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StartseiteForschung aktuellWem die Stunde schlägt28.02.2006

Wem die Stunde schlägt

Britische Frauen erfahren per Schnelltest die biologische Uhrzeit

<strong>Medizin. - Schwanger werden – wie lange ist das noch möglich? Diese Frage stellen sich unzählige Frauen, die mit Anfang 30 noch keine Familie haben. Seit wenigen Tagen wird in Großbritannien ein neuartiger Fruchtbarkeitstest verkauft, der dieses Orakel übernimmt.</strong>

Von Tobias Armbrüster

Ein neuer Test zeigt, wie die Chancen für einen späten Kinderwunsch stehen. (Stock.XCHNG)
Ein neuer Test zeigt, wie die Chancen für einen späten Kinderwunsch stehen. (Stock.XCHNG)

Es geht relativ einfach. Eine Frau, die den Test über Telefon oder Internet bestellt, muss sich beim Arzt Blut abnehmen lassen und einschicken. Zwei Wochen später bekommt sie einen Brief, der ihr sagt, ob sich in ihren Eierstöcken noch genügend Eier befinden, um innerhalb der nächsten zwei Jahre schwanger zu werden. Der Vorrat an zeugungsfähigen Eiern ist bei einer Frau nämlich begrenzt, ab dem 30. Lebensjahr nähert sich diese Reserve ihrem Ende - die so genannte "biologische Uhr", die zu ticken beginnt. Professor Bill Ledger, Gynäkologe in Sheffield, hat den Test entwickelt.

"Ich habe in meiner Praxis immer wieder Frauen, die sich erst mit Ende 30 entscheiden, Kinder zu kriegen und die dann merken, dass es zu spät ist. Dieser Test soll Frauen ab 30 nun zeigen, wie sich ihre Eierstock-Reserve entwickelt, ob sie rapide abnimmt oder ob sie sich tatsächlich noch Zeit lassen können. Ich würde allerdings jeder Frau raten, mit dem Schwangerwerden nicht länger als bis 35 zu warten."

Bill Ledger gilt als einer der angesehensten Gynäkologen in Großbritannien, er hat "Plan Ahead" über Jahre hinweg entwickelt und dabei auf Ergebnisse aus mehreren Jahrzehnten der Fruchtbarkeitsforschung zurückgegriffen. Der Test stützt sich auf drei verschiedene Hormon-Werte: Inhibin B, AMH und Follitropin. Alle drei Hormone erlauben Rückschlüsse auf die Eierstock-Reserve. Diese Test-Methoden sind seit Jahrzehnten bekannt. Bill Ledger hat sie aber zusammengefasst und so verarbeitet, dass auch ein Nicht-Mediziner die Ergebnisse sofort versteht.

"Das Labor misst die Werte dieser drei Hormone und ermittelt mit Hilfe eines Computer-Modells einen so genannten Eierstock-Reserven-Index. Diese Kennzahl zeigt einer Frau sozusagen, wo sie sich mit ihrer Eierstock-Reserve befindet. Wir haben diese Methode mit der einheitlichen Kennziffer gewählt, weil im Laufe der Entwicklung klar wurde, dass die drei Hormon-Werte für sich allein genommen, nur schwer zu verstehen sind. Das Ergebnis, das eine Frau mit diesem Test bekommt, gibt ihr mit einem Blick die Information, die sie haben will."

Wissenschaftliche Zweifel an diesem Blick auf die biologische Uhr gibt es nicht. In britischen Zeitungen wird das Ganze bereits als eine der bedeutendsten Entwicklungen seit der Anti-Baby-Pille beschrieben. "Plan Ahead" ermögliche vielen Frauen eine bessere Lebensplanung. Die Meinungen britischer Frauen sind dennoch geteilt:

"Für mich ist das uninteressant, auf so eine Labor-Untersuchung würde ich mich niemals verlassen. Ich glaube, Frauen sollten beim Schwangerwerden mehr auf ihren Instinkt achten."

"Eine exzellente Erfindung, immer mehr Frauen wollen erst Karriere machen, bevor sie Kinder kriegen. So ein Test kann da sehr hilfreich sein."

Skeptiker sehen in dem von Bill Ledger entwickelten Test einen weiteren Fall von gefährlicher Do-it-yourself-Diagnostik – viele Frauen und viele Paare könnten überfordert sein, wenn sie sozusagen mit der Post erfahren, dass es fürs Kinderkriegen zu spät ist. Außerdem gebe es neben der Eierstock-Reserve noch weitere Voraussetzungen, die für eine Schwangerschaft erfüllt sein müssen, sagt Sheena Young von Infertility UK, einer Organisation, die sich um unfruchtbare Paare kümmert.

"Der Test selbst ist sicher einwandfrei, aber wir raten Paaren trotzdem zur Vorsicht. Wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappt, kann das auch am Mann liegen. Außerdem kann es bei einer Frau auch Probleme mit den Eileitern oder Hormonstörungen geben. Alles das beeinflusst die Zeugungsfähigkeit."

Professor Bill Ledger bestätigt, dass auch sein Test keine endgültige Antwort auf die Frage gibt, ob eine Frau Kinder kriegen kann oder nicht. Allerdings sei die Eierstock-Reserve einer der wichtigsten Faktoren, gerade für Frauen ab 30. Der Test kostet umgerechnet 260 Euro, er kann auch aus Deutschland bestellt werden. Zurzeit wird er auch in Großbritannien nur über Internet und Telefon verkauft, im Laufe des Jahres soll er aber auch in die britischen Drogeriemärkte kommen.

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