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Was ist Kulturgeschichte?

Die Kulturgeschichte hat unter den historischen Wissenschaften lange Zeit ein Schattendasein gefristet. Doch heute sind Kulturgeschichte und Kulturwissenschaft Etiketten, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Fördergelder lockern helfen. Aber: Was ist Kulturgeschichte, was muss man sich darunter vorstellen? Der in Cambridge lehrende britische Historker Peter Burke hat eine Antwort versucht.

Von Bernd Leineweber | 31.10.2005

Zu den auffälligsten Veränderungen, die sich in den letzten vier Jahrzehnten im Verhältnis zu der gesellschaftlichen Umwelt, in der wir leben, abgespielt haben, gehört der Gebrauch des Begriffs der Kultur. Es ist zur Gewohnheit geworden, von "Kultur" zu reden, wo man vorher von "Gesellschaft" gesprochen hat. Das Neue, das sich seit jener Wende anbahnte, die zu ihrer Zeit als "Ende der Nachkriegszeit" bezeichnet wurde, lässt sich mit Stichworten wie materialer statt nur formaler Demokratisierung, Konsum- und Informationsgesellschaft oder Medienzeitalter umschreiben. Steckte im Begriff der Gesellschaft noch die Idee einer auch praktisch und politisch relevanten Gesamtansicht der sozialen Beziehungen und Institutionen, so kam im Begriff der Kultur eine distanziertere, eher beschreibende als handlungsvorbereitende Sichtweise auf die sich immer mehr differenzierenden und komplexer werdenden "Umwelten" von Individuen zur Geltung.

Betroffen von dieser Wende ist naturgemäß am meisten das Geschichtsbewusstsein. Teile der Geschichtswissenschaft, der zur Artikulation dieses Bewusstseins berufenen Disziplin, reagierte auf sie mit dem, was in der Wissenschaftstheorie als "Paradigmawechsel" bezeichnet wird. Die Kulturgeschichte übernahm die führende Rolle, die die Sozialgeschichte der akademischen Geschichtswissenschaft streitig gemacht hatte, und neue kulturgeschichtliche Ansätze und Methoden verdrängten die alte, an Traditionen und Epochen interessierte Kulturgeschichte, bis sich in den achtziger Jahren der Begriff "Neue Kulturgeschichte" fest etabliert hatte.

Diese Geschichte der Kulturgeschichte nachzuzeichnen ist das Anliegen des vorliegenden Buchs des britischen Historikers Peter Burke, eines international führenden Vertreters der "Neuen Kulturgeschichte", der dem deutschen Publikum vor allem durch seine Arbeiten über die Renaissance bekannt geworden ist. In seinem neuesten Werk unternimmt er den Versuch, einen Überblick über die Geschichte der Kulturgeschichte und die vielfältigen Ansätze und Themenschwerpunkte der "Neuen Kulturgeschichte" zu geben – ein schwieriger Versuch, den Burke mit leichter Hand und großer systematischer Klarheit bewältigt. Was dabei herauskam, ist ein übersichtlich gegliederter Literaturbericht, der dem geschichtswissenschaftlichen Laien einen Leitfaden zur Orientierung und einen Überblick über die wichtigsten Werke der verschiedenen Schulen bietet.

Das "Revival der Kulturgeschichte seit den 70er Jahren", von dem Burke ausgeht, hat seiner Ansicht nach mit der Attraktivität eines "Blickes von außen" auf die Gesellschaft zu tun, die sich immer weniger "von innen", d.h. als rational verständliche und zu gestaltende Wirklichkeit erfahren lässt.

Der neue, externe Ansatz in der Geschichtswissenschaft verknüpfte

"den Aufstieg der Kulturgeschichte mit einer umfassenden `Hinwendung zur Kultur` in Politikwissenschaft, Geographie, Ökonomie, Psychologie, Anthropologie und in den sogenannten "Cultural Studies". In diesen Fachgebieten hat sich zumindest eine Minderheit der Wissenschaftler von der Annahme einer unveränderlichen Rationalität (etwa der Theorie rationaler Entscheidungen bei Wahlen oder beim Konsum) verabschiedet und interessiert sich zunehmend für die Werte, für die einzelne Gruppen sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten interessieren."

