Freitag, 25.09.2020
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteUmwelt und VerbraucherGeplanter Vorrang für Trinkwasser stößt auf Kritik27.08.2020

Wasserversorgung in NRWGeplanter Vorrang für Trinkwasser stößt auf Kritik

Die Trinkwasserversorgung in NRW soll künftig Vorrang vor anderen Wasserentnahmen haben, das plant die Landesregierung. Doch es hagelt Kritik an dem Gesetzesentwurf, nicht nur von Umweltschützern. Vertreter aus Industrie, Wirtschaft und Landwirtschaft fürchten, bei der Wasserentnahme benachteiligt zu werden.

Von Vivien Leue

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
An einem Wasserspender der Berliner Wasserbetriebe füllt sich ein Passant seine Trinkflasche mit Wasser auf.  (dpa/Jörg Carstensen)
Experten erwarten, dass Grundwasserpegel absinken und es Probleme mit dem Trinkwasser geben wird. (dpa/Jörg Carstensen)
Mehr zum Thema

Wasserknappheit Wie die Trinkwasserversorgung in Deutschland funktioniert

Pandemie und Stadtplanung Die Post-Corona-City

UN-Beschluss vor zehn Jahren Als sauberes Wasser zum Menschenrecht wurde

In Nordrhein-Westfalen hat sich das Landesparlament gestern Abend in erster Lesung mit einem neuen Wassergesetz für NRW befasst: Ziel des neuen Gesetzes ist es laut schwarz-gelber Landesregierung, die Trinkwasserversorgung im Land zu stärken. Aus Verbrauchersicht klingt das erst mal gut. Doch es jedoch scharfe Kritik am Gesetzesentwurf. Im nächsten Schritt werden Expertenanhörungen in den Ausschüssen die geplanten Änderungen noch mal genau unter die Lupe nehmen.

Ein Tropfen Wasser kommt am 21.03.2013 aus einem Wasserhahn in Frankfurt (Oder) (dpa / picture alliance / Patrick Pleul) (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Wie die Trinkwasserversorgung in Deutschland funktioniert
Zu jeder Zeit Trinkwasser aus dem Wasserhahn, daran sind wir gewöhnt. Doch wenn es weniger regnet, wird die Wasserversorgung unsicherer. Wo das Trinkwasser in Deutschland herkommt – ein Überblick.

Was sieht die Gesetzesnovelle vor?

Die NRW-Landesregierung möchte, so sagt sie, die Trinkwasserversorgung stärken. Konkret soll sie Vorrang vor anderen Wasserentnahmen haben.

Denn die Trockenheit der vergangenen Jahre hat zugenommen, und dadurch gibt es immer mehr Konflikte zwischen öffentlicher Versorgung, eben Trinkwasser, aber auch der Wirtschaft, Industrie und landwirtschaftlicher Nutzung, also zum Beispiel Bewässerung. Und deshalb hat die Landesregierung gesagt wir müssen hier eine Art Rangordnung aufstellen.

Kurz zum Hintergrund: das Umweltbundesamt hat unter Berufung auf Daten des Statistischen Bundesamtes 2016 ausgerechnet, dass etwas mehr als die Hälfte des Wasserverbrauchs auf die Energiewirtschaft entfällt, knapp ein Viertel auf Bergbau und verarbeitendes Gewerbe und die öffentliche Wasserversorgung, also zum Beispiel Trinkwasser, machen knapp 21 Prozent aus. Die Landwirtschaft liegt im einstelligen Prozentsatz. Das heißt, diese etwa 20 Prozent Trinkwasserversorgung sollen auf jeden Fall immer gewährleistet sein.

Ist Wasserknappheit eine reale Gefahr?

Vor ein paar Tagen musste in Ostwestfalen kurzzeitig ein Schwimmbad schließen, weil Wasser fehlte. Allein im letzten Sommer, das zeigen Bilanzen, sanken in vielen Talsperren in NRW die Wasserspiegel zum Teil stark. Und Experten erwarten, dass sich diese Situation im Zuge des Klimawandels tatsächlich noch verschärfen kann - dass Grundwasserpegel absinken und wir Probleme mit dem Trinkwasser bekommen.

Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Lauenau zapfen Löschwasser aus dem Tank eines ihrer Einsatzfahrzeuge. In der Gemeinde im Landkreis Schaumburg ist die Wasserversorgung nach warmen Tagen und während der Corona-Pandemie zusammengebrochen. Die Abnahmemenge im privaten Bereich sei drastisch gestiegen.  (dpa / Moritz Frankenberg) (dpa / Moritz Frankenberg)Wasserknappheit - Bürgermeister: Verbraucher sollten Verhalten hinterfragen
In Lauenau in Niedersachsen drohte die Wasserversorgung zu kippen. Lauenaus Bürgermeister appelliert deshalb an die Bevölkerung, sparsamer mit Wasser umzugehen. 

Von wem kommt Kritik und warum?

Das Problem ist, dass mit dieser Änderung nicht nur die Trinkwasserversorgung gestärkt werden soll, sondern auch noch andere Punkte geändert werden sollen. Künftig soll zum Beispiel auf Gewässerrandstreifen verzichtet werden und auch der Rohstoffabbau in Trinkwasserschutzgebieten soll wieder erlaubt werden. Das kritisieren unisono fast alle Umweltverbände im Land Nordrhein-Westfalen. Zur Erklärung: Gewässerrandstreifen schützen Gewässer davor, von der Landwirtschaft zum Beispiel durch Düngemittel oder Pestizide vergiftet zu werden. Wenn sie wegfallen, gibt es diesen Schutz nicht. Und Wassernutzungsrechte, also zum Beispiel Rohstoffabbau in Trinkwasserschutzgebieten, das hört sich für die Umweltverbände natürlich auch sehr dramatisch an.

Ist die Gesetzesnovelle eine Mogelpackung?

In Bezug auf die Gewässerrandstreifen sagt die Landesregierung, die sei ja schon in der Düngeverordnung vorgesehen, das sei da schon geregelt. Doch das stimmt nur zum Teil. Ja, sie sind dort geregelt, aber diese Gewässerrandstreifen müssen dort nur in Hanglagen, wo das Wasser dann eben auch den Hang hinunterfließen kann, eingerichtet werden.

Die Landesregierung beharrt darauf, dass sie tatsächlich nur das Trinkwasser schützen will. Und jetzt werden Expertenanhörungen in den Ausschüssen das eben noch mal genau unter die Lupe nehmen müssen.

Gibt es Pläne zur Wasserversorgung auf Bundesebene?

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat für 2021 eine nationale Wasserstrategie angekündigt. Auch da soll es darum gehen, ähnlich wie NRW es jetzt plant, eine Art Hierarchie für die Nutzung von Wasser aufzustellen. Denn die Probleme werden sich wohl in den kommenden Jahren verschärfen, sagen Experten. Die Versorgung mit Trinkwasser muss auch dann, wenn Grundwasserpegel absinken, immer gewährleistet sein.

Schulze sagte aber, nach der Trinkwasser-Bereitstellung werde es spannend. Da müsse dann darüber diskutiert werden, ob zum Beispiel ein Schwimmbad oder die Bewässerung von Gärten vorrangig sei. Die Landwirtschaft hat hier schon gesagt, wir sind auch wichtig. Wir produzieren die Lebensmittel und müssen unsere Flächen zum Teil beregnen. Da wird es noch große Diskussion geben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk