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Wenn Anschlagsopfer betrauert werden

Die Trauer über Opfer von Attentaten und Verbrechen ist in Deutschland öffentlich geworden. Das zeigen Blumen, Kerzen und weinende Menschen, die ihre Abschiedsbriefe hinterlegen. Lange Zeit aber war solche Anteilnahme am Tod anderer Menschen ein Tabu.

Von Bettina Mittelstrass | 18.07.2013

"Nach 1945, das kann man vor allem in der Tat in Deutschland glaube ich beobachten, verschwindet Trauer einfach aus der deutschen Öffentlichkeit. Also offenbar ist diese Kriegserfahrung so traumatisierend, dass der Affekt der Trauer um diese Toten einfach verdrängt wird."

Emotionen und Affekte der Trauer gab es noch auf der Bühne und in der Kunst. Ansonsten riss man sich zusammen und packte Äußerungen von Trauer in das Rundumpaket von Profis – mit vorgefassten Kondolenzbriefen und organisierter Trauerfeier danach. In den 1950er-Jahren, sagt der Germanist Claude Haas vom Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, interpretierte man das so:

"Eigentlich sei das Tabu der Sexualität abgelöst worden vom Tabu des Todes. Das ist für die 50er, vielleicht auch für die 60er und 70er-Jahre ein ziemlich typisches Phänomen, aber ich würde sagen, so seit 10, 15 Jahren lässt sich beobachten, dass das sich wieder dreht. Und es gibt schon Kulturwissenschaftler wie Thomas Macho, der von einer neuen Sichtbarkeit des Todes gesprochen hat. Und die betrifft natürlich auch das Phänomen der Trauer."

Trauer ist heute nicht mehr tabu, sagt Claude Haas. Familien nehmen Beerdigungen und Trauerfeiern wieder kreativ selbst in die Hand. Auch öffentlich genügt das klassische staatliche Emblem der Trauer - die Fahne, die auf Halbmast gesetzt ist - nicht mehr, wenn Opfer von Einsätzen im Kriegsgebiet, Terroranschlägen oder Amokläufen zu betrauern sind. Allein durch die mediale Aufmerksamkeit und Globalisierung der Bilder wird der öffentlichen Betrauerung gewaltsam zu Tode gekommener Mitmenschen deutlich mehr Gewicht eingeräumt. Die Politik macht neue Angebote organisierter Trauer - doch da wirkt in Deutschland so manches eher hilflos, sagt der Germanist.

"Wenn in Afghanistan Soldaten sterben, wird der Tod dieser Soldaten öffentlich sofort symbolisch aufgeladen. Die werden mitunter von einem bestimmten Minister in Afghanistan ausgeflogen, werden beispielsweise von einem anderen Minister hier in Empfang genommen. Auf ihren Beerdigungen sind generell der Ministerpräsident des Landes, wo sie herkommen und oft die Bundeskanzlerin. Es spricht der Verteidigungsminister. Also das ist ein unglaublicher zeremonieller Aufwand, der dort betrieben wird, und der schon glaube ich ein Indiz dafür ist, dass es keine klar geregelten Codes gibt, was den Umgang mit dem Tod dieser Soldaten betrifft. Also in meinen Augen zeugt das von einer großen Verlegenheit, dieses wenn Sie so wollen symbolische Überaufgebot, was da aufgefahren wird."

Diese Verlegenheit erklärt sich aus der spezifisch deutschen Geschichte.

"Sie können sehr genau beobachten, dass der Umgang mit Kriegstoten Deutschland natürlich vor größere symbolpolitische imaginäre Herausforderungen stellt, als das beispielsweise in Frankreich und England der Fall ist. Dort werden die eher - ich formuliere jetzt sehr stark vereinfacht - eher als Helden begrüßt und beerdigt. Sie sind heroisierbar, und ich glaube, dass das auch immer so etwas wie das Problem der Trauer etwas neutralisiert. In Deutschland ist es aber sehr schwer, getötete Soldaten einfach als Helden zu begrüßen und damit Trauer - wenn Sie so wollen - zu domestizieren."

Denn darum geht es: Wenn schon öffentlich getrauert wird, dann bitte in geregelten Bahnen. Haare raufen, das laute Wehklagen von Frauen oder das Zerreißen von Kleidung in der Öffentlichkeit werden seit der Antike immer wieder als Problem bewertet und verboten, sagt Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Das lässt sich historisch nachweisen.

"Wir deuten das heute so, dass es sich eben eigentlich gegen diese Exzesse der Affekte gerichtet hat, von denen der öffentliche Raum, also das Forum, die Polis als Schauplatz der Öffentlichkeit und politischer Körper zugleich freigehalten werden musste."

Das gilt auch für die christlich-europäisch geprägte Gegenwartskultur. Interessant ist, dass die modernen Bildmedien die affektreichen Formen von Trauer wieder suchen - und finden. "Public crying" nennt Sigrid Weigel das neue gemeinschaftliche Wehklagen in der Öffentlichkeit, das sich niederschlägt und wiederholt in Bildern von einander fremden Menschen, die sich weinend oder stützend umarmen und Tatorte mit Blumen, Kerzen und Briefen übersäen.

"Die verwandeln den Tatort in einen Trauerort. Einen Ort zu schaffen für Trauer, für gemeinsame Trauer, das ist etwas, was sich immer mehr verbreitet. Und das heißt, dass wir ja offenbar durch die Medialisierung, Professionalisierung, Politisierung des Todes und des Gedenkens in der Moderne einen immer stärkeren Mangel empfinden, mit den Gefühlen, die dabei eine Rolle spielen, umzugehen, weil diese institutionalisierten und medialisierten Formen dafür nicht geeignet sind."

Das merken längst die Politiker - und binden die spontanen öffentlichen Rituale des Trauerns umgehend wieder in eine für alle geregelte Choreografie. Sigrid Weigel analysierte dazu die Rede von Barak Obama, die er bei der öffentlichen Trauerfeier um die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon gehalten hat. Als er die Trauer in eine Hymne auf die Stärke Amerikas wendete, integrierte der amerikanische Präsident rhetorisch das affektiv neuer gemeinschaftlicher Trauer in historische Bewältigungsformen, die bis zur Gefallenenrede des griechischen Staatsmannes Perikles im 5. Jahrhundert vor Christus zurückreichen.

"Weil das repräsentative Begräbnis, bei dem alle gemeinsam sich auf einem Forum treffen und die Ahnen und die Toten sozusagen ehren und dabei aber auch ihre eigene Staatsverfassung noch einmal ehren und als gestärkt beschwören, weil das eben in Rom ausgebildet worden ist als repräsentatives Ritual. Und wenn wir jetzt in den neueren Formen der Trauer, die die Leute selber inszenieren, spontan zum Teil herstellen, beobachten, dass dann Politiker von Ferne angereist kommen und teilnehmen an einem Gedenkgottesdienst und dann eben durch ihre Rhetorik diese Transformation in ein nationales Ereignis vornehmen, dann ist dafür eigentlich Rom das Modell."