"Wenn ich groß bin, dann werde ich mal so wie Polat" – so träumen nicht wenige kleine Jungen in der Türkei. Agent Polat ist ein Action-Held, der in der TV-Serie "Tal der Wölfe" allwöchentlich loszieht, um die Türkei vor allen möglichen Feinden zu schützen: Vor allem immer wieder vor geldgierigen Juden und mordenden israelischen Mossad-Agenten.
Millionen Zuschauer hat der Action-Held in den letzten Jahren vor den Fernseher und auch ins Kino gelockt. Die antisemitischen Inhalte stören die Zuschauer kaum: Je größer die Probleme der Türkei mit dem ehemals verbündeten Israel, desto größer auch die Begeisterung für Agent Polat. Nicht wenige Türken vergessen dabei, dass es sich um Fiction – und nicht etwa um einen Dokumentarfilm handelt, klagt der 28-jährige Selim aus Istanbul. Selim ist Jude.
"Die meisten Leute um mich herum sind Akademiker, die werden zum Glück nicht gleich antisemitisch. Aber sagen wir mal 90 Prozent derer, die Polat lieben, sind nicht besonders gebildet. Und so fördert diese Serie die Feindschaft gegenüber uns Juden."
Die Angst, dass der Antisemitismus in der Türkei immer weiter vordringen würde, war besonders groß als vor zehn Jahren die AK-Partei von Ministerpräsident Erdogan die Regierung übernahm. Erdogan – ein ehemaliger Anhänger der verbotenen islamischen Refah-Partei – konnte nur Schlechtes für die knapp 25.000 verbliebenen türkischen Juden bedeuten, so die damalige Befürchtung.
"Falsch!", meint heute Ishak Alaton, der wohl bekannteste und einflussreichste Jude der Türkei. Der 85-jährige Unternehmer ist berühmt für seine geradezu übertriebene Loyalität gegenüber der Türkei, in die seine Großeltern einst eingewandert waren.
"Im November 2002 wurde Erdogan Ministerpräsident und ich erinnere mich wie am Abend nach der Wahl die Anrufe kamen. Aus Schweden, Frankreich, Deutschland, Amerika… Alle sprachen von dem Desaster nun einen wie ihn an der Macht zu haben. Ich habe all meinen Freunden damals gesagt: Dass dieser Mann gewählt wurde, war das Beste, was der Türkei passieren konnte."
Ishak Alaton steht den einflussreichen Kreisen der Türkei sehr nahe – wohl auch wegen solcher Statements. Er gilt vielen als der türkische Vorzeigejude. Die Schuld für die in den letzten Jahren abgekühlte Beziehung zwischen Israel und der Türkei, den Skandal um das Hilfsschiff "Mavi Marmara" – bei dem israelische Soldaten vor zwei Jahren neun Türken erschossen – schiebt er einzig und allein Israel zu. Und er geht noch weiter: Antisemitismus vermag er im Land nicht auszumachen:
"Ich würde nicht sagen, dass es in der Türkei irgendeine Art von offenem Antisemitismus gibt. Ich habe keinerlei Klagen gegenüber der türkischen Gesellschaft, ich fühle mich sehr wohl in meinem täglichen Leben hier und in keiner Weise ausgegrenzt."
Eine kleine Gasse in Galata, Istanbuls ehemals jüdischem Viertel. Der alte Mann mit der grauen Wollmütze auf dem Kopf zählt gerade seine Tageseinnahmen. Seit 20 Jahren verkauft Ali hier goldgelbe Sesamringe von einem hölzernen Handkarren. Zehn Stunden arbeitet er am Tag, manchmal mehr. Seine Familie kann er trotzdem nur gerade so durchbringen. Und wer ist Schuld? "Die Juden und so", sagt Ali, dann legt er los.
"Die Juden in der Türkei arbeiten heimlich mit Israel zusammen. Sie haben ein Haus für arme Juden ganz in der Nähe von hier. Alle Familien da haben den gleichen Nachnamen. Sie lassen sie einander heiraten, weil die Juden immer Verwandte heiraten…"
Ali hat noch nie in seinem Leben mit einem Juden gesprochen – so, wie laut Umfragen knapp 90 Prozent aller Türken nicht. Die 20.000 Juden, die allein in Istanbul leben, bleiben oft unter sich. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Ali mit seinen Theorien einer unter vielen ist. Wie aber ist es möglich, dass Männer wie der Unternehmer Ishak Alaton nicht sehen, was doch für jeden offensichtlich ist? Kann einer wie er tatsächlich so blind sein? Nein, Rifat Bali – türkisch-jüdischer Historiker und Verleger – schüttelt den Kopf. Nicht blind, pragmatisch nennt er Ishak Alatons Reden, die bei anderen türkischen Minderheitenvertretern zwar Kopfschütteln hervorrufen mögen, seine eigene Position im Land jedoch eindeutig stärken.
