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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMensch, zum Mond!01.05.2019

Was von Apollo bleibtMensch, zum Mond!

Wir wollten zum Mond, weil wir die ersten sein wollten. Nicht weil es einfach war, sondern schwierig. Wir wussten nicht, ob es gelingen würde, aber es gelang: Wir flogen zum Mond, hinterließen Flaggen, Instrumente und Fußspuren. Nur: Was hat es uns gebracht?

Von Karl Urban

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US-Astronaut Harrison H. Schmitt 1971 auf dem Mond. (imago / World History Archive)
US-Astronaut Harrison H. Schmitt folgte Armstrong 1972 im Rahmen der Appollo-17-Mission auf den Mond (imago / World History Archive)
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Es war ein Weltereignis, das bis heute nachhallt: Der Start der Saturn V am 16. Juli 1969. Ich selbst war nicht nicht dabei: Als ich zur Welt kam, war die letzte Mondlandefähre schon ein Jahrzehnt verlassen. Was ich aber mit der Muttermilch aufsog, war dieses Gefühl:

"Es hieß mal, wenn der Mensch fliegen könnte, hätte er Flügel. Aber er ist geflogen. Er stellte fest, dass er das musste. Hätte die erste Apollo-Mission den Mond lieber nicht erreichen sollen? Und hätten wir nicht zum Mars weiterfliegen sollen?" [James T. Kirk in Star Trek, "Return to Tomorrow"]

In meiner Kindheit war ich umgeben von Raumschiffen – und ich gab Captain Kirk recht: Die Menschen sollten ins All fliegen, zu anderen Himmelskörpern aufbrechen. Genau in diesem Zeitalter wuchs ich auf und es erfüllte mich genauso wie den Rest der Gesellschaft. Dachte ich.

Autor: "Ist denn Raumfahrt ein Thema unter den Soziologen?"

Dierk Spreen: "Wenn man es einmal kurz und knapp sagen will: nein."

Ich bin auf der Suche nach diesem Gefühl und wie es die Gesellschaft veränderte. Dierk Spreen ist Raumfahrtsoziologe. Einer von ganz ganz wenigen, wie ich schnell feststelle.

"Es gibt zwar ein paar, die sich damit immer mal wieder befasst haben. Aber es gibt keinen systematischen Diskurs."

Merkwürdig: Sollte diese enorme technische Meisterleistung, die nie dagewesene Grenzerweiterung des Menschen und noch dazu das Medienereignis des 20. Jahrhunderts die Gesellschaft doch nur gestreift haben? Blieb es am Ende ein kleiner Schritt für einen Menschen?

"That's one small step for man, one giant leap for mankind." [Neil Armstron]

50 Jahre sind eine lange Zeit. Vieles hat sich geändert, seit der Adler im Meer der Ruhe aufsetzte. Ich stoße auf der Suche nach der menschlichen Seite der Mondlandung erst einmal auf die Geburtsstunde von Apollo. Oder was ich dafür halte. "Distinguished guests and ladies and gentlemen." September 1962 im Football-Stadion der Rice-University Houston: Es ist brütend heiß. Den geladenen Gästen hinter dem Redner läuft der Schweiß übers Gesicht. Aber Kennedy strotzt vor Energie. Es ist ein Heimspiel für Kennedy. Er vollführt hier den dritten oder vierten Schritt seiner Politik und will die US-Gesellschaft auf das Ziel Mond einschwören.

Ich gehe weiter zurück, vom September 1962 in den April 1961. Der gleiche Redner, eine andere Tonlage: Seit drei Monaten erst ist JFK im Amt. Er hält eine Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress, was so kurz nach der Amtseinführung ungewöhnlich ist. Es seien außergewöhnliche Zeiten, sagt er, mit einer außergewöhnlichen Herausforderung.

