Montag, 20.09.2021
 
Seit 05:35 Uhr Presseschau
StartseiteSonntagsspaziergangWein, Weib und Gesang01.06.2008

Wein, Weib und Gesang

Ein Besuch in der Südkaukasusrepublik Georgien

Georgien ist bekannt für seine Gastfreundschaft - und die guten Weine. Auf 7000 Jahre Weinanbau blickt die Südkaukasusrepublik zurück. Ein guter Tropfen wird gerne bei einem traditionellen Festmahl genossen. Dazu gehören gutes Essen, Trinksprüche mit Witz und Esprit, die Frauen, Musik und viel Tanz.

Von Christoph Kersting

Georgien verfügt auch über weithin unbekannte Kulturschätze, wie dieses Fresko aus dem 12. Jahrhundert in der Zionskirche von Ateni. (Carsten Probst)
Georgien verfügt auch über weithin unbekannte Kulturschätze, wie dieses Fresko aus dem 12. Jahrhundert in der Zionskirche von Ateni. (Carsten Probst)

Ausgelassene Stimmung in einem der vielen neuen Restaurants der georgischen Hauptstadt Tiflis. Wein, gutes Essen und Musik - auch Wladimir Kaminer würde sich sicherlich wohl fühlen als Gast an diesem Abend. Dann dürfte er auch der Vielzahl poetischer Trinksprüche lauschen, ohne die gar nichts geht bei einem echten georgischen Festmahl.

Die Stimme zum Trinkspruch erheben darf hier jedoch nur einer: Der Tamada, der Chef am Tisch, der vor dem Gastmahl bestimmt wird. Wie ein Regisseur wacht der Tamada über den Ablauf des Abends, mit Witz und Esprit, aber auch Ausflügen ins Philosophische, erklärt Valeri Mtschedlischwili, der an diesem Abend mit am Tisch sitzt:

"Als erstes trinken die Georgier normalerweise auf den Frieden. Dazu kommen auch die Eltern, Vorfahren, Großeltern, Familie, Kinder, Verstorbene, Heimat, Liebe, Frauen…"

Die Frauen bleiben übrigens während der Trinksprüche sitzen, sie stehen nur auf, wenn das Glas zu Ehren der Verstorbenen erhoben wird:

"In Georgien sind die Frauen Kult. Die Frauen sind die Blumen am Tisch, nicht nur am Tisch, überall die Blumen…"

Viele der roten und weißen Tropfen, die an diesem Abend ausgeschenkt werden, stammen vom größten Weingut des Landes "Teliani Valley" in der Weinprovinz Kachetien östlich von Tiflis.

Die Teliani-Manager empfangen nicht nur gerne Touristen zu Weinproben, sondern haben auch den EU-Markt ins Visier genommen, erzählt Chef-Önologe Georgi Takischwili:

"Zunächst einmal haben wir, was das Mikroklima angeht, hier in Georgien ideale Bedingungen für den Anbau von hochwertigen Weinen. Hinzu kommen sehr strenge Gesetze, wenn es um die Reinheit des Weines geht. Aromen, Farbstoffe, Zucker - all das ist bei der Weinherstellung in Georgien verboten, so dass die Qualität auf jeden Fall stimmt."

Außer guter Qualität sind Georgiens Winzer vor allem auf die Vielfalt ihrer Weine stolz. So war die Kaukasus-Region neben kräftigen, trockenen Weinen schon immer auch für ihre lieblichen und edelsüßen Gewächse berühmt. Hinzu kommen exotisch klingende Rebsorten, die in Westeuropa noch weitgehend unbekannt sind, sagt Weinfachmann Georgi Takischwili:

"Wir bauen in Georgien 24 Rebsorten an, die es eben nur hier gibt: Saperawi, Rkazeteli oder Mzwane zum Beispiel. Weintrinker sind ja auch Menschen, die das Neue und Exotische lieben, und genau das können wir dem europäischen Markt bieten. Und dann blicken wir eben auf eine sehr lange Tradition des Weinbaus zurück - 7000 Jahre Erfahrung. Auch das ist sicherlich ein Verkaufsargument."

Nicht weit entfernt vom Weingut "Teliani" liegt die Folkloretanz- und Musikschule Gurdschaani, eine der größten des Landes. Die Tänze haben im Kaukasus eine Jahrhunderte alte Tradition und sind weitaus mehr als Folklore, die an Festtagen oder für Besucher aus dem Ausland dargeboten wird. Jeder Georgier, jede Georgierin wächst mit dieser Tradition auf, sagt der Leiter der Tanzschule, Avtandil Gurgenidze:

"Unsere Art zu tanzen, die Musik - dafür waren wir schon in der Sowjetunion berühmt. Die Tänze stellen Szenen aus dem Leben der Hirten in den Bergen dar. Zentrales Thema ist aber natürlich auch hier das Werben der Männer um die Frauen."

40 bis 50 von 500 Schülern verlassen pro Jahr die Schule, um dann mit dem Tanzen ihr Geld zu verdienen - nicht wenige haben zehn und mehr Jahre Ausbildung hinter sich - so wie die 18-jährige Nina Zabuli:

"Ich war erst vier Jahre alt, als ich in die Schule kam, seitdem tanze und tanze ich. Ich kann einfach nicht aufhören damit. Die Tänze - das ist so etwas wie unsere Visitenkarte in der Welt, auch wenn wir im Moment große Probleme haben. Sie haben ja unseren Übungsraum gesehen: Der Holzboden ist löchrig, wir haben keine vernünftigen Requisiten, alles ist improvisiert. Wir kriegen halt nichts vom Staat, die Schule trägt sich nur durch die Gebühren der Schüler und Spenden."

Wer nach Georgien reist, der sollte auf so mache Annehmlichkeit verzichten können. Die Infrastruktur ist noch schlecht, viele Straßen sind holprig und verwandeln sich bei Regen in Schlammpisten. Zwar ist das Angebot an Restaurants und Hotels in Tiflis und an der Schwarzmeerküste inzwischen passabel, wer das Land jedoch abseits dieser Zentren erkunden will, muss zumeist mit einfachen Unterkünften vorlieb nehmen.

Dafür entschädigen die großartigen Landschaften des Kleinen und Großen Kaukasus, dessen höchster Berg, der Kazbek, mit seinen über 5000 Metern an der nördlichen Grenze zu Russland liegt.

Geführte Wander- und Trekking-Touren sind immer auch Ausflüge in die reiche Kulturgeschichte Georgiens, das seit dem 4. Jahrhundert christlich ist und bis heute an seiner eigenen Schrift festhält. Zahlreiche der rund 4000 historischen Denkmäler aus zwei Jahrtausenden hat die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Auf diese Auszeichnung wartet auch das Dorf Signagi östlich von Tiflis, das zur Zeit originalgetreu im Stil des 19. Jahrhunderts restauriert wird und schon bald als Ausgangspunkt für Wein- und Kulturtouristen dienen soll, erzählt der Tourismus-Experte Beka Jakuli:

"Schon heute sind die meisten ausländischen Besucher in Georgien Natur- und Kulturtouristen, die den guten Wein und die Gastfreundschaft der Menschen schätzen. 2006 hatten wir alleine aus Deutschland 10.000 Besucher, was sicherlich auch daran liegt, dass wir die Visumspflicht abgeschafft haben und das Land inzwischen relativ stabil ist. Ich denke nicht, dass wir hier Massentourismus wie in Griechenland oder der Türkei haben werden. Wir setzen eher auf Individualreisende, die das Besondere suchen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk