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StartseiteCampus & KarriereStudienabbruch bloß nicht verschweigen30.12.2019

Was nach der Hochschule kommtStudienabbruch bloß nicht verschweigen

Jeder dritte Studierende in Deutschland verlässt die Hochschule ohne Abschluss. Manche treffen die Entscheidung bewusst, manche gehen abrupt und unfreiwillig. Für sie alle stellt sich die Frage, wie es danach weitergehen kann.

Von Susanne Schäfer

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Eine Studentin sitzt allein in einem Hörsaal am Laptop  (imago stock&people)
Manchmal reicht ein Fachwechsel nicht (imago stock&people)
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Marcel Hülsmann hat 2019 noch mal ganz neu angefangen. Nach neun Semestern Maschinenbau-Studium brach er ab und begann eine Ausbildung.

"Viele haben gesagt: Endlich! Weil, das war vielleicht schon abzusehen, dass es nicht klappt, aber ich habe dran geglaubt und auch mein bestes getan."

Aber dann kam die entscheidende Prüfung, die nicht klappen wollte. Marcel Hülsmann hätte noch mal zwei Semester länger studieren müssen, das wollte er nicht, zog die Reißleine und entschied sich für den Neuanfang.

"Jetzt im Moment sage ich, ich habe alles richtig gemacht. In der Berufsschule lernt man die Sachen langsamer als an der Uni, aber trotzdem auch intensiv und ich finde, durch dieses Zwischenspiel von Arbeit und Schule kommt man dem Ganzen viel näher und lernt die Sachen besser."

Eine Studentin der Universität Bayreuth (Bayern) sitzen am 21.01.2016 mit ihrem Notebook in der Zentralbibliothek der Universität (Nicolas Armer/dpa ) (Nicolas Armer/dpa )Ängste, Depressionen, Studienabbruch / Wenn Studenten psychisch krank werden
Hunderttausende Studierende in Deutschland sind psychisch krank, viele brechen deswegen ihr Studium ab. Bildungspolitiker und Beratungsstellen versuchen, diese Entwicklung zu stoppen.

Er macht jetzt eine Ausbildung als Fachinformatiker für Anwendungstechnologie bei Firma M-Soft in Dissen, im Landkreis Osnabrück. Unter seinen Azubi-Kollegen sind sogar noch zwei andere Studienabbrecher:

"Ich habe ein Semester Jura gemacht, dann ein paar viele Semester Medieninformatik, ich kann nicht sagen, wie viele Semester und dann habe ich noch ein Jahr Wirtschaftswissenschaften gemacht."

Erzählt Gunnar Ahrndt. Er ist jetzt 27 Jahre alt. Wirklich Fuß fassen konnte er an der Uni nicht, er versuchte es immer wieder neu, in anderen Fächern.

"Man kann einfacher sagen: Okay ich geh´ jetzt ins nächste Studium, vielleicht lag´s nur am Studienfach."

Ein Neuanfang lohnt sich

Aber nur das Fach zu wechseln, reichte nicht. Und das zu erkennen, war nicht leicht.

"Man hängt fest, weiß aber auch, wenn ich weiter kommen will, muss ich einen gewissen Schritt machen, der neu und unangenehm ist."

Der Neuanfang war unangenehm, aber hat sich gelohnt. Jetzt lernt er IT-Systemkaufmann.

"Es ist emotional durchaus eine große Erleichterung, wenn man dann irgendwann merkt, ich habe meinen Platz gefunden und hab wieder eine Zukunft, die wieder planbar ist und nicht in der Schwebe hängt. Das macht viel aus."

Ein weißes Dokument mit aufgedruckter Schrift. Zu lesen ist: "Antrag auf Exmatrikulation". Auf dem Blatt Papier liegt ein rot-silberner Kugelschreiber. (imago stock&people) (imago stock&people)Bildungsexperte / "Viele sind für diese nächste Anforderung noch nicht bereit"
François Deuber sieht die Gründe für Studienabbruch in mangelnder Vorbereitung auf das Studium. Es sei an den Hochschulen, Werkzeuge an die Hand zu geben, um mit der neuen Situation klarzukommen.

Drei Studienabbrecher in einem Unternehmen, es klingt fast so, als würde Personalchef Frank Temme gezielt nach Studienabbrechern suchen. Das stimmt aber nicht, sie seien hier einfach willkommen, denn er kennt die Stärken:

"Letztendlich ist es so, dass die schon etwas älter sind, schon Lebenserfahrung haben, Vorkenntnisse mitbringen und das macht es dann etwas einfacher."

Selbst wenn jemand ganz spät und fachfremd neu anfangen will, kann das klappen.

Ein Handwerk als Alternative

Markus Griefingholt aus Osnabrück hat einen völligen Neustart gewagt. Er wollte eigentlich Lehrer werden, jetzt repariert er Heizungen, baut Badezimmer und verlegt Elektroleitungen. Gerade stellt er eine Duschwand auf:

"Ja, das ist jetzt eben eine typische Tätigkeit für einen Sanitärinstallateur. Der ist unglaublich vielseitig der Beruf. Natürlich macht man sich manchmal etwas schmutzig dabei, aber es gibt auch Tage, wo man sich nicht schmutzig macht. Ja, Ich bin wohl doch etwas zu klein geraten, ich brauche jetzt mal den Tritt."

2019 brachte für Markus Griefingholt den Neustart als Geselle. Er hat die Ausbildung zum Anlagenmechaniker erfolgreich abgeschlossen und sagt, er sei in seinem neuen Traumjob angekommen. Dabei war der Weg dahin ziemlich schwer. Markus Griefingholt scheiterte im Referendariat an einer der letzten Prüfungen. Wenn er heute zum Studienseminar in Osnabrück zurückkehrt, erinnert er sich an die harte Zeit danach:

"Ich bin wie in ein Loch gefallen. Man hat so viel Zeit und Arbeit investiert im ganzen Studium und dann soll es nur an ein paar Kleinigkeiten liegen, dass man seinen Traumberuf nicht ausüben darf, das ist schon hart."

Erst machte er nichts, dann folgten Aushilfsjobs und Praktika. Markus Griefingholt war schon über 30 und wusste nicht, was aus ihm werden sollte. Dann lernte er zwei Hausmeistern kennen und die brachten ihn auf die Idee, es im Handwerk zu versuchen.

"Wenn ich mir das so angucke, hab ich mir gedacht, das wär doch vielleicht auch was für dich, das kannst du doch eigentlich auch."

Solchen Neustartern wollen die Handwerkskammern Mut machen. Ihr Tipp: Den Studienabbruch bei der Bewerbung bloß nicht verschweigen. Auch Systeminformatiker Gunnar Ahrndt sieht das inzwischen so:

"Man schweigt das erst mal aus, weil man nicht gerne drüber redet. Aber im Endeffekt hat es einem zu dem gemacht, der man ist. Ich habe jede Menge super Leute durch das Studium kennen gelernt und man hat sich auch weiter entwickelt. Ich würde sagen, man sollte vielleicht einfach offener drüber reden."

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