Und ich stelle fest: Es geht gar nicht um den Mond. Vor dem Kongress spricht Kennedy über atomare Aufrüstung, Arbeitslosigkeit, die Verteidigung der Vereinigten Staaten gegen die Sowjetunion. Die US-Armee ist bei der Invasion der Schweinebucht auf Kuba gescheitert und die Regierung steht vor einem innen- wie außenpolitischen Debakel. Erst ganz am Ende, an neunter Stelle seiner 45 Minuten langen Rede, Kennedys Antwort auf eine weitere Kränkung: Juri Gagarin hat gerade als erster Mensch die Erde umkreist. "Wir können nicht garantieren, dass wir eines Tages die Ersten sein werden. Aber wir können uns sicher sein, dass wir die Letzten sein werden, wenn wir es gar nicht versuchen."

Die letzte Grenze: der Weltraum

John F. Kennedy, 25. Mai 1961: "Ich glaube, wir sollten zum Mond fliegen. Aber ich denke, jeder Bürger dieses Landes wie auch die Mitglieder des Kongresses sollten sorgfältig abwägen, wenn sie in dieser Angelegenheit entscheiden."

Kennedy benutzt ein starkes Bild, um den Abgeordneten die Entscheidung leicht zu machen - neben dem offensichtlichen Wettrennen gegen die Sowjetunion ist es die "last frontier", die letzte Grenze: "Man kann es nicht überschätzen, wie wichtig diese präsidiale Rede gewesen ist. Sie hat viele Stereotypen bedient und dann die Nation hinter diesem Programm versammelt. Da geht es um den Mythos in der amerikanischen Geschichte." Helmuth Trischler ist Technikhistoriker am Deutschen Museum in München.

"Die Frontier ist die Idee, dass die USA sich von Osten nach Westen bewegt hat und sich diesen riesigen Kontinent allmählich angeeignet hat und die Grenze immer weiter nach Westen verschoben wurde. Diesen Frontier-Mythos kann man plötzlich in eine Grenze hinein verlagern und dann geht es jenseits der Erde in die neue Frontier. Der Weltraum wird erobert."

Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hält am 25. Mai 1961vor dem Kongress in Washington D.C. seine berühmt gewordene Rede zur bemannten Raumfahrt: "I believe this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the Moon and returning him safely to the Earth". Hinten links Vizepräsident Lyndon B. Johnson, rechts Senatssprecher Sam T. Rayburn. Kennedy beschrieb in seiner Rede die Vision einer bemannten Mondlandung noch vor Ende der Dekade  (picture-alliance / dpa / Consolidated Nas)Der amerikanische Präsident John F. Kennedy hält am 25. Mai 1961 vor dem Kongress in Washington D.C. seine berühmt gewordene Rede zur bemannten Raumfahrt. (picture-alliance / dpa / Consolidated Nas)

Kennedy: "Es gibt keinen Streit, kein Vorurteil, keinen nationalen Konflikt, noch nicht. Seine Gefahren sind für uns alle feindselig. Seine Eroberung verdient das Beste der gesamten Menschheit und die Gelegenheit für friedvolle Zusammenarbeit kommt vielleicht nie wieder."

Dierk Spreen: "Und dann hab ich hier mal etwas rausgesucht, da sind so ein paar Klassiker. Wenn Sie sich mit Raumfahrtthemen beschäftigen, kennen Sie die wahrscheinlich." 

Dierk Spreen, einer von sehr, sehr wenigen Raumfahrtsoziologen weltweit, blättert in Berlin-Steglitz in einigen Bänden seiner Privatbibliothek. Bücher, die älter sind als das Apollo-Programm. Er will mir zeigen, was damals längst in der Luft lag.

Dierk Spreen: "Das hier, das ist natürlich der Klassiker aller Klassiker, Wernher von Braun und ein paar weitere: wo die schönen Bildchen drin sind, die man immer wieder findet, das habe ich mir erst letztens antiquarisch besorgt. ..Das ist Noordung." - Hermann Noordung, Raumfahrttheoretiker. -  "Das hat jemand mal neu herausgegeben, habe ich auf der Buchmesse gekauft. Na ja, das ist natürlich der Klassiker. Da sind die rotierenden Raumstationen drin." - Autor: "Das ist das Ding aus den 20er-Jahren?" 

