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Weltweite Konjunktur
Lagarde: "Wir sind wachsam, aber nicht alarmiert"

Schwächelndes China, Verfall der Rohstoffpreise, Terrorismus und Krieg: Der Internationale Währungsfonds (IWF) beurteilt die weltweiten Konjunktur-Aussichten skeptisch. Die Weltwirtschaft setze ihre Erholung zwar fort, sagte die IWF-Präsidentin Christine Lagarde heute in Frankfurt. Aber die Erholung sei zu langsam.

Von Brigitte Scholtes | 05.04.2016

    Containerschiffe kurz nach Sonnenuntergang im Hamburger Hafen am Terminal Burchardkai
    Zu Jahresbeginn hatte der IWF für die Weltwirtschaft ein Wachstum von 3,4 Prozent vorhergesagt. (dpa / Daniel Reinhardt)
    Auf den aktuellen Streit mit Griechenland ist IWF-Chefin Christine Lagarde heute Morgen nicht eingegangen. Sie bekräftigte in ihrem Vortrag an der Frankfurter Goethe-Universität nur einmal mehr die Bedeutung von Strukturreformen, die aber einhergehen müssten mit den entsprechenden Maßnahmen der Fiskal- und der Geldpolitik. Die Weltwirtschaft setze ihre Erholung fort, sagte die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds, aber man hörte auch viel Skepsis aus ihren Worten:
    "Wir sind nicht mitten in einer akuten Krise. Es gibt tatsächlich Wachstum. Und das sind gute Nachrichten. Die nicht so guten Nachrichten: Diese Erholung ist zu langsam, zu zerbrechlich und ihre Beständigkeit ist gefährdet."
    Verfall der Rohstoffpreise trifft Entwicklungsländer
    Es habe viel Fortschritt gegeben, aber das anhaltend nur geringe Wachstum führe dazu, dass die Menschen es nicht mehr spürten. In den letzten sechs Monaten habe sich die Entwicklung verschärft – die Wachstumsschwäche Chinas, der Verfall der Rohstoffpreise und deren negative Auswirkung vor allem auf einige Entwicklungsländer sorgen den IWF. Wir sind nicht alarmiert, aber wir sind wachsam, sagte sie:
    "I'm not raising the alarm, I’m saying we are on the alert."
    Es sind auch die nicht wirtschaftlichen Risiken wie der zunehmende Terrorismus und die Flüchtlingskrise, die zu diesem allgemeinen Unsicherheitsgefühl beitragen. Den deutschen Kurs in der Flüchtlingskrise lobte sie ausdrücklich:
    "Hier möchte ich Bundeskanzlerin Merkel und der deutschen Bevölkerung meine Ehre bezeigen für ihre Führung in dieser schwierigen Zeit, um diesen so bedeutsamen Herausforderungen zu begegnen. Ich sehe regelmäßig aus erster Hand den Respekt, den sich Deutschland weltweit erworben hat für sein zutiefst humanistisches Herangehen an das Flüchtlingsthema. Die Geschichte wird es erinnern."
    Nicht Abschottung, sondern Kooperation
    Die Regierungen müssten Strukturreformen durch mehr öffentliche Investitionen oder Steuererleichterungen unterstützen – jedes Land auf die ihm angemessene Art. Ausdrücklich lobte Christine Lagarde das Vorgehen sowohl der amerikanischen Notenbank, die dabei ist, ihre Geldpolitik zu straffen, als auch den umgekehrten Weg einer Lockerung durch die Europäische Zentralbank. Vor allem aber verwies sie auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Nicht Abschottung, sondern Kooperation sei nötig:
    "Es gibt immer einen guten Grund, nicht zu handeln. Aber das wäre der falsche Weg. Die Wachstumsdynamik ist schwach, die Risiken steigen wahrscheinlich und es fehlt an Vertrauen. Im anderen Fall würden wir ja Investitionen sehen. Das tun wir nicht. Deshalb ist es Zeit für Führung, und es ist Zeit für eine Zusammenarbeit der Führenden."
    Zu Jahresbeginn hatte der IWF für die Weltwirtschaft ein Wachstum von 3,4 Prozent vorhergesagt und damit schon weniger als noch im Herbst erwartet. Bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank Mitte des Monats könnte er seine Prognose nochmals senken.