Christoph Schmitz: Ein brodelndes Gewirr aus Sprachen war es, prächtige Pavillons gab es zu sehen, auch ein Vergnügungspark war dabei – vor 100 Jahren erlebte die Alte Messe in Leipzig ein seltenes Spektakel. Die "Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Grafik", kurz Bugra, lockte Besucher aus der ganzen Welt in die Stadt. In den ersten Monaten kamen täglich rund 23.000 Menschen auf das 400.000 Quadratmeter große Areal. Im Juli 1914 platze der Erste Weltkrieg hinein. Einige Aussteller bauten hastig ab, viele Ausstellungsstücke gingen verloren. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig erinnert ab heute, bevor am Abend die Leipziger Buchmesse eröffnet wird, an die Bugra 1914.
- Was hatte es mit dieser Schau vor 100 Jahren im Kern auf sich? Das habe ich die Direktorin des Museums gefragt, Stephanie Jacobs.
Stephanie Jacobs: Die Bugra war – und das lässt sich wirklich in der Deutlichkeit sagen – die erste, aber auch die letzte Weltausstellung des Buches. Das hat es vorher nicht mehr gegeben und war eigentlich für den Beginn des 20. Jahrhunderts, in dem Leipzig eigentlich die europäische Buchstadt gewesen ist, ein ganz spezifisches und auch sehr passendes Thema. Insgesamt war sie auf 400.000 Quadratmetern, also nicht eine kleine Messe, die so nebenher abgefeiert wurde, sondern wirklich eine ganz große, großflächige Angelegenheit, die immerhin – und auch das kann man sich heute kaum mehr vorstellen – von 2,3 Millionen Besuchern besucht wurde.
Schmitz: Ihre Ausstellung heute heißt nun "Die Welt in Leipzig – Bugra 1914". Was möchten Sie nun zeigen oder was zeigen Sie? Heute beginnt sie ja.
Jacobs: Als die Weltausstellung kurz nach Beginn des Krieges 1914 aufgelöst wurde, hat unsere Vorgängerinstitution sehr große Bestandteile und Objektgruppen aus der Weltausstellung übernehmen können. Und unsere Ausstellung macht den Versuch, nach 100 Jahren zu schauen, was ist eigentlich von diesen Objekten übrig geblieben. In der Zwischenzeit sind nicht nur zwei verheerende Weltkriege auch über dieses Museum hinweggegangen, es hat zahlreiche Umzüge des Museums gegeben. Und dadurch, dass aber einer meiner Vorgänger dankenswerterweise sich die ganz große Mühe gemacht hat, Bestände zu sammeln, haben wir heute das Glück, in den Magazinen nachzuschauen, was ist eigentlich an Bugra-Objekten heute noch identifizierbar.
Schmitz: Und welche besonderen Objekte zeigen Sie?
Jacobs: Wir hatten immer schon Wasserpfeifen in der Sammlung. Da fragt man sich, auch wir haben uns das lange gefragt, was macht ein Buch- und Schriftmuseum mit Wasserpfeifen? Haben jetzt rekonstruieren können, dass diese Wasserpfeifen in einem chinesischen Gelehrtenhaus ausgestellt waren, das chinesische Gelehrtenhaus wiederum ein Bestandteil der Kulturgeschichte des Schreibens auf der Bugra dargestellt hat. Das heißt, in diesem Moment nach 100 Jahren konnten wir plötzlich sagen, ja natürlich, diese Wasserpfeifen sind wirklich ein urgenuiner Gegenstand von uns, indem sie zu dem Leben des Gelehrten, der sich über das Rauchen der Pfeife inspirieren ließ, gehören.
Ein anderes schönes Beispiel ist der Grillenkäfig, ein kleines hölzernes Döschen mit Korkpfropfen. Darein hat dieser chinesische Gelehrte die Grille gesteckt und das Zirpen der Grille, die natürlich aus dem Kästchen fliehen wollte, galt auch im chinesischen Gelehrtentum als Inspirationsquelle.
Schmitz: Rekapitulieren Sie auch die Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte der Menschheit, die damals Kern der Ausstellung gewesen ist?
Jacobs: Das allerälteste Objekt, was wir auch heute noch in den Sammlungen haben, ist ein Rollsiegel. Noch lange vor der Erfindung der Schrift haben diese Rollsiegel dafür gedient, im Grunde genommen einen Vertrag zu unterzeichnen. Das sind kleine, ganz kleine Rollsiegel, die man in Ton drücken konnte, und ein solches Rollsiegel, heute unser ältestes Objekt der Sammlung, ist tatsächlich auch auf der Bugra gezeigt worden. Das ist ein Beispiel für sehr viele, die uns zeigen, wie modern auch damals der Ansatz der Bugra war, nämlich zu sagen, man kann eigentlich Buchgeschichte nicht nur als Buchgeschichte ausstellen, sondern wir brauchen eigentlich die Frage davor, was ist eigentlich die Schrift, was hat vor der Schrift den Menschen eine Fixierung von Wissen und Information ermöglicht.
Schmitz: 1914 stand Europa, stand die Welt vor einem Krieg. Was kann Ihre Ausstellung 2014 bedeuten, vor einem Krim-Krieg möglicherweise?
Jacobs: Ja, das ist ganz spannend, etwa auch die Frage, was hat eigentlich der Krieg mit der Bugra gemacht. Es hatte verheerende Auswirkungen. Die Besucherzahlen sind sozusagen in sich zusammengebrochen. Ehemalige Gäste der Ausstellung wurden zu Feinden etc. etc. Und wenn Sie fragen, was hat das eigentlich heute mit uns zu tun, dann ist es genau dieser Appell, über eine thematische Setzung, die jeder Mann und jede Frau angeht, nämlich wie gehen wir mit Informationen um, die so in der Welt zu handhaben und in die Welt zu bringen, dass es keine nationalen Grenzen gibt, die dem entgegenstehen. Im Grunde genommen – und das war damals auch von den Veranstaltern so gedacht – als Friedensmission. Es gibt ein wunderbares Zitat, das sagt: Nicht Pulver und Blei, sondern Lettern und Druckerschwärze mögen die Welt regieren. Und dieses in etwas moderneren Worten formuliert, kann mit der gleichen Mission auch heutzutage noch ernst genommen werden.
Schmitz: Sagt Stephanie Jacobs, Direktorin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Leipzig, über die Ausstellung "Die Welt in Leipzig – Bugra 1914".
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