Rotierende Raumstationen mit künstlicher Schwerkraft, Basen auf dem Mond und Bergbaumaschinen, all das wurde lange vor dem Raumfahrtzeitalter entworfen und durchgerechnet. Vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1950er-Jahre schienen Flüge ins All immer realistischer zu werden – und zeitgleich zu Science-Fiction-Autoren und Ingenieuren begannen auch andere, sich mit den fantastischen Möglichkeiten zu befassen.

"Zu der damaligen Zeit haben viele bekannte Autoren, Philosophen, Carl Schmitt auch, was zur Raumfahrt gesagt, weil es ein aktuelles Thema war." 

Der Philosoph und Staatsrechtler Schmitt analysierte in seiner Schrift "Nomos der Erde" im Jahr 1950, wie der Mensch im Laufe der Geschichte immer neue Räume erschloss, durch Technik: Fürs Land brauchte er Straßen, für die See Schiffe, für die Luft Flugzeuge. Und bald käme etwas Neues dazu.

Weltraum ist dem Menschen zum Greifen nah

Schon ein Jahr vor ihm schrieb der Soziologe Helmuth Plessner: In den ersten Weltraumraketen, welche die Versuchsabteilungen der amerikanischen Armee aus dem Gravitationsfeld der Erde gebracht haben, brauchen wir nicht nur verderbenbringende Waffen eines neuen Krieges um die Erdherrschaft zu fürchten. Sie sind zugleich die Vorboten einer kommenden planetarischen Einheit der Völker, wie sie in der Logik der Entwicklung immer umfassenderer politischer Subjekte und ihrer stets intensiver werdenden Interessenverflechtung liegt.

Dierk Spreen: "Der Mensch ist nie das Wesen, das nur da ist, wo es ist. Sondern er lebt immer über sich und über seine Gesellschaft und über die Zeit, in der er lebt, hinaus. Und das muss er auch, weil sonst könnte er gar kein Mensch sein. Und die Raumfahrt passt da wunderbar hinein. Das ist dieses Ausgreifende. Der Weltraum rückt in den Bereich dessen, was Menschen erreichen können."

Die 60er-Jahre zählen die Soziologen zur konstruktivistischen Moderne. Einer Epoche, in der noch alles möglich schien. "Der Weltraum war schon von Anfang an ein Visionsraum für die konstruktivistische Moderne: Weil da oben muss man ja keine Rücksicht nehmen auf irgendetwas, sondern man setzt einfach eine Raumstation dahin und baut die so, wie man Lust hat. Es muss nur irgendwie dafür gesorgt sein, dass sie auch im Orbit bleibt."

Und aus räumlicher Freiheit erwuchs persönliche Freiheit. Der Vordenker der Raketen, Konstantin Ziolkowski, selbst von Kindesbeinen an beinahe taub, formulierte in einem Science-Fiction-Roman einen Aufruf der glücklichen Himmelsbewohner an ihre Gefährten, die noch auf der Erde weilten. "Zieht um zu uns! Hier lebt man buchstäblich im Paradies; das gilt besonders für Kranke und Schwache."

Dierk Spreen: "Da steckt die Idee drin, dass Diskriminierungen aufgrund körperlicher Kriterien nicht legitim sind. Und das verbindet sich auch von vornherein mit der Raumfahrt."

Damals gibt es sie noch: die Idee eines neuen Menschen, die ich aus dem Science Fiction kenne, der sich nun, im anbrechenden Raumfahrtzeitalter, mit grenzenlosem Optimismus paart und mit Verheißungen ohne gleichen. Diesen leeren Raum "befüllt" auch Kennedy. Er verspricht, der Weltraum könne die Probleme auf der Erde lösen. Aber seine Idee klingt völlig fantastisch: 1961 ist das All geradezu unerschlossen. Noch immer explodieren Raketen auf den Startrampen. Schimpansen und Hunde haben gerade erst bewiesen, dass Säugetiere in der Schwerelosigkeit überhaupt überleben können.

