Tag für Tag 19.11.2020

Weihnachtsplanung der KirchenMaria mit MundschutzVon Michael Hollenbach

Beitrag hören Christvesper mit Krippenspiel in der evangelischen Kirche in Grossstaedteln bei Leipzig an Heiligabend (imago images / epd / Jens Schulze)Krippenspiel, Weihnachtssingen - wie können die Weihnachtsgottesdienste in diesem Jahr aussehen? (imago images / epd / Jens Schulze)

Gottesdienst im Stadion, Bibellektüre daheim, Krippenspiel mit Hygienemaßnahmen: Es werden Pläne für jene Tage im Jahr geschmiedet, an denen die Kirchen normalerweise voll sind.

"Das ist einfach so traumhaft schön, dass man es gar nicht erklären kann und beschreiben kann. Das Ganze hat so eine positive Kraft und Energie, dass man es ganz schlecht erklären kann, aber ich habe noch keinen getroffen, der dabei war und den es nicht berührt hat."

Weihnachten im Stadion. Der das hier beschreibt, ist aber kein Pfarrer, sondern der Stadionsprecher des Bundesligisten Union Berlin, Christian Arbeit. Seit 16 Jahren treffen sich die Fans des Fußballvereins am 23. Dezember zum Weihnachtssingen. In den vergangenen Jahren über 20.000.

"Ich glaube, zum einen erfüllt es so ein Grundbedürfnis nach Gemeinsamkeit und Nähe, was speziell in der Weihnachtszeit sich Bahn bricht. Und es ist ein ganz besonderer Ort, das in einem Fußballstadion zu machen, den man gar nicht damit verbindet. Das hat auch viele Menschen hierhergelockt, die vorher noch niemals hier gewesen sind", sagt Christian Arbeit.

Weihnachten im Stadion?

Doch Corona-bedingt wird das weihnachtliche Happening ausfallen. Dafür denken nun die Kirchen darüber nach. Christopher Krieghoff, evangelischer Dekan in Nürnberg:

"Ein Plan ist, ins Stadion zu gehen, dort einen größeren Gottesdienst zu feiern. Das soll die Gemeinden vor Ort entlasten und wird geplant als ein moderner Gottesdienst am Heiligabend-Nachmittag."

Das Max-Morlock-Stadion fasst 50.000 Zuschauer. Krieghoff geht davon aus, dass man dort mit maximal 10.000 Weihnachten feiern könnte. Auch Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück, kann sich gut vorstellen, Weihnachten draußen zu begehen. Aber:

"Was ich nicht fördern würde, sich jetzt im Stadion oder auf großen Plätzen zu treffen, weil ich glaube, dass diese kleineren Einheiten dem Fest mehr entsprechen als eine Riesengeschichte im Stadion. Da muss man auch den Charakter der Feier im Auge behalten."

Der Reiz von Open-Air-Christmas: Es könnte – zumindest verhalten - gesungen werden, hofft Jochen Arnold.

Weihnachtslieder: singen oder summen

"Das ist ein ganz großes Plus. Ich stelle mir vor, mit einer Bläsergruppe kann das draußen gut funktionieren. Ich denke, die Weihnachtslieder sind so das Stärkste, was wir im Gepäck mitbringen", so Arnold.

Der Theologe und Kirchenmusiker ist Vorsitzender der Liturgischen Konferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland. Eine andere Variante wird in mehreren Städten geplant: Gottesdienste in der Kirche mit geringer BesucherInnen-Zahl, dafür viele hintereinander im 30 Minuten-Takt: "Das könnte aber ein bisschen nach Fließband aussehen."

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Jochen Arnold hofft noch, dass wenigstens ein wenig Gesang auch in der Kirche möglich sein könnte:

"Der Gesang ist zumindest von Chören möglich. Es können acht bis zwölf Personen, wenn die gut verteilt sind, singen, stellvertretend für die Gemeinde, die dann summen hinter der Maske."

Krippenspiel per Stream

Und was passiert mit dem traditionellen Krippenspiel?

Arnold: "Ob man sich Josef und Maria mit Mundschutz vorstellen kann, frage ich mich auch. Aber ganz auf das Krippenspiel zu verzichten, fände ich auch schade."

Einige Gemeinden haben bereits vor dem Teil-Lockdown das Krippenspiel mit der Videokamera aufgezeichnet, sodass eine aktuelle Version Weihnachten gestreamt werden kann oder auf der Leinwand in der Kirche zu sehen ist.

Anmeldepflicht für den Kirchenbesuch

Und wie einst Josef und Maria zur Volkszählung nach Betlehem mussten, so müssen sich in diesem Jahr die BesucherInnen der Weihnachtsgottesdienste wohl vorher anmelden und registrieren lassen. Allein schon, um sich einen Platz in der Kirche zu sichern.

