die Erkenntnis, dass nur schwer veränderliche Merkmale der Persönlichkeit sich auch auf die Stimme niederschlagen.

Konkret heißt das:

"Ein Ausgangspunkt ist die Orientierung an einem Persönlichkeitstest, einem etablierten Persönlichkeitstest auch unter dem Stichwirt "The Big Five", also die großen Fünf, bekannt."

Ein Test, der sich inzwischen in der Persönlichkeitsforschung weltweit etabliert und bewährt hat.

"Big Five, die großen Fünf, sind folgende fünf Faktoren:
Die erste Skala heißt "Neurotizismus","

also zum Beispiel ob ich eher angespannt und ängstlich oder stabil und ruhig bin.

"Die zweite Skala "Extraversion", "

also ob ich introvertiert oder extrovertiert bin.

"Die Dritte "Offenheit für Erfahrung", die vierte Skala heißt "Verträglichkeit" und die Fünfte wurde benannt mit dem Etikett "Gewissenhaftigkeit"."

Ziel der Forscher ist es,

"in der Stimme und Sprechweise von Menschen, Hinweise zu finden auf solche Persönlichkeitseigenschaften. Unsere menschliche Stimme, die Art und Weise, wie wir sprechen, ist ja für jeden einzelnen Menschen sehr charakteristisch. Es gibt keine zwei Stimmen, keine zwei Sprechweisen auf dieser Welt zwei Mal, sondern es ist quasi wie ein Fingerabdruck, ein individuelles Charakteristikum jedes Einzelwesens."

Die Frage ist jetzt: Lässt sich der Charakter zuverlässig aus der Stimme ableiten und welche Merkmale klassifizieren den Charakter?

Um das herauszufinden, ließ Walter Sendlmeier Fragebögen ausfüllen.
Das waren dann Fragen wie:

""Ich führe ein hektisches Leben" oder "ich bin ein sehr aktiver Mensch" oder "bei allem, was ich tue, strebe ich nach Perfektion" oder "ich versuche stets rücksichtsvoll und sensibel zu handeln"."

Die Probanden ordnen sich dann auf einer fünf-stufigen Skala zwischen starker Ablehnung und starker Zustimmung selbst ein. Dann geht es an die Sprachaufnahmen:

"Und zwar haben wir uns drei verschiedene Textsorten überlegt, zum einen soll ein isolierter Vokal, das offene A so lang angehalten werden wie möglich, bis zu Luft quasi nicht mehr reicht. Als zweite Textsorte haben wir einen gelesenen Text vorgegeben, die in der Sprechforschung oft eingesetzte Aesop - Fabel, davon etwa die erste Hälfte soll gelesen werden."

Proband 1: "Einst stritten sich Nordwind und Sonne, wer von ihnen beiden wohl der Stärkere wäre, als ein Wanderer, der in einen warmen Mantel gehüllt war, des Weges daher kam. Sie wurden einig, dass derjenige für den Stärkeren gelten sollte, der den Wanderer zwingen würde, seinen Mantel abzunehmen."

Proband 2: "Einst stritten sich Nordwind und Sonne, wer von ihnen beiden wohl der Stärkere wäre, als ein Wanderer, der in einen warmen Mantel gehüllt war, des Weges daher kam. Sie wurden einig, dass derjenige für den Stärkeren gelten sollte, der den Wanderer zwingen würde, seinen Mantel abzunehmen."

Diese Sprachstimuli wurden dann Hörern vorgespielt, 29 Hörer haben sich diese Sprachstimuli angehört und haben dann mit dem gleichen Persönlichkeitstest, diese Person anhand ihrer Stimme und ihrer Sprechweise einstufen müssen. Und hier haben die Hörer, genauso wie die Sprecher selbst, die Unterschiede hinsichtlich der Skala Extraversion eingeschätzt. Und zwar wurde der erste Sprecher klar als der Introvertiertere eingestuft von den Hörern, und dieser hat sich auch selbst so eingeschätzt und der zweite Sprecher wurde klar als extrovertierter eingestuft, ganz genau, wie es der Sprecher von sich selbst auch getan hat.

Probandin1: "Montags abends habe ich noch einen Sportkurs, Aquafitness, der ist aber sehr spät, viertel vor zehn bis halb elf, wenn ich mich aufraffen kann, dann geh' ich da auch noch hin. Mittwoch abends habe ich zwei Sportkurse."

"Und als dritte Textsorte, die wir als spontansprachlich bezeichnen, sollten die Probanden über ihren Wochenablauf berichten, die sollten erzählen, was sie so von Montag bis zum nächsten Wochenende einschließlich treiben."

Probandin 2: "Montag Abend habe ich frei. Dienstag Abend, da gehe ich zum Hockey-Training und Mittwoch mache ich noch Yoga und Freitag treffe ich mich gerne mit Freunden abends und Samstag eigentlich auch."

Probandin 3: "Am Wochenende treffe ich dann normalerweise meine Freunde, viele von ihnen sind berufstätig, deshalb geht das oftmals nur am Wochenende und dann gehen wir zum Beispiel aus in ein Café oder auch mal in ein Konzert."

Jetzt haben wir drei Sprecherinnen gehört, wobei die ersten Beiden auf dieser Skala, stabil versus labil, fast identisch eingestuft wurden, als relativ stabil, während die dritte Sprecherin davon deutlich abgesetzt als recht labil eingestuft wurde, was auch wieder völlig übereinstimmt in der Rangfolge mit den Selbsteinstufungen anhand des Persönlichkeitstests.

Natürlich beließ es Walter Sendlmeier nicht nur bei der Selbsteinschätzung der Sprecher und dem Höreindruck der Hörer. Er analysierte am Computer zum Beispiel die Sprechweise und Betonung bestimmter Silben. Dabei zeigte sich, dass der subjektive Eindruck der Hörer übereinstimmt mit den Ergebnissen am Computer, so dass die Ergebnisse sich objektivieren lassen.

Was die Anwendungsbereiche dieser Grundlagenforschung anbelangt, sieht Prof. Sendlmeier mehrere Möglichkeiten.

Eine betrifft sicherlich den privaten Sektor: Partnerschaftsinstitute wie die Partnerbörse amio bieten schon jetzt Stimmproben der potenziellen Lebensgefährten an:

"Hallo, schön dass Du anrufst. Hast Du Lust auf Picknick im Grünen, Eis essen oder viele andere Dinge, ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Du mir Deine Telefonnummer hinterlässt, dann rufe ich Dich nachher zurück.

Hallo Du ich habe gerade Deine Nachricht abgehört und es hört sich sehr interessant an. Ich bin 21 Jahre, habe blaue Augen. "

Es ist in der Tat so, dass die Einschätzung, die wir über die Stimme über einen Menschen abgeben können doch offensichtlich zuverlässiger ist, als die, die wir anhand eines Bildes oder anderer Äußerlichkeiten wie Alter oder sonst welcher Lebensgewohnheiten, die jemand ja auch erfinden kann, abgeben können. Die Stimme zu verstellen ist nicht so leicht. Da kommen wir auch viel mehr an die wahren Eigenschaften ran, weil wir in der Regel, bis auf wenige sehr gute Schauspieler, nicht in der Lage sind, systematisch unsere Stimme und Sprechweise zu verändern.

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