Wie ist es dem US-Präsidenten gelungen, den Kongress davon zu überzeugen, ihm für derart schwindelerregende Fantasien so viel Geld zu geben? Neun Milliarden Dollar für die ersten fünf Jahre. Bis zum Ende des Programms wurden es viel mehr. "Man muss sich vorstellen: Es sind damals fast 24 Milliarden Dollar von den USA verbrannt worden, in Anführungsstrichen, was aus heutiger Sicht weit mehr als 100 Milliarden Dollar sind."

Um die Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion zu beweisen: eine vertretbare Summe? Helmuth Trischler: "Wenn wir uns mal überlegen, welche anderen Programme es im 20. Jahrhundert gegeben hat, dann fallen mir auch militärische Programme ein, die noch viel mehr Ressourcen absorbiert haben. Nehmen wir mal den Zweiten Weltkrieg. Nehmen wir mal die deutsche Luftrüstung, ein unendlich aufwendiger militärischer Komplex, der im Zweiten Weltkrieg hier entstanden ist, der in Deutschland ungefähr zwei Millionen Arbeitskräfte gebunden hat. Bei Apollo waren es 400.000 Beschäftigte, die hier gebunden wurden."

Und da war das Manhattan-Projekt, die Entwicklung der Atombombe. "Das hat damals 200.000 Arbeitskräfte absorbiert." All das waren Rüstungsprojekte – und von Aufrüstung haben die Menschen genug, die Erinnerungen an Weltkrieg und Koreakrieg sind frisch. Kennedy kalkuliert das ein, als er seine große Idee formuliert. Der Kongress gibt die Gelder für die Vormachtstellung der Nation. Aber die Öffentlichkeit glaubt an ein großes Menschheitsprojekt – selbst als die 60er-Jahre ihrem Ende entgegengehen.

Der Vietnam-Krieg, ein brutaler und verlustreicher Konflikt, lässt die US-Bürger an der Regierungsarbeit zweifeln. Studentenproteste, gewaltsame Polizeieinsätze, Rassenkonflikte, die Ermordung von Kennedy, Martin Luther King. Selbst der technische Fortschritt erlebt herbe Rückschläge: Die Apollo-Astronauten Gus Grissom, Edward White und Roger Chaffee sterben 1967 bei einem Feuer während des Trainings.

Bei erster Mondlandung schaut ein Sechstel aller Menschen zu

Am Ende klappt es aber doch. Und der Mensch erreicht den Mond. Es gelingt sechs Mal innerhalb von drei Jahren: das kurze Mondfahrtzeitalter der Menschheit. Bei der Landung von Neil und Buzz schauen nach NASA-Schätzung eine halbe Milliarde Menschen zu, ein Sechstel der Erdbevölkerung.

"Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass ich mich daran erinnern kann."

"Ich war bei mir zu Hause bei meinen Eltern damals. Ich war damals elf Jahre alt. Wir hatten erst kurz zuvor, also 1968, zum ersten Mal einen Fernseher."

"Das war meine erste Fernseherfahrung, so verwaschen. Ich weiß, dass ich nur ein ganz kleines Kind war. Aber es waren einfach diese Bilder: Dass da irgendwie - dass da so etwas Weißes vor einem schwarzen Hintergrund war und alle starren spät in der Nacht dahin - vermutlich hat mich am meisten beeindruckt, dass es spät in der Nacht war - auf diesem Monitor und man versteht kein Wort. Und das kann nur die Mondlandung gewesen sein."

"Also einen solch großen Effekt hat es auf mich nicht gehabt, dass wir uns jetzt tagelang in der Schule nur darüber unterhalten hätten. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich mich später mit meinen Mitschülern darüber ausgetauscht habe, merkwürdigerweise."

Hinterlässt die Mondlandung mehr bei den Menschen, als die Erinnerung an eine schlaftrunkene Nacht vor einem winzigen, verrauschten Fernsehapparat? Wohl jeder, der 1969 bereits wach denkend dabei war, kann sich bis heute daran erinnern. Aus Sicht der Soziologen blieb aber kaum etwas davon hängen.

