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Weibliches Olympia

Erstmals nehmen alle Nationen mit Frauen teil – die Emanzipationsbewegung erhofft sich einen Schub

Die Spiele von London werden in die Geschichte eingehen, denn zum ersten Mal haben alle 204 Nationen auch Frauen geschickt. In Atlanta 1996 hatten noch 26 Teams nur aus Männern bestanden. In London sind nun von rund 10500 Athleten immerhin 4800 weiblich, ein Drittel der Länder wurde während der Eröffnung von einer Frau ins Stadion geführt. Welche Bedeutung haben diese Fakten für die Frauenbewegung im Sport? Sind sie der Durchbruch oder eine Verzerrung der Wirklichkeit?

Von Ronny Blaschke

Ein grün leuchtendes Toiletten-Hinweisschild hängt auf dem Messegelände in Frankfurt am Main unter der Decke (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Ein grün leuchtendes Toiletten-Hinweisschild hängt auf dem Messegelände in Frankfurt am Main unter der Decke (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
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Der historische Moment dauerte 82 Sekunden, dann wurde die Judoka Wojdan Shaherkani von ihrer Gegnerin auf die Matte gelegt. Die erste Olympionikin Saudi-Arabiens wurde am Freitag von ihrem Bruder an einer Hundertschaft Journalisten vorbei geführt. Schüchtern wirkte sie, fast ängstlich. Die 16-Jährige, die einen saudischen Pass besitzt, aber nicht im Land lebt, gilt nun als Emanzipations-Ikone des Sports. Das Olympische Komitee ihrer Heimat hatte sie offiziell nicht nominiert, nur geduldet. Mit der Bedingung, sich "züchtig" zu kleiden: Shaherkani trug während ihres Kampfes eine sonst nicht erlaubte Kopfbedeckung. Ob ihr Auftritt die Frauenrolle in Saudi-Arabien stärken wird? David Mepham von Human Rights Watch hat lange Druck auf das saudische Regime ausgeübt und das Internationale Olympische Komitee in seinen Verhandlungen beraten.

"’Frauen haben fast keine Rechte in Saudi-Arabien, sie sind Bürger zweiter Klasse. Wenn sie zum Arzt gehen oder arbeiten wollen, müssen sie die Erlaubnis eines männlichen Verwandten vorlegen. Es gibt für sie keine Sportmöglichkeiten, nicht in Schulen, Vereinen oder Fitnessstudios. Doch sogar in Saudi-Arabien, wo es eine strenge Medien-Zensur gibt, werden Menschen von den Frauen bei Olympia erfahren. Und sich hoffentlich fragen: Warum können wir nicht genauso Sport treiben wie Männer?’"

Als zweite Olympionikin Saudi-Arabiens wird am Mittwoch die Läuferin Sarah Attar in der Strecke über 800 Meter an den Start gehen, sie studiert in den USA. Auch die Monarchie Katars und das Sultanat von Brunei haben erstmals Frauen zu den Spielen geschickt. Zudem sind nun alle Sportarten für beide Geschlechter offen, neu im Programm: das Frauenboxen. Die USA hatte für London sogar mehr Frauen als Männer nominiert. Und bei den Winterspielen in Sotschi in zwei Jahren werden Frauen zum ersten Mal von der Schanze springen. Fakten, die Tim Woodhouse von der britischen Frauensportstiftung WSFF für die Förderung des Breitensports nutzen will.

"’Zwölf Prozent der britischen Frauen treiben dreimal pro Woche Sport, bei den Männern sind es zwanzig Prozent. Es gibt bei uns kaum Frauen in den Funktionärsstrukturen, auch muslimische Mädchen stoßen in den Amateurvereinen auf große Barrieren. Mit Olympia wollen wir einen Wandel einleiten. Deshalb ist das Organisationskomitee mit gutem Beispiel voran gegangen und hat viele Frauen für wichtige Positionen engagiert. Dadurch wird der Sport weniger männlich dominiert.’"

