Dienstag, 09. August 2022

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Weihnachten
"Mach es selbst" ist ein neuer Trend im Internet

Weihnachten steht vor der Tür und die Geschäfte sind voll. Wer sich den Einkaufsstress nicht antun will und nebenbei die Tradition des guten, alten selbst gebastelten Geschenks zelebrieren möchte, bestellt sich dafür einfach ein Do-It-Yourself-Paket im Internet.

Von Christine Kewitz | 09.12.2013

    "Also, das hier ist Schmittchen, das Meerschweinchen und bei uns kann man lernen, das zu nähen. Also, komplett im Videokurs im Internet, das sind etwa 60 Minuten. Für Einsteiger gut geeignet oder auch als Nähprojekt mit Kindern, also, wenn man Kindern das Nähen beibringen möchte."
    Axel Heinz ist Gründer von Makerist, einer Handarbeitsschule im Netz. Und das funktioniert so: Wer Schmittchen, das Meerschweinchen gerne selbst nähen möchte, bestellt sich das Schmittchen-Zubehör-Paket und kann dann anhand des Videokurses das Kuscheltier herstellen.
    "Hier haben wir ein Stück, das sind vielleicht 20 Quadratzentimeter Frotteestoff für die Rückseite und für die Vorderseite dieselbe Menge an weißem Bauwollstoff, dann haben wir einen Cordstoff, der drauf appliziert wird, und verschiedene Filzstückchen in verschiedenen Farben."
    Makerist bietet rund ein Dutzend Bastelkisten plus Online-Videokurs an: Für Körbe aus dicken Jersey-Fäden, für Handschuhe und Mützen oder Mohair-Schals. Selbermachen boomt, und das Internet ist ein wichtiger Faktor. Do It Yourself-Start Ups schießen aus dem Boden und besonders praktisch sind die, die die nötigen Zutaten plus Anleitung gleich per Paket nach Hause schicken. Man bekommt alles aus einer Hand, muss nicht durch Geschäfte rennen, die richtige Menge ist abgemessen, und der Postbote bringt mal wieder ein Paket. Der perfekte Handarbeits-Tante-Emma-Laden im Netz. Nur dass es heute DIY heißt.
    So auch bei Supercraft – dem Start Up von Sophie Pester und Catharina Bruns.
    "Unser eigenes Motto ist ja: "Mach mehr selbst". Wenn dir auf der Welt was fehlt, dann mach es selber, warte nicht darauf, dass jemand anders das macht. Da haben wir uns überlegt, was ist der kleinste Nenner, das den Leuten anzubieten, dass man sich quasi Zeit für sich nimmt, dass man produktiv ist, Fingerfertigkeit entdeckt und vielleicht auch ein Hobby ein bisschen professionalisiert, dass man Neues lernt und einfach wieder neue Fähigkeiten entdeckt. Der Trend geht einfach von "Ich kaufe Handmade“ zu "Ich möchte selber etwas können" oder es gleich selbst machen."
    Nun verschicken die beiden Unternehmerinnen alle zwei Monate thematische DIY-Pakete. Mal kann man sich ein Buch binden, dann eine Lampe gestalten, eine Kaktusfarm züchten oder aktuell – fantasievolle Geschenkverpackungen kreieren. Wer kein Abo hat, kann sich die Kits - so nennen sich die Baukästen - auch einzeln bestellen.
    Sophie Pester von Supercraft: "Selbst in den Großstädten Hamburg oder Berlin ist es sehr schwierig, gutes Material zu finden. Also, auch für unseren Anspruch ästhetisch schönes Material zu finden. Und wenn man da irgendwo auf dem Land wohnt oder irgendwo ein bisschen ab vom Schuss hat man eigentlich gar keine Möglichkeit, an Materialien ran zu kommen. Und wir versuchen auch immer, Materialien selber zu produzieren, die man nicht kaufen kann Stoffe, Papiere. Also, der Markt ist zwar da, aber er ist nicht unbedingt jung und modern, sondern leider noch relativ verstaubt."
    Der Bedarf, etwas selbst herzustellen, war also im Prinzip immer da und konnte in den letzten Jahren einfach nur nicht befriedigt werden, weil das Material nicht cool genug war? Zum Teil, mein Catherina Bruns.
    "Ich glaube, dass wir als Menschen tätige Wesen sind und das eben auch und dass zum bestimmten Teil diese moderne Arbeitswelt, ich meine: Viele Leute haben einfach nur Schreibtischjobs und so weiter, die sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch und machen irgendwas. Aber es reduziert sie quasi auf eine Tätigkeit. Und, ich glaube, wir alle als Menschen wollen uns doch anders ausdrücken und auch ausleben und kreativ sein und irgendwie selber was können und herstellen und so weiter. Ich glaube, dass es deswegen sehr, sehr viele Leute anspricht."
    Eine 2013 erstellte Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach fand heraus, dass sich in Deutschland über 30 Millionen Menschen fürs Selberbasteln interessieren. Eine Zahl, die fast schon mit den Fußballfans konkurrieren kann.
    Mitgründerin von Makerist ist auch die Kanadierin Amber Riedl. Sie sieht den Handarbeitstrend noch aus einem anderen Blickwinkel:
    "Ich glaube, in Deutschland liegt es daran, dass die Leute, die in dieser Nachkriegszeit aufgewachsen sind, da hat Handarbeit noch einen ganz anderen Wert gehabt, das war so aus der Not. Und da waren die Leute dann sehr stolz, wenn sie was kaufen konnten, was Neues kaufen konnten. Und jetzt ist es so einfach und so billig die Sachen zu kaufen, wo die Leute das jetzt nützen, um eine Wertigkeit zu schaffen, um eine Qualität, eine Individualität zu schaffen."
    Die These der Kanadierin: Jemand, der sich seine Mütze selbst strickt oder ein selbst genähtes Kuscheltier verschenkt, gewinnt Selbstbewusstsein. Außerdem bringt es in globalisierten und digitalisierten Zeiten etwas Ruhe in den hektischen Alltag. Und wer noch ein Geschenk braucht: Passend zu Weihnachten gibt’s im Blog von Makerist die Anleitung für eine Häkelschneeflocke.