Neil Armstrong mit seinem Kollegen Buzz Aldrin am 20. Juli 1969. (imago/United Archives International)Historischer Moment: Neil Armstrong mit seinem Kollegen Buzz Aldrin am 20. Juli 1969 (imago/United Archives International)

"Es ist eigentlich schon sehr verwunderlich, dass sich die Soziologie nicht weiter mit dem Phänomen beschäftigt hat. Wir haben damals auch versucht, uns das zu erklären. Vielleicht hat es damit zu tun, dass einfach noch nicht so viele Menschen im Weltraum gewesen sind." Das sagt Dierk Spreen, der Politikerreden schreibt, während er seine raumfahrtsoziologischen Studien als Hobby betreibt. Dabei sind die Gesellschaftswissenschaften seit den 60er-Jahren nicht frei von neuen Diskursen: Gleichberechtigung oder die Globalisierung rütteln nur wenige Jahre nach der Mondlandung die Forschung auf. "Das kann aber auch damit zu tun haben, dass in der Soziologie letztendlich so ein Unter-zwei-Meter-Paradigma herrscht, dass man auf Augenhöhe über dem Boden bleibt."

Das öffentliche Interesse erlahmt mit den weiteren Mondlandungen wieder. Mit Ausnahme der Beinahe-Katastrophe von Apollo 13 beschäftigen die Menschen der frühen 70er-Jahre ganz andere Dinge. Es sind irdische Probleme, die immer mehr in den Vordergrund rücken. Dierk Spreen: "Das waren ja die 70er-Jahre. Die Krise war da schon da. Und seitdem hat sie uns wohl auch nicht mehr verlassen."

Auch die Raumfahrt wird bescheidener, die Budgets werden gekappt. Helmuth Trischer: "Das bricht mit Apollo ab. Und schon mit dem Post-Apollo-Programm kommt ein anderer Rechtfertigungszwang ins Spiel. Die NASA ist mit dem Ende des Apollo-Programms in eine enorme Krise hineingeraten."

Und die Zeitenwende hin zu einer interplanetaren Spezies – hat es wirklich gar nichts mit den Menschen gemacht? "Sie hatten das Rennen gewonnen. Viele Leute dachten jetzt: Warum sollte ich weiterrennen, wenn wir das Rennen gewonnen haben? Wie die meisten Leute, vor allem die jungen, habe ich die Sache damals einfach aus den Augen verloren und für 20 oder 25 Jahre nicht mehr darüber nachgedacht."

Doch Menschen waren zum Mond geflogen, hatten sich 380.000 Kilometer von der Erde entfernt, hatten diese graue, ungastliche und tote Steinwüste umkreist und waren auf ihr spazieren gegangen. "Sie hatten immer und immer wieder den Blick an den Horizont gerichtet: Die Erde ist in dieser Entfernung leicht mit der ausgestreckten Hand zu verdecken. Ein einsamer Fleck in der umhüllenden kosmischen Dunkelheit."

Apollo-Veteranen verschwanden in der Versenkung

Was passierte eigentlich mit diesen zwölf Moonwalkern und ihren Kommandanten im Mondorbit? Der in den USA lebende britische Journalist Andrew Smith hat sich diese Frage vor 17 Jahren gestellt. Neun Moonwalker waren damals noch am Leben; die besuchte er. Smith schrieb ein Buch über die Begegnungen. 

Ich meine, was passiert, nachdem du so etwas Monumentales getan hast, wie auf dem Mond zu sein? Ist der ganze Rest deines Lebens dann nicht ein Abstieg und eine einzige lange Enttäuschung? Das schien mir eine wichtige Frage für uns, die wir auf der Erde leben. Andrew Smith suchte und fand alle noch lebenden Apollo-Veteranen, die ihm ihre Geschichten erzählten. "Ich begann zu erkennen, dass sie sehr interessante und unerwartete Pfade eingeschlagen hatten. Aus einem wurde eine Art New Age-Guru in Florida. Ein anderer wurde Maler und malte nur noch Szenen der Mondlandungen, und das endlos."