Worte, die für Pierre de Coubertin utopisch gewesen wären. Der Gründer der neuzeitlichen Spiele wollte Frauen von Olympia fernhalten. Zur Premiere 1896 nahm die Griechin Stamata Revithi trotzdem am Marathon teil, doch erst 1984 wurde die Strecke offiziell für Frauen olympisch. Die Historikerin Jutta Braun aus dem Berliner Zentrum deutsche Sportgeschichte.

"’Es wurde von nicht wenigen Sportfunktionären vertreten, dass eine große Anstrengung das Mädchenantlitz verzerre und zum Teil gab es auch Vorschriften, was die Bekleidung betrifft. Um auch den Körper zu schützen. Man dachte am Anfang, dass es auch medizinisch problematisch sein könnte. Dass sich die Geschlechtsorgane verlagern würden.’"

Als erste Frau gewann die britische Tennisspielerin Charlotte Cooper 1900 eine olympische Medaille. In den Jahrzehnten danach haben sich Frauen ihre Rechte und Disziplinen hart erarbeiten müssen. Noch in den sechziger Jahren mussten sich Leichtathletinnen vor großen Wettbewerben einer Geschlechtsuntersuchung unterziehen. Auch heute sind Frauen und Männer im Sport nicht auf Augenhöhe: Unter die 100 bestbezahlten Sportler der Welt schaffen es zwei Frauen. Laut der Sporthochschule Köln liegt der Frauenanteil der Berichterstattung bei 15 Prozent. Die Forscher bescheinigen vielen Medien und Verbänden einen Sexualisierungsdruck. Im Beachvolleyball sollen Frauen mit einer Bikinihose spielen. Imke Duplitzer, eine der erfolgreichsten Fechterinnen Deutschlands und Olympia-Teilnehmerin von London.

"’Die Leistung ist zwar schön, die muss auch mit dabei sein, aber sie können als Frau ganz massiv punkten in dieser männerbetonten Vermarktungs- und Sportwelt, wenn sie eine nette Verpackung mitbringen für die Leistung, sprich: Wenn Sie Ihre Haut zu Markte tragen. Ich steh zwar auf Frauen, aber ich fände es auch ganz nett, wenn Herren-Beachvolleyballspieler auch in Badehosen spielen müssten und nicht in diesen Schlabbershorts.’"

Sexismus ist nach wie vor Teil des Sports, in England sind die Fernsehkommentatoren Richard Keys und Andy Gray im vergangenen Jahr für frauenfeindliche Bemerkungen entlassen worden. Britische Frauenrechtlerinnen begrüßten diesen Schritt, wiesen aber daraufhin, dass das Verhalten der Reporter keine Ausnahme sei. Preethi Sundaram arbeitet für die Fawcett-Gesellschaft, die einflussreichste Emanzipations-Initiative Britanniens.

"’Zurzeit ist bei uns nur jedes fünfte Parlamentsmitglied weiblich, mit diesem Anteil belegen wir weltweit Platz 56. In der Regierung sitzen sogar mehr Millionäre als Frauen. Oder schauen sie in die britische Wirtschaft: Dort sind nur 13 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich. Überall, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden, mangelt es an Frauen. Gleichberechtigung ist aber zwingend für den Entscheidungsprozess einer guten Demokratie.’"

Geringer als im britischen Parlament ist der Frauenanteil im IOC. Daran ändert auch die marokkanische Vizepräsidentin Nawal El Moutawakel wenig. Die Olympiasiegerin von 1984 über 400 Meter Hürden bezeichnet die Spiele von London als friedliche Revolution der Frauen. Ob sie bei der nächsten Wahl den IOC-Präsidenten Jacques Rogge beerben und damit die Ambitionen des deutschen Sportoberhaupts Thomas Bach platzen lassen könnte? Das langjährige Komiteemitglied Walther Tröger.

"’Ich denke, dass es schon sein kann, dass wir im nächsten Jahr eine Kandidatin haben. Es gibt Wahlen, die anders ausgehen, als man vorher glaubt.’"

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