"Die Juden in der Türkei sind vor allem apolitisch, sie halten sich zurück, fallen nicht auf. Und wenn sie doch den Mund aufmachen, dann kritisieren sie nicht die türkische Regierung. Sie berühren das Antisemitismusproblem möglichst nicht, sondern sprechen darüber nur hinter verschlossenen Türen."
Türkische Juden wie Ishak Alaton bieten so möglichst wenig Angriffsfläche. Deshalb betonen sie selbst gern und häufig die traditionelle Offenheit der Türkei und zuvor des Osmanischen Reichs gegenüber ihren eigenen Vorfahren, die zuerst nach ihrem Rauswurf aus Spanien und später nach der Flucht aus Nazideutschland am Bosporus ein neues Zuhause fanden. Antisemitismus, heißt es gern, kann es in einem Land mit dieser Geschichte doch nicht geben. Der Historiker Rifat Bali:
"Da wird normalerweise sehr übertrieben – ganz so, als ob die Türkei alle jüdischen Wissenschaftler aufgenommen hätte, die aus Deutschland geflohen sind. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Dieser Mythos wurde aber in der Türkei aufgebaut, um das Image des Landes im Umgang mit Minderheiten zu verbessern, auch, um die Vorwürfe zu dem Genozid an den Armeniern abzuschwächen."
Sowohl dieser Mythos als auch die Strategie der türkischen Juden, zu schweigen, führt vor allem dazu, dass das Thema Antisemitismus in der Türkei bis heute offiziell einfach nicht existiert, so der Historiker. Daran festzuhalten, wird allerdings im 21. Jahrhundert immer schwieriger.
"Jeder leitet sich jetzt blitzschnell Artikel weiter, chattet in Foren usw. Ich denke, letztendlich ist der Antisemitismus genauso stark wie früher, aber er ist jetzt sichtbarer. Kurz: Wir haben in der Türkei Antisemitismus wie in jedem anderen Land auch. Der Unterschied ist, dass die Türkei das einfach nicht anerkennt."
Millionen Zuschauer hat der Action-Held in den letzten Jahren vor den Fernseher und auch ins Kino gelockt. Die antisemitischen Inhalte stören die Zuschauer kaum: Je größer die Probleme der Türkei mit dem ehemals verbündeten Israel, desto größer auch die Begeisterung für Agent Polat. Nicht wenige Türken vergessen dabei, dass es sich um Fiction – und nicht etwa um einen Dokumentarfilm handelt, klagt der 28-jährige Selim aus Istanbul. Selim ist Jude.
"Die meisten Leute um mich herum sind Akademiker, die werden zum Glück nicht gleich antisemitisch. Aber sagen wir mal 90 Prozent derer, die Polat lieben, sind nicht besonders gebildet. Und so fördert diese Serie die Feindschaft gegenüber uns Juden."
Die Angst, dass der Antisemitismus in der Türkei immer weiter vordringen würde, war besonders groß als vor zehn Jahren die AK-Partei von Ministerpräsident Erdogan die Regierung übernahm. Erdogan – ein ehemaliger Anhänger der verbotenen islamischen Refah-Partei – konnte nur Schlechtes für die knapp 25.000 verbliebenen türkischen Juden bedeuten, so die damalige Befürchtung.
"Falsch!", meint heute Ishak Alaton, der wohl bekannteste und einflussreichste Jude der Türkei. Der 85-jährige Unternehmer ist berühmt für seine geradezu übertriebene Loyalität gegenüber der Türkei, in die seine Großeltern einst eingewandert waren.
"Im November 2002 wurde Erdogan Ministerpräsident und ich erinnere mich wie am Abend nach der Wahl die Anrufe kamen. Aus Schweden, Frankreich, Deutschland, Amerika… Alle sprachen von dem Desaster nun einen wie ihn an der Macht zu haben. Ich habe all meinen Freunden damals gesagt: Dass dieser Mann gewählt wurde, war das Beste, was der Türkei passieren konnte."
