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Welche Lehre für welches Fach?

Felix Streiter von der Stiftung Mercator leitet das Projekt "Bologna - Zukunft der Lehre". Er räumte ein, dass es bei der Umstellung auf das Bachelor-Master-System aufgrund von Zeitdruck in manchen Fakultäten zu Problemen mit dem Curriculum gekommen sei. Man wolle nun mit der Stiftung Personal und Sachmittel fördern, damit es zu einer Überarbeitung dieser Studiengänge kommen könne.

Felix Streiter im Gespräch mit Regina Brinkmann |
    Regina Brinkmann: Die Verbesserung der Lehre haben sich inzwischen ja viele auf die Fahnen geschrieben. Die Volkswagenstiftung und die Stiftung Mercator beispielsweise haben Anfang dieses Jahres das mit zehn Millionen Euro ausgestattete Projekt "Bologna - Zukunft der Lehre" auf die Beine gestellt. Teil dieses bundesweiten Projektes sind sogenannte Regionalkonferenzen. Die erste von insgesamt vier Veranstaltungen dieser Art läuft gerade in Berlin, und ich habe die Mittagspause genutzt, um mit Felix Streiter, dem Projektleiter der Stiftung Mercator zu sprechen und habe ihn gefragt, wie sich denn seine Initiative für die Lehre von anderen unterscheidet.

    Felix Streiter: Wir fokussieren uns auf die verschiedenen Fächer, indem wir verschiedene Förderlinien haben. Die eine Förderlinie betrifft die Förderung von Studiengängen, die zweite Förderlinie betrifft Fachzentren für Lehr-Lern-Forschung, Curriculums-Entwicklung für verschiedene Studiengänge auch. Und die dritte Förderlinie sind diese Veranstaltungen. Zum einen organisieren wir selber vier Veranstaltungen, Regionalkonferenzen in Berlin, München, Dortmund und Bremen. Zum anderen fördern wir aber auch Veranstaltungen Dritter. Und was machen wir anders? Also wir konzentrieren uns auf die Fakultäten, indem wir sagen, für die Studiengänge, die bereits umgestellt wurden auf das Bachelor-Master-System im Rahmen des Bologna-Prozesses, bei den Studiengängen gibt es häufig Probleme, weil es unter einem sehr großen Zeitdruck umgestellt wurde, weil man diese Freiräume nicht hatte, um sich intensiv auch mal mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Und diese Freiräume wollen wir geben, indem wir Personal und Sachmittel fördern, damit es jetzt noch mal zu einer zweiten, zu einer Überarbeitung dieser Studiengänge kommen kann.

    Brinkmann: Warum ist es denn wichtig, bei der Suche nach neuen Strategien und Ideen für die Lehre fachspezifisch vorzugehen

    Streiter: Das hängt jeweils von der Lehrsituation und der Lernsituation in den einzelnen Fächern ab. Das können Sie sich sehr leicht vorstellen: In den Ingenieurwissenschaften lehrt und lernt man ganz anders als in den Natur- oder in den Geisteswissenschaften. Ein Physiker steht im Labor, ein Jurist beschäftigt sich überwiegend mit Texten. Und wir haben jetzt alle Studiengänge vor Augen, wir wollen nicht unbedingt verschiedene Studiengänge zusammenfassen, nur damit wir einmal die Geistes-, einmal die Naturwissenschaften erfasst haben, sondern wir fragen einfach danach, wo ist es inhaltlich sinnvoll, wo ist die Lehrsituation die gleiche. Wenn dann das Ergebnis sein sollte, dass Biologie, Physik, Chemie in gleicher Art und Weise unterrichtet wird, dann können wir uns auch eine Förderung übergreifend für Naturwissenschaften vorstellen. Sollte das Ergebnis sein, nein, da gibt es doch entscheidende Unterschiede, dann würden wir auch zu unterschiedlichen Fördermaßnahmen greifen für die jeweiligen Fächer.

    Brinkmann: Sie schauen also in die Fachwissenschaften, schauen Sie auch nach internationalen Vorbildern?

