Archiv


Wasser im U-Bahn Schacht

Technik. - Menschen siedelten gerne nahe an Trinkwasser, also vor allem an Flüssen. Von strategischem Vorteil war stets auch eine Lage am Meer. Doch den Vorteilen stehen auch Probleme gegenüber, wie etwa häufige Überschwemmungen. Die Nachfahren der Gründer - die heutigen Städteplaner - treffen sich ab Dienstag im japanischen Kobe zum und beraten aktuelle Präventions- und Hilfskonzepte.

Von Michael Fuhs |
    Mitten in der Nacht fing es an zu regnen. Erst war die Kanalisation überlastet. Um neun Uhr morgens trat der Fluss über die Ufer. Um zehn nach zehn flutete Wasser in die Hakaka Station der Untergrundbahn im japanischen Fukuoka. Das war am 29. Juni 1999. Srikantha Herath von der United Nations University in Tokyo hat den Vorfall untersucht:

    Es war kein katastrophales Desaster. Die Deiche haben gehalten, das Wasser floss nur darüber. Aber stellen Sie sich vor, dass die Deiche gebrochen wären oder dass viel mehr Wasser gekommen wäre, dann hätte es eine Katastrophe gegeben. Das Risiko müssen wir einschätzen, weil unsere Konstruktionen meistens nur bis zu einer gewissen Grenze ausgelegt sind, die in einer bestimmten Zeit immer wieder erreicht wird. Aber wir müssen einschätzen, was passiert, wenn die Deiche nicht halten, was vielleicht einmal in 200, einmal in 1000 Jahren geschieht.

    Der Wissenschaftler organisiert auf der Weltkongress über Katastrophenschutz in Kobe, Japan, Veranstaltungen über solche extremen und gleichzeitig sehr seltenen Katastrophen. Das kann alles sein, was so vereinzelt auftritt, dass die Erfahrung im Umgang damit in den betroffenen Regionen fehlt. Zum Beispiel Erdbeben, extreme Dürre, Tsunami oder auch Jahrhundertereignisse wie die Elbflut vor zwei Jahren. Srikantha Heraths besonderes Augenmerk gilt unterirdischen Räumen: U-Bahn Schächten, Parkhäusern, Einkaufszentren. Er erstellt Modelle, um das Eindringen von Wasser vorherzusagen und die Evakuation der Menschen zu planen.

    Als wir anfingen, haben wir gemerkt, dass viele notwendige Informationen über die Untergrund-Sicherheit fehlen. Zum Beispiel wie die einzelnen Schächte verbunden sind, wie viele Menschen sich dort zu einer bestimmten Tageszeit aufhalten und was es für Möglichkeiten gibt, das Wasser abzupumpen.

    In Japan liegen viele große Städte mit moderner Infrastruktur in gefährdeten Gebieten und Wassereinbrüche in U-Bahnsysteme kommen immer wieder vor. Doch ganz besonders von Katastrophen betroffen sind die ärmeren Regionen der Erde. Megastädte in Asien, Afrika und Lateinamerika wachsen planlos und die neu ankommenden Menschen siedeln in Gebieten, oft Slums, die nicht ohne Grund unbewohnt geblieben sind. Sie liegen oft an steilen Hängen, die abrutschen können, oder in Überschwemmungsgebieten. Wie verwundbar Städte sind, erforscht Janos Bogardi vom Institut für Umwelt und Menschliche Sicherheit der United Nations University in Bonn. Am einfachsten ist der zurückschauende Verwundbarkeitsindikator berechenbar. Er wird danach bestimmt, wie sehr die Bevölkerung bei vergangenen extremen Katastrophen gelitten hat.

    Wir arbeiten dagegen an einem vorausschauenden Indikator, der versucht zu beschreiben, wie groß die Verwundbarkeit bei einer Katastrophe ist, bevor sie eintritt. Wir müssen Fallstudien machen, sehen, wie diese zurückschauenden Indikatoren mit anderen Parametern verbunden sind, die wir heute schon messen können. Wir können den Zustand der Infrastruktur, des Abwassersystems, die Qualität der Autokarten und ihre Verfügbarkeit im Notfall beurteilen. Wir müssen aber auch soziale Studien durchführen. Die Leute fragen, ob sie an die Gefahren denken, was sie als größte Bedrohung empfinden, wie sie handeln könnten, wenn das Wasser ein Meter hoch in den Straßen steht.

    Die neuen Bewohner der Megastädte kommen aus ländlichen Gebieten in eine sehr fremde Umgebung. Sie wissen nicht, was für Gefahren drohen und wie sie sich im Notfall verhalten können. Heutzutage glaubt man nicht mehr - so Janos Bogardi - dass sich extreme Katastrophen ganz verhindern ließen. Deshalb müssen die Menschen darauf vorbereitet sein. Auch in Deutschland, damit sie im Falle einer Flut nicht - wie geschehen - noch schnell versuchen, ihr Auto aus der Tiefgarage zu retten. Und Städte sollten so geplant werden, dass möglichst wenig passieren kann. In Tokio sind zum Beispiel manche U-Bahn Eingänge hochgelegt, so dass Wasser nicht so schnell hinein fließen kann.