Ein "Zeichen der Zeit", meint Burke, ist die einflussreiche, wenn auch umstrittene These des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington, kulturelle Unterschiede seien in der heutigen Welt wichtiger als politische und ökonomische. Auch der "Multikulti"-Ansatz in der Politik steht in diesem Zusammenhang.

Burke unterscheidet vier Phasen in der Historie der Kulturgeschichte: 1. die klassische Phase, für die vor allem die Werke von Jakob Burckhardt und Johan Huizinga stehen und in der es um "Porträts einer Zeit" oder "kulturelle Muster" ganzer Epochen ging. Um einen bestimmten "Zeitgeist" zu erfassen, waren diese Autoren weitgehend auf ihre Intuition angewiesen, im übrigen verließen sie sich auf einen Kanon von Kunstwerken, die die "große Tradition" verkörperten. Die 2., in den 30er Jahren entstandene, ebenfalls kunstgeschichtlich orientierte Phase, war weniger an der geschichtlichen Objektivität als an kulturellen Wahrnehmungsschemata interessiert. Sie wurden nicht in einer intuitiven Gesamtschau, sondern mittels einer strengen Beschreibungskunst am Detail entwickelt. Diese Phase verbindet Burke vor allem mit den Namen Aby Warburg, Ernst Gombrich und Erwin Panofsky. In der 3. Phase, die in den 60er Jahren einsetzte, fand eine unter anderem vom Marxismus beeinflusste, sozialgeschichtliche Wende zur Volkskultur und zur Geschichte "von unten" und gegen die traditionelle Betonung der Hochkultur statt. Hier nennt Burke vor allem die Namen von Eric Hobsbawm und Edward Thompson. Thompsons bahnbrechendes Werk "Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse" hat eine ganze Generation von Sozialgeschichtlern beeinflusst und kräftige Impulse für die "Cultural Studies" gegeben. Die 4. Phase schließlich umfasst die verschiedenen Ansätze der "Neuen Kulturgeschichte", die endgültig mit dem Traditionsbegriff des 19. Jahrhunderts brechen und Kultur nicht im Singular, etwa im Sinne einer "Kultur des Abendlandes" von den Griechen bis zur Gegenwart, verstehen, sondern mit verfeinerten Methoden Kultur im Plural untersuchen. Dabei kam es zu einer enormen Erweiterung des Kulturbegriffs, der, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Anthropologie und Ethnologie, alles betrifft, was Menschen sich zum Leben schaffen. In dieser letzten Phase wurde der Begriff der Kultur

"Gleichsam nach den Seiten hin erweitert. Anfangs bezeichnete man als Kultur nur Kunst und Wissenschaft. Dann benutzte man den Begriff auch zur Beschreibung der volkstümlichen Äquivalente von Kunst und Wissenschaft - Volksmusik, Volksmedizin usw. Seit der letzten Generation bezeichnet der Begriff ein breites Spektrum an Artefakten (Bilder, Werkzeuge, Häuser usw.) und Praktiken (Konversation, Lesen, Spiele)."

Was Kulturgeschichte ist, wissen wir nun. Aber was ist Kultur? "Die Grenzen des Gegenstandsbereichs", meint Burke,

"sind ohne Zweifel hinausgeschoben worden, aber es wird immer schwieriger, genau anzugeben, was sich denn innerhalb dieser Grenzen befindet. Eine Lösung für das Problem der Kulturgeschichte [d.h. die Frage zu beantworten: was ist Kultur?] könnte darin bestehen, die Aufmerksamkeit weniger auf den Gegenstand als auf die Forschungsmethoden zu richten."

Damit hätten wir zwar, so lässt sich Burkes packender Bericht über eine zentrale Frage unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses resümieren, einen demokratischen Kulturbegriff, aber um zu wissen, was Kultur eigentlich ist, müssen wir uns an das halten, was die Wissenschaftler tun.

Bernd Leineweber besprach: Peter Burke: "Was ist Kulturgeschichte?" aus dem Suhrkamp Verlag. Es wurde aus dem Englischen von Michael Bischoff übersetzt, hat 203 Seiten und kostet 19.80 Euro.