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Weißrussland zehrt nach wie vor vom Zweiten Weltkrieg

In kaum einem Land sind die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg heute noch so präsent wie in Weißrussland - was sich auch in der Rhetorik des autokratisch herrschenden Präsidenten Alexander Lukaschenko spiegelt.

Von Ernst-Ludwig v. Aster und Anja Schrum | 17.06.2011

Aliaksei Lastouski steht in der Geschichtsabteilung der Akademischen Buchhandlung von Minsk. Der Soziologe lässt den Blick über die Buchrücken schweifen, studiert das Angebot. Schließlich zieht er ein Schulbuch aus dem Regal. Auf dem Einband ist die Brester Festung abgebildet.

"Das ist ein Lehrbuch über die weißrussische Geschichte, der Stoff für die 11. Klasse", sagt Lastouski und blättert. Drei Generationen von Geschichtsbüchern hat die junge weißrussische Republik bisher erlebt, erzählt der Wissenschaftler. 1992, nach der Unabhängigkeit, kam die erste Neuauflage, 1995 ein Jahr nach der Wahl von Staatspräsident Alexander Lukaschenko die zweite. Im Jahr 2000 wurde die vorerst letzte Fassung an die Schulen geliefert. Lastouski stellt das Buch wieder zurück ins Regal. Der Soziologe forscht seit Jahren über die Erinnerungskultur, untersucht die Rolle der Geschichtswahrnehmung für die Gegenwart. Mehr als 1100 Weißrussen hat er zusammen mit Kollegen von der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften befragt.

"Wir haben mit dem Institut für Soziologie eine Umfrage durchgeführt. Wir wollten wissen, auf welches Ereignis in der Vergangenheit die Weißrussen am stolzesten sind. Drei Viertel der Befragten antworteten: auf den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Das hat alle anderen Ereignisse vollkommen in den Schatten gestellt. Die weißrussische Unabhängigkeit zum Beispiel. Der Sieg im Zweiten Weltkrieg ist eindeutig der historische Höhepunkt. Er spielt eine Schlüsselrolle für die nationale Identität der Weißrussen."

Der Sieg gegen die deutschen NS-Truppen als identitätsstiftendes Element, 70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Es gibt kaum ein Land, sagt Lastouski, in dem die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg heute noch so präsent ist, wie in Weißrussland.

"Von diesem Krieg war im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Bevölkerung unseres Landes betroffen. Er hat viele Menschenopfer gefordert. Mein Opa ist zum Beispiel an der Front gefallen, mein Vater hat die schwere Zeit der Besetzung erlebt, meine Mutter musste flüchten und hat die Kriegsjahre in Russland verbracht. Dieser Krieg war eine Tragödie für die meisten Menschen in Weißrussland. Darum ist die Erinnerung heute noch so präsent."

Ein Drittel der weißrussischen Bevölkerung wurde im Zweiten Weltkrieg ermordet, Hunderte Dörfer niedergebrannt. Nirgendwo war der Widerstand gegen die deutschen Besatzer so erbittert. Tausende Partisanen lebten in Wäldern und Sümpfen, kämpften von dort aus gegen die Hitler-Truppen.

"Die Regierung investiert viel Kraft und Geld, um das Bild des Siegers aufrecht zu erhalten. Es gibt Extra-Unterricht und Leistungskurse zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Nur der Personenkult um einzelne Partisanenführer wird heute nicht mehr so gepflegt wie früher. Das wäre auch ein Widerspruch zur derzeitigen Politik. Die verbreitete das Bild, dass Weißrussland heute von einer einzigen Person verkörpert wird."

Das Gesicht und Gewissen Weißrusslands – das ist Präsident Alexander Lukaschenko. Dieses Bild präsentieren jedenfalls die staatlich kontrollierten Medien. Doch seit einigen Monaten steigt die Nervosität im Minsker Präsidentenpalast. Etliche Oppositionelle wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Zur gleichen Zeit geriet das weißrussische Finanzsystem ins Trudeln, musste der weißrussische Rubel drastisch abgewertet werden. Wirtschaftlich am Boden und außenpolitisch isoliert - angesichts dieser Krise verkündet Alexander Lukaschenko Durchhalteparolen, angereichert mit Bruchstücken aus der Erinnerungskultur ...

"Es werden immer wieder Zusammenhänge zwischen den Kriegsgeschehnissen damals und der heutigen Situation hergestellt. In erster Linie, um die Leute zu mobilisieren und die desolate wirtschaftliche Lage zu erklären. Man sagt, es sind schwere Zeiten, aber damals gab es noch viel schwerere Zeiten und wir haben überlebt und gesiegt. Wir müssen bloß zusammenhalten, um so wie unsere Großväter damals, aus dieser schwieriger sozial-politischen und wirtschaftlichen Lage als Sieger hervorzugehen."