"Einen Kommandanten des Apollo-Kommandomoduls fand ich auf einer Star-Trek-Convention, als er Autogramme für 20 Dollar verkaufte. Er war von diesen ganzen Schauspielern umgeben, die vor ihren Tischen lange Schlangen hatten. Und dort war er, der wirklich am Mond gewesen war, und saß an einem Tisch mit gerade zwei oder drei Leuten und manchmal gar keinem."

Auch die wohl berühmtesten Mondfahrer verschwanden nach wenigen Jahren konstanter Publicity in der Versenkung. Andrew Smith: "Neil Armstrong ging von der NASA weg und unterrichtete Luftfahrttechnik an der Universität von Cincinnati. Aber der Druck beständiger Berühmtheit setzte ihm wirklich zu. Er mochte das nicht, kündigte und wurde ein richtiger Einsiedler. Und Buzz Aldrin verkaufte ein paar Jahre nach Apollo 11 Autos."

Die Astronauten plagten bald berufliche Ängste: Drei noch geplante Apolloflüge wurden gestrichen, im Post-Apollo-Programm waren weit weniger Astronauten gefragt und der erste Start des Space Shuttles verzögerte sich. Der Mond setzte aber auch ganz andere Energien frei, etwa bei jenem Astronauten, der beinahe zu einem Guru wurde. Er gründete das "Institute of Noetic Sciences", in dem Telepathie und Hellsehen erforscht werden sollten.

"Edgar Mitchell war auf Apollo 14 geflogen. Auf dem Weg zurück hatte er etwas, das er als Erleuchtung bezeichnete. Er fühlte ein Bewusstsein im Universum und er verbrachte den Rest seines Lebens damit, herauszufinden, was das war. Er war umgeben von Leuten, die an paranormales Zeug glaubten, was er nicht tat. Er versuchte, rationale Erklärungen für das alles zu finden."

Andrew Smith: "Sie waren alle um die 30, 40 Jahre alt. Und nachdem sie auf dem Mond waren, mussten sie etwas ganz Anderes finden. Wenn Sie gutes Material für eine Midlife-Krise suchen. Bitte schön: Das ist wie der perfekte Sturm."

So hätte man sich das Ganze nicht vorgestellt: Der Aufbruch endete mit einem Absturz. Manche Astronauten machten zwar weiter bei der NASA Karriere. Aber dieses erhabene Gefühl, als Menschheit einen großen Schritt vorangekommen zu sein, dürften zumindest die Astronauten in den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr kaum noch empfunden haben. 

"Hätte die erste Apollo-Mission den Mond lieber nicht erreichen sollen? Und hätten wir nicht zum Mars weiterfliegen sollen?" Als diese Worte von Darsteller William Shatner gesendet wurden, die 50. Folge von Star Trek, schrieb man das Jahr 1968. Der Science Fiction antizipierte den Aufbruch ins All. Dierk Spreen, heute raumfahrtbegeisterter Soziologe, stürzte sich in seiner Jugend auf die Romanheftreihe Perry Rhodan, ein Plot der erstmals parallel zu Kennedys großen Versprechungen erschien.

"Damals ging es los mit der Mondlandung. Das ist das Erste. Der hier ist extra verpackt, weil es die Originalfassung ist. Wir gucken mal in den Nachdruck rein." Eine Science-Fiction-Geschichte von 1961, acht Jahre vor der ersten Mondlandung. Der US-Major Perry Rhodan landet darin auf dem Mond. Dierk Spreen: "Und die finden dann auf dem Mond ein fremdes Raumschiff einer anderen Rasse, eignen sich letztendlich die Technologie an. Und damit geht die ganze Story los."

Begrenzter menschlicher Blick auf seinen Planeten

Ein neues Zeitalter, markiert durch die Mondlandung. Dierk Spreen: "Das merkt man auch, wenn man das liest. Es ist eine Aufbruchstimmung. Wir können das; wir machen das. Bei Perry Rhodan sind damit auch immer politische Gerechtigkeitsfragen verbunden. Also wenn wir das können, dann können wir auch die Welt besser machen. Dann können wir auch dafür sorgen, dass sich die Menschen nicht mehr bekriegen müssen."

