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StartseiteUmwelt und VerbraucherWeniger Miesmuscheln im Wattenmeer15.01.2007

Weniger Miesmuscheln im Wattenmeer

Klimawandel bedroht die Bestände

Miesmuscheln sind auf einen harten Winter angewiesen. Doch da die Eiswinter im schleswig-holsteinischen Wattenmeer schon seit Jahren ausbleiben, schrumpfen die Miesmuschelbestände deutlich, so dass Fischer bereits über eine künstliche Aufzucht nachdenken.

Von Annette Eversberg

Miesmuscheln werden seltener im Wattenmeer. (Bela Buck, Alfred-Wegener-Institut)
Miesmuscheln werden seltener im Wattenmeer. (Bela Buck, Alfred-Wegener-Institut)
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Miesmuscheln sind besonders fleißig, wenn es um die Fortpflanzung geht, weiß Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer in Husum:

"Es gibt männliche und weibliche, und die geben im Frühjahr, Ende März etwa, ihre Zellen ins Wasser ab. Ein Muschelweibchen kann fünf Millionen bis zu zwölf Millionen Eier produzieren und die Männchen entsprechend Millionen von Spermien. Die treffen sich dann da. Im Frühjahr hat man pro Kubikzentimeter Wattenmeerwasser ein Miesmuschelei oder -larve rumschwimmen."

Die Erfolgsrate hängt nicht nur von der Menge ab. Muscheln brauchen harte Winter, um sich erfolgreich fortzupflanzen. Dann leben die wichtigsten Feinde, die Jungkrebse, noch in den tieferen Wasserzonen. Wenn sie ins Watt einwandern, sind die jungen Miesmuscheln bereits zu groß, um gefressen zu werden. Doch der Klimawandel hat alles auf den Kopf gestellt. Seit zehn Jahren gibt es fast nur warme Winter. Die Jungkrebse fressen die Jungmuscheln, weil sie schon da sind, wenn die Larven kommen. Die Lebensdauer der Muscheln auf den Bänken ist jedoch begrenzt. Rainer Borcherding:

"Eine Miesmuschel wird nur höchstens sechs, acht, zehn Jahre alt. Und jetzt haben wir seit zehn Jahren keine Fortpflanzung mehr gehabt, und die Muscheln sind an vielen Stellen am Wegsterben."

Auf den Naturflächen, die Nahrung für Seevögel wie die Eiderenten bieten, aber auch auf den Kulturflächen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, die einem Vertrag mit dem Land Schleswig-Holstein zufolge befischt werden dürfen, gibt es seit Jahren keine Muscheln mehr. Die Alternative: Saatmuscheln künstlich zu züchten in Salzwasserseen hinter dem Deich. Grundsätzlich ist dies kein Problem, weiß der Biologe:

"Man kann technisch mit ein paar Miesmuscheln in einem Wassertank Millionen von Eiern erzeugen, die man dann zur Ansiedlung an Schnüren ermuntert. Da kann man dann aus den ein Millimeter kleinen Jungmuschellarven Jungmuscheln heranzüchten, die man dann mit einem Zentimeter Größe draußen auf die Kulturflächen schmeißen kann."

Deshalb prüft die örtliche Naturschutzbehörde derzeit einen Antrag der Fischer, Tests für die Zucht von Saatmuscheln in der Salzwasserlagune des Naturschutzgebiets Beltringharder Koog durchführen zu können. Martin Slopianka vom Kreis Nordfriesland:

"Da soll zum einen ermittelt werden, wie die Tiefen in den Wasserflächen im Beltringharder Koog sind. Dann werden an 20 Standorten Sedimentproben genommen und Sedimentproben im Watt bestimmt. Und außerdem wird man an vier Standorten die Besiedlung von Kleintieren prüfen."

Die Muschelfischer sehen dies als Auftakt für den Einstieg in die marine Aquakultur. Sie halten es durchaus für möglich, an anderer Stelle in den Kögen hinter den Nordseedeichen Miesmuscheln zu züchten. Die Nutzung eines Naturschutzgebiets, das 1987 als Ausgleich für den Bau eines großen Deichs vor der Insel Nordstrand geschaffen wurde, ist für Rainer Borcherding jedoch ein erheblicher Eingriff in die Natur.

"Die Flächen werden von Rastvögeln, von Tauchvögeln genutzt. Das ist ungestört, da darf niemand hin. Da hat niemand gefischt, da ist niemand mit Booten rumgefahren. Und dann auch das Risiko für die durch die Schleuse schwimmenden Seehunde und eventuell auch mal einen Schweinswal."

Miesmuscheln brauchen Nährstoffe. Draußen im Watt ist das kein Problem. In einem Salzwassersee ist das jedoch nicht garantiert. Ob dafür also extra gedüngt werden muss, ist bisher noch nicht geklärt. Eine künstliche Düngung könnte jedoch aus der Sicht der Biologen zur Produktion giftiger Algen führen, die auch Tieren wie Eiderenten gefährlich werden. Für Ingo Ludwichowsky vom NABU widerspricht das Ansinnen der Muschelfischer für eine wenn auch nur vorübergehende Nutzung des Beltringharder Koogs dem schleswig-holsteinischen Vertrag über die Miesmuschelfischerei.

"Die jetzige Situation bedeutet, dass man noch einmal über den Vertrag, der schon erhebliche Zugeständnisse vom Naturschutz verlangt hat, hinausgeht und weitere Bereiche, die bislang ungestört geblieben sind, in die Nutzung mit einbezieht und damit den Naturschutz massiv beeinträchtigt."

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