Archiv


"We won the ashes series!"

Man muss wohl im Vereinigten Königreich oder in einer seiner Ex-Kronkolonien geboren sein, um der Faszination des Cricket zu verfallen und all seine komplizierten Regeln zu verstehen. Tatsache aber ist – die Insel steht Kopf, seit vor wenigen Tagen England Australien im Cricket besiegte.

Von Jochen Spengler |
    "Here is Tremlett…and it’s all over. England had won the test match. England had won the ashes series 3:1. The first series win here for 24 years…."

    Erstmals seit 24 Jahren hat England in Australien den Ländervergleich, die so genannten Ashes, gewonnen. Balsam für die verletzte englische Sport-Seele nach dem kläglichen Abschneiden bei der Fußball-WM im Sommer und der erfolglosen Bewerbung um die Austragung der WM 2018. Zumal Cricket seit dem 18. Jahrhundert der Nationalsport des Inselreichs ist, englischer noch als Fußball und auch älter.

    Dass Cricket mit den blütenweißen Spielermonturen, den Mittags- und Teepausen zur feinen, britischen Lebensart gehört, diese Erkenntnis hat Großbritannien in seinem gesamten Commonwealth verbreitet. Und die Kolonien lernten schnell. Im Jahre 1882 traten im ovalen Cricketstadion in London England und Emporkömmling Australien bereits zum neunten Mal gegeneinander an, doch erstmals gewannen die Australier. Eine so unfassbare Niederlage, dass ein Sportjournalist folgende Traueranzeige schrieb: "In liebevoller Erinnerung an das englische Cricket, das am 29. August 1882 im Oval starb. Der Leichnam wird verbrannt und die Asche nach Australien gebracht werden."

    Seither geht es im ewigen Prestige-Duell alle zwei Jahre darum, die "Ashes", die liebevoll in einer Urne aufbewahrt werden, zurückzubringen, zurück zu gewinnen. Doch damit hat sich England in den letzten Jahrzehnten schwer getan. Die Aussies dominierten. Bis letzten Freitag

    "Wir wollten die Serie auf hohem Niveau beenden und zeigen, dass wir es verdient haben, die Serie zu gewinnen."

    sagt der englische Kapitän Andrew Strauss.

    "Nun ist uns das gelungen und wir können einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und sehr stolz auf das sein, was wir erreicht haben."

    Das klingt schon fast zu bescheiden, denn England gewann die Ashes in überragender Manier – mit 3 zu 1 und mit etlichen neuen Rekorden und Meilensteinen für die ausgefeilte Cricket-Statistik. 20.000 mitgereiste Fans waren begeistert und sprachen vom schönsten Tag in ihrem Leben:

    "It’s amazing. Best week of my life ever…"

    In der Serie der insgesamt fünf Länderspiele, die sich jeweils über fünf ganze Tage hinziehen und die seit Ende November in Down Under ausgetragen wurden, endete eines Unentschieden. Einen Test hat die englische Auswahl knapp verloren, aber drei souverän gewonnen. Souverän bedeutet: England erzielte in nur einem Spieldurchgang, dem sogenannten innings, jeweils mehr Punkte als Australien in zwei innings erreichte. Eine unglaubliche Leistung, preist Britanniens Premierminister David Cameron:

    "To win three matches by more than an innings in Australia is an incredible achievement."

    Und auch Australiens Kapitän gibt zu, vom Gegner an die Wand gespielt worden zu sein

    "No doubt, I think England has outplayed us througout this series."

    Selten trafen die englischen Bowler besser, die versuchen müssen, mit ihren Würfen, das Holzstäbchen zu treffen und den davor verteidigenden, gegnerischen Batsman, den Schlagmann, aus dem Match zu schießen.

    Herausragend aber war vor allem ein englischer Batsman, der die australischen Werfer zur Verzweiflung trieb, weil er mit seinem flachen Schläger deren Würfe serienweise abwehrte und punktete.

    Alastair Cook heißt er, ist 26 Jahre jung und ausgesprochen gut aussehend mit dunklen Augen und schwarzem Haarschopf – ein Modellathlet, der auch schon modelte. Doch das ist es nicht, was ihn zu Englands Hero macht und Sonderseiten in allen Zeitungen füllt. Es ist seine unglaubliche Bilanz. Er stand während der Ashes insgesamt 36 Stunden und 11 Minuten an der Schlaglinie und erzielte mit 766 Punkten das beste Ergebnis eines englischen Schlagmanns seit 1929. Allein im letzten Test machte er 488 Minuten lang 189 Punkte in Folge.

    "Ob ich das noch einmal leisten kann, was ich erreicht habe, das wäre schon erstaunlich, aber sehen Sie, ich kann es noch nicht glauben, was ich geschafft habe und das Team ebenso - deswegen werden wir uns einfach nur hinsetzen und es genießen."

    Alastair Cook ist vermutlich Großbritanniens nächster Sportler des Jahres, ein Athlet, nach dem das Land dürstet angesichts der miserablen Bilanz des einstigen Hoffnungsträgers und Fußballers Wayne Rooney. Aber Cook ist kein enfant terrible, sondern ein Cricketspieler ohne Affären, ideal als Vorbild. Guy Fletcher, Cooks ehemaliger Sportlehrer in Bedford:

    "Er war ein toller Kerl, ein fleißiger Junge der alles konnte. Heutzutage besorgt es mich etwas dass man alles aufgeben soll, um auf dem top level Sport zu betreiben. Alastair aber war Musiker, wer war im Chor, hat Klarinette gespielt, er war gescheit, er spielte Rugby, Squash und natürlich Cricket. Und er hatte immer Zeit zu spielen. Jeder gute Sportsmann ist darauf aus, mehr Zeit zu haben. Jeder andere macht und tut und organisiert, aber Alastair hatte immer Zeit."

    Der gibt sich heute leise und zurückhaltend:

    "Wir hatten verblüffende zwei Monate und haben schon gesagt, dass wir uns noch weiter verbessern müssen. Unser Trainer Andy Flower wird es nicht erlauben, dass wir es uns leicht machen, er wird fordern, dass wir besser und besser werden. Und das wird uns zugute kommen."

    Tatsächlich hat England Cricketteam ambitionierte Ziele. Es will nach den Ashes den Weltcup gewinnen und in der Weltrangliste von Platz drei aus weiter hochrücken. Derzeit liegen Indien und Südafrika noch auf Platz 1 und 2.