Es ist ein Motiv, den der Science Fiction jener Zeit gerne rezipiert. Im Roman 2001, A Space Odyssey von Arthur C. Clarke, der noch 1968 auch als Kinofilm von Stanley Kubrick erscheint, ist es ein außerirdischer Monolith, den Astronauten auf dem Mond finden. Science Fiction und Realität scheinen zu verschmelzen, um dann doch getrennte Wege zu gehen. 

Am Ende finde ich doch noch den Hinweis auf den neuen Menschen in der realen Welt, den ich schon die ganze Zeit suche. Ausgerechnet Guru-Astronaut Edgar Mitchell liefert ihn. Er steckt in einem Vorwort, kurioserweise eines Buchs über den Bau von Ufos von 1974. Edgar Mitchell: "Die Aussicht aus dem All hat mir wie kein anderes Ereignis meines Lebens gezeigt, wie begrenzt der Blick des Menschen auf sein eigenes Leben und auf den Planeten ist. In unserem übersättigten Wissen und unserer knappen Weisheit sind wir kurz davor, den Rand globaler Zerstörung zu erreichen."

Das neue Zeitalter: Beginn der Umweltbewegung. "Die Möglichkeit eines nuklearen Armageddon ist sehr real. Die Möglichkeit unseres Aussterbens durch die Umweltverschmutzung ist genauso real. Und letztere wirkt nur wenig langsamer als Kernspaltung oder Fusion. Selbstverständlich werfen diese menschgemachten Gefahren für die Erde einigen Zweifel an der Überlegenheit menschlicher Intelligenz auf."

Der Aufgang der Erde über dem Mond, fotografiert von Apollo 8 (NASA)Eine der Ikonen der Raumfahrt: "Earthrise", beobachtet von den Astronauten an Bord von Apollo 8 (NASA)

Astronaut William Anders hatte beim Vorbeiflug am Mond 1968 ein Bild geschossen, vielleicht das Bild der bemannten Mondfahrt. Earthrise, der Erdaufgang. Es wurde zum Symbolbild dieser neuen Zeit. Aus soziologischer Sicht beginnt die reflexive Moderne. Der Mensch beginnt, die Probleme seines Schaffens zu erkennen. "Diese Erfahrung der Fragilität der Erde, diese Verletzlichkeit, diese dünne Schicht der Erdatmosphäre: Man sieht plötzlich diese ikonischen Bilder, die einen neuen Blick auf die Menschheit ermöglichten, die auch unter Bedrohung steht. Man blickt jetzt plötzlich von außerhalb der Erde, vom Kosmos, auf die Erde zurück und wird auch zurückgeworfen auf die eigene Menschheit."

"Dafür muss man zum Mond fliegen?" Offensichtlich muss man dafür zum Mond fliegen. Man musste es, um diese, im wahrsten Sinne des Wortes, neue Perspektive zu erfahren und zu sehen. "Das ist eines der Dinge, die mir an Apollo gefallen. In jeder Ebene erinnert es uns daran, wie komplex der Mensch ist. Denn es war in jeder Hinsicht eine dumme Idee. Ich meine, was soll das? Wir sind hingeflogen und haben auf dem Mond gesessen, was wir wirklich auch mit Robotern hätten tun können. Die Forscher hatten das ursprünglich sowieso vorgehabt. Wir haben nicht wirklich viel Forschung gemacht. Und die hätten wir anders viel günstiger und einfacher haben können. Und trotzdem: Hätten Sie gern, dass die Mondlandung nicht passiert wäre? Nein!"

Nach Apollo verliert die Raumfahrt ihr futuristisches Antlitz: Sie soll nicht mehr um ihrer selbst, als Zeichen des Aufbruchs des Menschen ins All existieren. Die internationale Raumstation, deren Preisschild von über 100 Milliarden Dollar im Bereich des Apollo-Programms rangiert, zeigt genau das. "Das Post-Apollo-Programm, der Bau des Shuttles und der Internationalen Raumstation hat dann eine ganz andere politische Argumentationslinie eröffnet. Und die geht viel stärker in diese Richtung, der Verknüpfung der Raumfahrt mit ökonomischen Zielen."

