Mittwoch, 28. September 2022

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Weggesperrt und vergessen

Behinderte Menschen in Russland sind die Außenseiter der Gesellschaft. Häufig werden sie in geschlossenen Heimen versteckt und mit Medikamenten ruhig gestellt. Doch es gibt auch erfreuliche Ausnahmen: Die Moskauer Schule des Heiligen Georg gehört dazu.

Von Elfie Siegl | 18.01.2012

    Dima und Olga singen gerne alte russische Volkslieder, wenn sie basteln. Die beiden sind Autisten und lernen in der Näh- und Webwerkstatt der Behindertenschule des Heiligen Georg in Moskau. In der Mitte des Raums steht ein großer Arbeitstisch, in einer Glasvitrine an der Wand sind selbst gebastelte Gnome, Stofftiere, Schürzen und Pantoffeln ausgestellt – es sind Arbeiten der Schüler. Die kleine Werkstatt wird von Irina Bronislawna geleitet. Ihre Tochter Shenja ist mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen.

    "Ich bin eigentlich Kindergärtnerin. Als Shenja geboren war, hörte ich von der Behindertenschule. Ich kam oft hierher und habe allmählich begonnen, mit behinderten Kindern zu arbeiten. Man muss viel lernen. Ich besuche Seminare und lese Fachbücher."

    Irinas Tochter Shenja arbeitet in der Holzwerkstatt. Sie sitzt auf einem Stuhl und schmirgelt unermüdlich, ohne aufzublicken, die Innenfläche einer Schale. Ihr Nachbar Wadim hat eine Holzschüssel auf den Knien und poliert sie. Ob es ihm in der Schule gefällt, fragt Tamara Isajewa. Bis jetzt ja, antwortet Wadim. Die Heilpädagogin und Logopädin Tamara Isajewa hat früher in Moskau einen Kindergarten für Menschen mit Behinderung geleitet. Aus dem ist dann Mitte der 1990er-Jahre die Schule hervorgegangen.

    "Viele Jahre war dies die einzige Schule für Behinderte in Moskau. Die Schule ist nicht groß. Sie hat nur 36 Schüler – Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wir sind keine staatliche Schule."

    In der Sowjetzeit kamen Menschen mit Behinderung in Russland in geschlossene Heime, die sogenannten Internate. Sie wurden weggesperrt und geächtet, weil sie nicht in die leistungsorientierte sozialistische Gesellschaft passten.

    Tamara Isajewa: "Wenn ein behindertes Kind geboren wurde, hat man es sofort in ein solches Internat gesteckt. Den Eltern wurde gesagt, dass der Staat die Vormundschaft für dieses Kind übernimmt. Erst seit einigen Jahren bemüht man sich, die Eltern an der Erziehung dieser Kinder zu beteiligen."

    Anna Hofinga: "Inzwischen gibt es ein Gesetz, dass auch diese Kinder ein Recht auf Bildung haben. Aber es ist dennoch so, dass der Begriff Defektologie, der hier für Sonderpädagogik benutzt wird, genauso umgesetzt wird. Das heißt, die sehen in so einem Kind ein Objekt wie ein Auto, das man mit bestimmten Methoden reparieren muss. Das funktioniert in der Regel nicht, weil die Kinder individuell angeschaut werden müssen und für jedes Kind ein individueller Weg gefunden werden muss, um es zu therapieren."

    Anna Hofinga ist gelernte Deutsch- und Russischlehrerin. Vor gut zwanzig Jahren ging sie von Deutschland nach Russland, um dort soziale Projekte deutscher Nichtregierungsorganisationen zu betreuen, etwa der Russlandhilfe. Eines dieser Projekte ist die Behindertenschule des Heiligen Georg. Die Gelder für die Renovierung des baufälligen Schulgebäudes und die Bezahlung der Mitarbeiter kamen aus dem Ausland. Der russische Staat zahlte nichts. Erst vor drei Jahren erhielt die Schule den offiziellen Status einer Sonderschule. Das ist wichtig, weil die Lehrkräfte jetzt vom Staat und nicht mehr von Sponsoren bezahlt werden und besser verdienen. Reiche Russen interessieren sich nicht für Behindertenprojekte, sagt Anna Hofinga.

    "Sie fördern hochtalentierte Kinder oder auch Hilfsfonds für krebskranke oder für herzkranke Kinder. Solche Kinder, wie sie hier unterrichtet werden, die kann man auf Werbeplakaten oder Hochglanzbroschüren ja nicht zeigen, weil die keiner sehen will, weil man denen in der Regel ansieht, dass sie geistig behindert sind. Es ändert sich zwar ein bisschen die Einstellung zu solchen Menschen in Russland dank der Arbeit solcher Schulen wie dieser hier, aber das geht sehr, sehr langsam."

    Im Großen und Ganzen herrscht in Russland immer noch die Meinung vor, dass Menschen mit Behinderung weniger wert sind und es deswegen sinnlos ist, sie in irgendeiner Weise zu fördern. Anna Hofinga:

    "Es gibt überhaupt keine Einrichtungen, wo geistig behinderte Erwachsene in irgendeiner menschlich noch vertretbaren Art beschäftigt werden können. Das heißt, wenn die Kinder mit der Schule fertig sind, stehen sie praktisch vor dem Nichts."

    In der 18-Millionen-Stadt Moskau gehören Schulen wie die des Heiligen Georg, die Kinder mit mehrfachen schweren Behinderungen aufnehmen, immer noch zu den großen Ausnahmen.

    Anna Hofinga:"Es gibt etliche Einrichtungen für leichter behinderte Kinder, zum Beispiel das Zentrum für Heilpädagogik. Aber die können schwerbehinderte Kinder auch nicht therapieren. Aber es gibt in Moskau eben Möglichkeiten. Im Rest von Russland gibt es die nur sehr partiell. Je stärker es in die Provinz geht – Provinz, das sind ja auch oft Millionenstädte – da gibt es dann oft gar nichts."

    Der Kreml verspricht immer mal wieder, die Lage von Menschen mit Behinderung in Russland zu verbessern. Doch das sind – wie in anderen Fällen auch – Worte, Taten bleiben aus.