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StartseiteUmwelt und VerbraucherWas sich durch BSE verändert hat22.11.2005

Was sich durch BSE verändert hat

Vor fünf Jahren kam die Rinderkrankheit nach Deutschland

Am 24. November 2000 wurde in Deutschland das erste Mal die Diagnose BSE gestellt und am 26. November 2000 wurde die erste BSE-Erkrankung einer aus Deutschland stammenden Kuh zweifelsfrei nachgewiesen. Die Landwirte in anderen Ländern, wie in Großbritannien oder Portugal haben schon länger mit dieser Rinderkrankheit gelebt. Die brennenden Berge toter Rinder sind den meisten von uns sicherlich noch in unguter Erinnerung. BSE in Deutschland und Europa - eine historische Bilanz.

Von Renate Ell

Tierärzte untersuchen Rinder auf BSE. (AP)
Tierärzte untersuchen Rinder auf BSE. (AP)
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Mitte der 80er Jahre breitete sich unter britischen Rindern eine seltsame Krankheit aus: Die Tiere waren schreckhaft und unsicher auf den Beinen; bald sprach man von Rinderwahnsinn. Die Gehirne der Tiere zeigten die selben schwammartigen Veränderungen wie man sie von Schafen kannte, die an Scrapie erkrankt waren. Und so fand sich auch bald die Ursache von BSE, der Bovinen spongiformen Enzephalopathie oder Rinder-Schwammhirnkrankheit. Das Herstellungsverfahren von Tiermehl war Ende der 70er Jahre vereinfacht worden, so dass die Erreger von Scrapie, die so genannten Prionen, nicht mehr unschädlich gemacht wurden. Mit dem Tiermehl gerieten sie ins Rinderfutter, so dass eine neue Krankheit entstand, sozusagen Scrapie bei Rindern, eben BSE. Doch die Wissenschaftler, die das erforschten, hatten es nicht leicht, so die Münchener Soziologin Kerstin Dressel, die über die Geschichte der BSE-Politik promoviert hat.

" Kritische Stimmen wurden von der Regierung ignoriert, alle Publikationen vor Veröffentlichung praktisch einer Zensur unterworfen, mussten vorgelegt werden und wurden dann vom Ministerium freigegeben oder auch nicht. Das Ministerium hatte ein Monopol auf alles BSE-Material, wer damit arbeiten wollte, musste vorher eine Genehmigung einholen. "

Doch die steigende Zahl der Fälle - bis zu 1000 pro Woche - zwang die Regierung zum Handeln. Ab 1988 war Tiermehl im Rinderfutter verboten - allerdings wurde es exportiert, so dass Kühe in Frankreich und in der Schweiz an BSE erkrankten. Auch mit der Lebensmittelüberwachung nahm man es nicht so genau: Zwar durfte ab 1989 Risikomaterial wie Hirn und Milz nicht in Lebensmittel gelangen - aber die Schlachthöfe wurden lange Zeit nicht konrolliert. Und das hatte Folgen: 1996 erkrankten die ersten Menschen an einer neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, die durch BSE-Prionen in Lebensmitteln verursacht wird. Aber auch für die EU, so Kerstin Dressel, ist der Umgang mit der BSE-Krise kein Ruhmesblatt.

" Ein Untersuchungsbericht des Europäischen Parlamentes kam 1997 bereits zu dem Schluss, dass die EU und v.a. die EU-Kommission einer der Hauptakteure sind, das BSE-Problem runterzuspielen und es nicht adäquat zu behandeln. Selbst Jacques Santer, damals Präs der EU-Kom hat in einem Interview im Februar 97 zugegeben, dass sehr wohl ökonomische Interessen Vorrang hatten vor gesundheitlichen und vor den Verbraucherschutzinteressen. "

Und "Deutschland ist BSE-frei", das galt wie ein Dogma. Tatsächlich hatten deutsche Bauern nie viel Tiermehl an Rinder verfüttert, und ab 1994 war es verboten. Aber man wollte es auch gar nicht so genau wissen, berichtete Heiner David vom nordrhein-westfälischen Umweltministerium im Januar 2001 im Bayerischen Rundfunk.

" Wir haben schon sehr früh, im März 99 freiwillige BSE-Tests eingeführt, es kam massive Kritik von den Ländern und vor allem von der Bundesregierung: "Deutschland ist BSE-frei und der Status wird durch die Einführung eines solchen Tests gefährdet". "

Im Herbst 2000 ließ die Handelskette Edeka in einem ihrer Schlachthöfe jedes 10. Rind auf BSE testen - und wurde fündig, am 26. November. Sofort verhängte die Bundesregierung ein totales Tiermehl-Verfütterungsverbot, um Verunreinigungen im Rinderfutter auszuschließen, die als Ursache für diesen und alle weitern Fälle galten. Außerdem führte die Bundesregierung ab Dezember BSE-Tests an Schlachthöfen ein, die ab Januar sowieso EU-weit verpflichtend geworden wären. Im Januar traten die Bundesminister für Landwirtschaft und Gesundheit zurück. Mit der Neubesetzung des Landwirtschaftsministeriums kam der Verbraucherschutz erstmals zu Ministeriums-Ehren.

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