Raumfahrt muss jetzt nützlich sein

"Es ist ein gesellschaftliches Projekt. Also müssen Sie sich auch die Fragen stellen lassen, die sich alle anderen gesellschaftlichen Akteure auch stellen lassen. Und dass die Raumfahrt, wie das jetzt lange Zeit war, quasi in elitären Zirkeln ausgehandelt wird, irgendwie zwischen Politik und Lobbygruppen: Mit zunehmender Integration der Raumfahrt in die Gesellschaft wird das hinterfragt." Jetzt, im Jahr 2019, will mich trotz alledem ein Gefühl nicht verlassen: Dass wir noch immer, oder wieder, etwas von diesem Gefühl in uns tragen.

John F. Kennedy, September 1962: "Der Weltraum kann erforscht und beherrscht werden, ohne das Feuer des Krieges zu schüren, ohne die Fehler zu wiederholen, die der Mensch gemacht hat als er sich auf unserem Globus ausgebreitet hat."

Donald Trump klingt zwar ganz anders als Kennedy, wenn er den Mond zum neuen Ziel der NASA macht – denn spätestens im zweiten Satz erklärt Trump das All zum neuen Schlachtfeld für das US-Militär. Auch Indien testete im März 2019 eine Anti-Satellitenwaffe, elf Jahre nach dem ersten derartigen Test Chinas.

John F. Kennedy, Mai 1962: "There is no strife, no prejudice, no national conflict in outer space as yet." Anders als 1962 versprochen sind Streit, Vorurteil und nationaler Konflikt im All angekommen. Doch das Motiv von damals spiegelt sich in den Fantasien für eine kommerzielle Raumfahrt, bei der bald jeder auf Neil Armstrongs Logenplatz im Meer der Ruhe Platz nehmen kann. Die neuen Kennedys, die dieses Zeitalter einleiten, heißen gar nicht Donald Trump oder Xi Jinping, sondern Elon Musk und Richard Branson.

"Das ist nun die Frage: Elon Musk und Richard Branson, und andere auch, sprechen von democratization of space travel."

"Ein neues Paradigma: Jeder, der es sich leisten kann, kann Weltraumfahrer werden. Selbst der US-Teil der ISS soll bis 2025 kommerzialisiert sein. Die Liste nützlicher Innovationen wird unterdessen immer länger: GPS, Notrettung nach Naturkatastrophen, Satelliten-Fernsehen und bald ein globales Breitband-Internet."

"Wo ich auch hingucke, sehe ich, dass sich die Raumfahrt quasi immer mehr in die Gesellschaft integriert und nicht mehr einfach nur eine Sache für sich ist. Und das bedeutet, dass sie damit auch zu einem sozialen Phänomen wird und deswegen auch Gegenstand der Soziologie."

Vielleicht kann uns das demokratisierte All sogar helfen, etwas zu beseitigen, das Dierk Spreen die irdische Kleingartenmentalität nennt und über die Astronauten naturgemäß den Kopf schütteln. "Man wird keine heile Welt zurückgewinnen, indem man eine Hecke rundherum zieht, zumal es sie in dieser Form sowieso nie gegeben hat. Das ist eine Illusion. Und die Raumfahrt macht das nun mal ganz offensichtlich. Sie macht uns klar, dass es diese Idee, meine Gemeinschaft, meine Gruppe, meine Nation quasi von der Welt abzuschotten, dass das nicht funktioniert. Wir gucken drauf und sehen: Ja wo ist denn die Nation? Ja nix!"

Vom Mond aus betrachtet ist auch Donald Trumps Mauer unsichtbar – und unerheblich. Und wenn das nur ausreichend viele Menschen erfahren haben, vielleicht ändern wir uns ja wirklich? Vielleicht klappt es ja dieses Mal mit dem großen Schritt für die Menschheit?

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