    Streiter: Ja, das tun wir. Wir berufen uns ja bei der ganzen Ausschreibung zum Teil auf den Wissenschaftsrat, der im letzten Jahr Empfehlungen abgegeben hat zur Verbesserung der Lehre, und der Wissenschaftsrat hat empfohlen, dass man in Deutschland sich die englischen Subject Centres als Vorbild nimmt. Die gibt es in Deutschland noch nicht, in England gibt es etwa 20 Subject Centres für die einzelnen Fächer. In diesen Centres werden Mustertexte entworfen, Musterfolien für den Unterricht, auch ganze Curricula werden dort entworfen, und wir prüfen jetzt, wie man dieses Modell auf Deutschland übertragen kann. Und unsere Zielvorstellung ist, dass wir eine Hand voll von Fachzentren in Deutschland etablieren, erstmalig gründen an verschiedenen Universitäten, genau nach diesem Vorbild. Und dann müssen wir weitersehen.

    Brinkmann: Ich hatte es ja eingangs schon erwähnt, es gibt Preise, Wettbewerbe, Ausschreibungen, Initiativen, die alle das Ziel haben, der Lehre an deutschen Hochschulen etwas Gutes zu tun. Inwieweit kooperieren Sie denn mit denen oder arbeitet jede Initiative für sich?

    Streiter: Also im Augenblick arbeiten die meisten Initiativen für sich, aber man kennt sich, man unterhält sich, man lädt sich auch gegenseitig ein zu den Veranstaltungen oder den Auswahlsitzungen. Und man darf auch nicht vergessen, dass das nicht unbedingt eine Konkurrenz ist - wäre ja auch nicht schlecht, belebt das Geschäft -, sondern dass diese Initiativen komplementär zueinander wirken. Eine Stiftung konzentriert sich auf die Lehrerausbildung in den MINT-Fächern, eine andere Initiative hat sich die dritte Förderlinie der Exzellenzinitiative als Vorbild genommen, und diese Forschungsförderung soll dann auf die Lehrförderung übertragen werden. Dann gibt es Individualpreise für besonders gute Hochschullehrer, die besonders gut unterrichten können. Das BMWF fördert Bildungsprojekte und wir fokussieren dann auf die Fakultäten, indem wir den einzelnen Studiengängen Freiräume verschaffen möchten, um noch einmal inhaltlich über ihre Umstellung für den Bologna-Prozess nachzudenken und um diese Fachzentren in Deutschland zu etablieren.

    Brinkmann: Sie konzentrieren sich auf die Fakultäten, heute, bei der ersten Regionalkonferenz zur Zukunft der Lehre, sind das die Biowissenschaften und die Medizin. Wie wird denn diese Veranstaltung angenommen, wer besucht sie?

    Streiter: Auf dieser Veranstaltung sind Professoren der Medizin und der Lebenswissenschaften aus ganz Deutschland, es sind auch Wissenschaftsmanager. Wir haben den Staatssekretär des Landes Berlin hier, wir haben Gäste aus dem Ausland, die die aktuelle Diskussion in der Schweiz, in den Niederlanden, in Großbritannien darstellen, also eine bunte Mischung.

    Brinkmann: Sind auch Studierende eingeladen?

    Streiter: Es sind auch Studierende eingeladen. Es gibt am Schluss eine Podiumsdiskussion, an der auch zwei Studierende teilnehmen. Das ist ganz wichtig, da achten wir bei allen Regionalkonferenzen darauf, dass wir die Studierenden mit einbinden, denn die Lehre soll ja gut für die Studierenden sein, ohne die Studierenden geht es nicht. Insgesamt haben wir da ein ganz gutes Feedback auf die Regionalkonferenzen, und wir sind gespannt, welche Erträge die weiteren drei dann auch noch bringen werden.

    Brinkmann: Felix Streiter, er leitet für die Stiftung Mercator das Projekt "Bologna - Zukunft der Lehre". Und die nächste Regionalkonferenz dazu findet am 29. Mai in Dortmund statt.