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Weltkulturerbe Wattenmeer

Umwelt.- Das Wattenmeer an der deutschen Nordseeküste ist das größte zusammenhängende Wattgebiet der Erde. Seit den letzten Jahren breiten sich dort immer mehr Tierarten aus wärmeren Gefilden aus – ein anschauliches Beispiel dafür, wie sehr der Klimawandel Naturräume verändert.

Von Volker Mrasek | 17.12.2009
    Die jüngsten Einwanderer sind zwei kleine Krebs-Arten aus dem nördlichen Pazifik. Seit dieser Saison muss man sie wohl zum Dauerinventar des Wattenmeeres zählen. Dort machen die beiden Exoten nun der heimischen Europäischen Strandkrabbe Konkurrenz.

    Karsten Reise leitet die Wattenmeer-Station des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung auf Sylt. Der Meeresbiologe kommt inzwischen auf über 50 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten im größten zusammenhängenden Wattgebiet der Erde:

    "Ich arbeite schon seit über 30 Jahren im Wattenmeer. Und das, was in den letzten Jahren dort abläuft, das hab’ ich in all der Zeit vorher nicht erlebt. Also, da läuft etwas im Hochgeschwindigkeitszug ab."

    Viele exotische Arten werden mit dem Ballastwasser von Schiffen eingeschleppt. Hinzu kommt die Klimaerwärmung.

    "In den letzten 30 Jahren ist das Wattenmeer-Wasser um gut anderthalb Grad im Mittel wärmer geworden. Das bedeutet mildere Winter und wärmere Sommer ..."

    Die blinden Passagiere finden dadurch immer bessere Bedingungen vor, um sesshaft zu werden. Rainer Knust, auch er Biologe und Forscher am Alfred-Wegener-Institut:

    "Es hat ja auch früher schon mal so Jahrzehnte gegeben, wo die Sommertemperaturen besonders hoch waren. Oder wo es wenig kalte Winter gegeben hat. Und da hat man immer gesehen, dass diese Arten, die aus dem Süden kommen, eingewandert sind. Und die dann, wenn das Klima wieder sich geändert hat, wieder ausgewandert sind. Und nun sehen wir aber, dass sich bestimmte Arten etablieren."

    "Und sie sind eben schneller dabei, ökologische Nischen zu besetzen als jetzt eine Art, die erst von der französischen Küste über natürliche Ausbreitung den schwierigen Weg gegen die Strömung bis ins Wattenmeer finden muss. Also, wenn eine französische Seepocke in dem Wattenmeer ankommt, dann ist ihr Platz schon von einer australischen Seepocke besetzt."

    Der auffälligste Immigrant im Wattenmeer ist die Pazifische Auster. Sie sei allerdings nicht als blinder Passagier angekommen, sagt Karsten Reise:

    "Diese pazifische Auster, die hat man als Ersatz für eine heimische Auster hergebracht. Die ist ausgestorben im Wattenmeer. Nur, die Sache lief dann völlig aus dem Ruder. Jetzt ist das Wattenmeer voller verwilderter Austern, die man wiederum nicht so gut nutzen kann, weil sie sich aneinanderkitten und eine sehr große Schalenform entwickeln. Das geht bis Schuhgröße 42. Und die Miesmuscheln und Herzmuscheln, die dort vorher den Ton angaben, sind jetzt die Untermieter zwischen den Austern geworden."

    Der Sylter Stationsleiter spricht von einer Degradierung des Ökosystems. Die Muscheln filtern zusammen mit neu eingewanderten Meeresschnecken jede Menge Plankton aus dem Wasser:

    "Die Filtrierleistung ist ungefähr auf das Dreifache angestiegen. Aber diese durch das Filtrieren gebildete Muschel-Biomasse, die wird in dem Nahrungsnetz gar nicht so weitergereicht. Denn so eine große schalenschwere Auster, die kann kaum ein Vogel fressen. Und wir haben auf diese Art und Weise ein Ökosystem, das an seiner Basis viel hinzugewonnen hat, aber in den oberen Etagen des Nahrungsnetzes, da ist es eher kärglicher geworden."

    Man könnte sagen, dass die Globalisierung auch vor Naturräumen nicht haltmacht. Der Welthandel verstreut Tiere und Pflanzen unfreiwillig über den ganzen Erdball. Diese Ausbreitung birgt das Risiko, dass Flora und Fauna immer einheitlicher werden – auf Kosten der regionalen Artenvielfalt. So wie im Wattenmeer, in dem mittlerweile pazifische Austern und japanischer Blasentang dominieren.

    Wo diese Entwicklung noch hinführt, können Experten wie Rainer Knust heute noch nicht absehen:

    "Der Landschaftsraum wird sich nur langsam verändern durch den steigenden Meeresspiegel. Wir wissen ja aber gar nicht, wohin der Wagen fährt. Und das können wir im Augenblick, auch gerade durch die rasante Entwicklung, gar nicht beurteilen. Wir wissen nicht, wo wir in 50 Jahren sind."