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Wassermusik aus längst verschollenen Instrumenten

Technik. – Italienische Restauratoren sind bei der Wiederherstellung ihrer historischen Kultur- und Kunstgüter weltweit Avantgarde und werden oft aus aller Welt zu Hilfe gerufen, wenn etwa ein altes Gemälde oder Buch dem Verfall entrissen werden soll. Die tiefe Kenntnis der eigenen Geschichte ist aber auch steter Quell für neue Ideen, längst Vergangenes nochmals zu Leben zu erwecken. Dieses Kunststück gelang jetzt auch einem italienischen Wasserbauingenieur, der seltene Instrumente des 16. Jahrhunderts alleine auf Basis weniger technischer Dokumente nachbaute: Wasserorgeln. In Tivoli bei Rom wurden jetzt zwei der weltweit einzigartigen Instrumente der Öffentlichkeit übergeben.

26.08.2003
    Die Orgel der Renaissance-Villa d'Este in Tivoli bei Rom spielt, doch weder ein Musiker greift dabei in die Tasten, noch sorgt ein manuell oder elektrisch betriebener Blasebalg für den stimmgebenden Lufthauch. Denn allein Wasserdruck sorgt dafür, dass den Pfeifen der weltweit einzigen, voll funktionstüchtigen Wasserorgel nicht die Luft für ihr Spiel ausgeht. Dem Wasserbauingenieur Paolo Lombardi ist es zu verdanken, dass dieses Wunder der Technik nach über fünf Jahrhunderten und etlichen Jahren Bauzeit mit seinem Klang wieder Besucher in den Bann zieht. Doch am Anfang des Vorhabens stand zunächst gründliche und schwierige Recherche, denn der ambitionierte Ingenieur konnte keineswegs auf eine komplette Bastelanleitung der alten Meister zurückgreifen. Vielmehr musste Lombardi über Jahre hinweg einzelne Mosaiksteinchen an Informationen aus den wenigen noch verfügbaren altgriechischen - vor allem hellenistischen - sowie aus Renaissancedokumenten zusammentragen, aus denen er dann einen Plan zum Bau jener Wasserorgeln schuf, die heute den Park der Villa d'Este bereichern.

    "Um zu begreifen, wie diese Orgeln funktionierten, studierte ich das gesamte hydraulische Wassersystem dieser Villa, die mit ihren 1.500 Brunnenlöchern in Europa einmalig ist. Ohne das inzwischen verloren gegangene Wissen der Funktionsweise dieses Systems hätte ich die Orgelbrunnen nicht restaurieren können", schildert der findige Autodidakt. Kein leichtes Unterfangen, denn um ihre Gäste mit einer vollautomatischen Wasserorgel zu beeindrucken, erschufen die Erbauer des Anwesens vor über 500 Jahren ein komplexes System aus Wasserleitungen und Brunnen, aus denen die zahlreichen Wasserspiele gespeist wurden. Zunächst wurde das Nass im so genannten "castellum aquae" gesammelt. Aus diesem in einem künstlichen Hügel hinter dem Orgelbrunnen versteckten Becken fällt das Wasser dann über ein 30 Zentimeter breites Rohr rund zwei Meter tief zur Orgel hinunter. Dieser Sturz, erklärt Paolo Lombardi, bringt nicht nur das Nass zur Orgel, sondern verschafft auch den Pfeifen die nötige Luft. "In diesem Miniwasserfall muss eine exakte Luftmenge eingefangen werden. Doch wie viel Luft man benötigen würde, dazu lagen uns keine Dokumente vor." Allein um die richtige Luftmenge für die Orgelpfeifen zu ermitteln, seien über Monate hinweg mühsame Experimente nötig gewesen, bis klar war, dass für einen kraftvollen Klang auf einen Liter Wasser etwa zehn Liter Luft entfallen müssen.

    Die Luft gelangt mit der gleichen Geschwindigkeit in das Auffangbecken der Orgel wie das Wasser und wird dann über ein schmales Rohr in die Orgelpfeifen gepresst. Nur wenn der nötige Druck aufgebaut wird, kann den Stimmrohren auch ein passabler Ton entlockt werden. Das Wasser wiederum treibt eine Metallturbine an, auf der - wie auch bei kleinen Handdrehorgeln – Zentimeter große Erhebungen sitzen und die Melodie vorgeben, indem sie nach einem vorgegeben Programm die einzelnen Orgelpfeifen öffnen und schließen. Erst das exakt abgestimmte Verhältnis von Wasser, Luft und Kraft macht es möglich, dass die Musik der Renaissance über dem Park erklingt. Nach dem gleichen Prinzip, aber mit einer ganz anderen Melodie arbeitet dagegen die zweite Wasserorgel Lombardis: am so genannten "Brunnen der Eule" stellt eine Orgel das Trällern von Vögeln nach.

    [Quelle: Thomas Migge]