Ishak Alaton steht den einflussreichen Kreisen der Türkei sehr nahe – wohl auch wegen solcher Statements. Er gilt vielen als der türkische Vorzeigejude. Die Schuld für die in den letzten Jahren abgekühlte Beziehung zwischen Israel und der Türkei, den Skandal um das Hilfsschiff "Mavi Marmara" – bei dem israelische Soldaten vor zwei Jahren neun Türken erschossen – schiebt er einzig und allein Israel zu. Und er geht noch weiter: Antisemitismus vermag er im Land nicht auszumachen:
"Ich würde nicht sagen, dass es in der Türkei irgendeine Art von offenem Antisemitismus gibt. Ich habe keinerlei Klagen gegenüber der türkischen Gesellschaft, ich fühle mich sehr wohl in meinem täglichen Leben hier und in keiner Weise ausgegrenzt."
Eine kleine Gasse in Galata, Istanbuls ehemals jüdischem Viertel. Der alte Mann mit der grauen Wollmütze auf dem Kopf zählt gerade seine Tageseinnahmen. Seit 20 Jahren verkauft Ali hier goldgelbe Sesamringe von einem hölzernen Handkarren. Zehn Stunden arbeitet er am Tag, manchmal mehr. Seine Familie kann er trotzdem nur gerade so durchbringen. Und wer ist Schuld? "Die Juden und so", sagt Ali, dann legt er los.
"Die Juden in der Türkei arbeiten heimlich mit Israel zusammen. Sie haben ein Haus für arme Juden ganz in der Nähe von hier. Alle Familien da haben den gleichen Nachnamen. Sie lassen sie einander heiraten, weil die Juden immer Verwandte heiraten…"
Ali hat noch nie in seinem Leben mit einem Juden gesprochen – so, wie laut Umfragen knapp 90 Prozent aller Türken nicht. Die 20.000 Juden, die allein in Istanbul leben, bleiben oft unter sich. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Ali mit seinen Theorien einer unter vielen ist. Wie aber ist es möglich, dass Männer wie der Unternehmer Ishak Alaton nicht sehen, was doch für jeden offensichtlich ist? Kann einer wie er tatsächlich so blind sein? Nein, Rifat Bali – türkisch-jüdischer Historiker und Verleger – schüttelt den Kopf. Nicht blind, pragmatisch nennt er Ishak Alatons Reden, die bei anderen türkischen Minderheitenvertretern zwar Kopfschütteln hervorrufen mögen, seine eigene Position im Land jedoch eindeutig stärken.
"Die Juden in der Türkei sind vor allem apolitisch, sie halten sich zurück, fallen nicht auf. Und wenn sie doch den Mund aufmachen, dann kritisieren sie nicht die türkische Regierung. Sie berühren das Antisemitismusproblem möglichst nicht, sondern sprechen darüber nur hinter verschlossenen Türen."
Türkische Juden wie Ishak Alaton bieten so möglichst wenig Angriffsfläche. Deshalb betonen sie selbst gern und häufig die traditionelle Offenheit der Türkei und zuvor des Osmanischen Reichs gegenüber ihren eigenen Vorfahren, die zuerst nach ihrem Rauswurf aus Spanien und später nach der Flucht aus Nazideutschland am Bosporus ein neues Zuhause fanden. Antisemitismus, heißt es gern, kann es in einem Land mit dieser Geschichte doch nicht geben. Der Historiker Rifat Bali:
"Da wird normalerweise sehr übertrieben – ganz so, als ob die Türkei alle jüdischen Wissenschaftler aufgenommen hätte, die aus Deutschland geflohen sind. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Dieser Mythos wurde aber in der Türkei aufgebaut, um das Image des Landes im Umgang mit Minderheiten zu verbessern, auch, um die Vorwürfe zu dem Genozid an den Armeniern abzuschwächen."
Sowohl dieser Mythos als auch die Strategie der türkischen Juden, zu schweigen, führt vor allem dazu, dass das Thema Antisemitismus in der Türkei bis heute offiziell einfach nicht existiert, so der Historiker. Daran festzuhalten, wird allerdings im 21. Jahrhundert immer schwieriger.
"Jeder leitet sich jetzt blitzschnell Artikel weiter, chattet in Foren usw. Ich denke, letztendlich ist der Antisemitismus genauso stark wie früher, aber er ist jetzt sichtbarer. Kurz: Wir haben in der Türkei Antisemitismus wie in jedem anderen Land auch. Der Unterschied ist, dass die Türkei das einfach nicht anerkennt."