"Da wird man sicher Weihnachten sehr sensibel mit umgehen müssen, denn viele Menschen, die selten zum Gottesdienst kommen, die haben das vielleicht noch nicht mitbekommen, dass man sich anmelden muss für die Kirche", sagt der katholische Priester Marius Linnenborn, Leiter des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier. "Das muss man gut kommunizieren: Wie gehen wir damit um, wenn Menschen kommen, die wir nicht reinlassen können? Da können wir nicht sagen: Tut uns leid, auf Wiedersehen, im nächsten Jahr vielleicht, kommen Sie wieder."

Verlässliche Vorgaben erst Mitte Dezember

Das große Problem für die Kirchen: Sie werden wohl erst Mitte Dezember wissen, wie die weihnachtlichen Gottesdienste in diesem Jahr aussehen werden. Man müsse sich auch auf Online-Angebote einstellen, sagt Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz:

27.08.2020, Mecklenburg-Vorpommern, Greifswald: Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, steht in der St. Jacobi Kirche.  (Picture Alliance / dpa / Stefan Sauer)Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (Picture Alliance / dpa / Stefan Sauer)

"Ich kann mir auch vorstellen: ‚Oh du Fröhliche‘ über ganz viele Kacheln. Ich singe es sehr viel lieber in einer großen vollen Kirche, aber ich ahne schon, dass wir alle, wenn es dann nicht geht, das nicht machen werden."

"Zuwendung zu den Armen nicht vergessen"

Der katholische Bischof Franz-Josef Bode gibt zu bedenken:

"Dabei ist sehr wichtig, dass wir nicht nur auf die Feiern und Verkündigungen schauen, ich habe zum Beispiel Heiligabend das Krankenhaus besucht und bin zu 400 Obdachlosen gegangen, diese Zuwendung zu den Armen. Ich möchte diese Seite auch für Weihnachten sehr betonen."

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sitzt am 19.08.2016 in Osnabrück (Niedersachsen) während eines Interviews unter einem Kreuz. (picture alliance / dpa / Hermann Pentermann)Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode (picture alliance / dpa / Hermann Pentermann)

Und der katholische Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer erwartet von der Corona-Krise auch positive Auswirkungen: Das Weihnachtsfest könne von manchen Dingen befreit werden, die es eher verdunkeln würden. Corona könne helfen, gerade die Adventszeit wieder zu einer Zeit der Stille, des Fastens und der Besinnung zu machen, so Vorderholzer.

"Einen Hoffnungsschimmer geben"

Auf jeden Fall – so die Bochumer Religionssoziologin Anna Neumaier - würden die Kirchen in diesem Jahr eine besondere Verantwortung tragen.

"Das Atmosphärische, was man sich von Weihnachten erhofft und was man sich normalerweise an anderen Orten holt, an Weihnachtsmärkten, an Weihnachtsfeiern, das wird ja radikal zusammengestrichen werden. Und am Ende so eines Jahres Stabilität zu geben, eine Krise zu bewältigen, einen Hoffnungsschimmer zu geben – der Weihnachtsgottesdienst in diesem Jahr wird ganz besonders wichtig sein."

Wichtig für einen großen Teil der Gesellschaft, wichtig aber auch für die Kirchen selbst, meint Neumaier:

"Für viele Millionen von Deutschen ist der Weihnachtsgottesdienst und noch wenige andere Momente im Leben der einzige Kontakt zur Kirche und auch zur Gemeinde vor Ort und wird da auch sehr wertgeschätzt. Und wenn das ausfällt, verliert diese Tradition ihre Selbstverständlichkeit und ihren Zauber. Die Frage ist, wie sich das mittelfristig auswirkt, ob Leute, die in diesem Jahr nicht in den Gottesdienst gehen, dann im nächsten Jahr wiederkommen."

"Weihnachten nicht instrumentalisieren"

Den Weihnachtsgottesdienst feiern, um die Beziehung zu Kirchenfernen nicht ganz abtreißen zu lassen? Eine solche Verzweckung von Weihnachten lehnt der Berliner Bischof Christian Stäblein ab:

"Weihnachten ist für die Menschen wichtig, dass Gott das Leben neu annimmt. Es geht nicht um die Kirche als Kirche. Es geht darum, dass wir als Kirche eine gute Mittlerin dafür sind, dass diese wichtigen stärkenden lichtbringenden Gedanken in der dunklen Zeit erreichen."

Und auch mit einer anderen Sichtweise hat Stäblein Probleme: Wenn Politikeri*nnen davon sprechen, man müsse sich nun im Teil-Lockdown disziplinieren, damit man dann gemeinsam Weihnachten feiern könne: 

"Da sollten wir alle vorsichtig sein, und das nicht instrumentalisieren; dafür ist das Fest nicht da. Der Teil-Lockdown ist jetzt wichtig, um dafür zu sorgen, dass unser Gesundheitssystem nicht schnell die Belastungsgrenze erreicht. Ein Lockdown, damit man Weihnachten feiern kann, da hätte ich doch große Sorgen."

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