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StartseiteSport am WochenendeWenn Athleten keinen Applaus hören können05.09.2009

Wenn Athleten keinen Applaus hören können

Gehörlose Spitzensportler treffen sich bei den Deaflympics in Taiwan

Sie gehören zur olympischen Familie, haben eine lange Tradition und werden doch kaum wahrgenommen: Die Deaflympics, die Weltspiele der gehörlosen Sportler, sind eröffnet. Für die Hauptstadt Taipeh sind die Spiele das größte Sportereignis aller Zeiten. 160 deutsche Athleten sind dafür ans andere Ende der Welt gereist.

Von Klaus Bardenhagen

Hörgeräte sind nicht zugelassen.  (Stock.XCHNG)
Hörgeräte sind nicht zugelassen. (Stock.XCHNG)
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Sie hören keinen Startschuss, keine Anfeuerung und keine Rufe ihrer Mannschaftskameraden. Trotzdem betreiben sie Sport. Spitzensport sogar. Mehr als zehntausend gehörlose Athleten gibt es in Deutschland, und die besten von ihnen sind nun nach Taiwan gereist. Zu den Deaflympics. "Deaf" wie taub.

"Das ist das größte Event alle vier Jahre, wie die Olympischen Spiele auch, und das ist das größte Ziel eigentlich, das ein Sportler erreichen kann, eben für die Deaflympics nominiert zu werden."

Sabine Grajewski ist Sportdirektorin des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands und hat so kurz vor der Eröffnungsfeier alle Hände voll zu tun. Knapp 160 deutsche Sportler sind in Taipeh dabei. Die Deaflympics sind das größte Sportereignis, das Taiwans Hauptstadt je erlebt hat. Insgesamt kommen fast 4000 Athleten aus mehr als 80 Ländern. Sie alle haben einen Hörverlust von mindestens 55 Dezibel. Das heißt, sie können ohne Hörgerät so gut wie gar keine Geräusche wahrnehmen. Und damit es fair zugeht, sind bei den Wettkämpfen Hörgeräte streng verboten. Statt der Startpistole gibt es Lichtsignale, und statt zu klatschen, wedeln die Zuschauer mit den Händen.

Schon seit 1924 haben gehörlose Sportler ihre eigenen Weltspiele. Viel länger, als es etwa die Paralympics für Körperbehinderte gibt. Gehörlose haben ihre eigene Kommunikationsform, die Gebärdensprache. Und sie sind in anderer Weise beeinträchtigt, sagt Sabine Grajewski. Etwa beim Fußball.

"Die Spieler rufen sich zu, pass auf, Hintermann, rechts, links, und gehörlose Spieler können sich nicht zurufen. Sie verlieren den Ball, müssen sehen, dass der Gegner kommt, aber hören nicht, dass der andere warnt, 'Du, da steht ein Gegner hinter Dir'. Und wenn ich zum Beispiel Tennis mit jemandem spiele, ein Tennisspieler hört, wie der Ball aufkommt. Ob es ein Slice ist oder ob der feste geschlagen wurde. Das hört ein Gehörloser alles nicht. Und bei anderen Disziplinen wie zum Beispiel beim Hürdenlauf oder bei allen Wurfdisziplinen hat es auch was mit dem Gleichgewichtssinn zu tun, der natürlich im Ohr liegt, und da ist ein Gehörloser nicht in der Lage, die gleiche Leistung zu erzielen wie ein Hörender."

Magdalena Ochsenbauer ist aus München nach Taiwan gereist. Zuhause studiert die 21-jährige Agrarwissenschaft, in Taipeh tritt sie im Beachvolleyball an. Sie hat seit Geburt nur 20 Prozent Hörvermögen. Dennoch ist sie in der "Hörendenwelt" aufgewachsen. So nennen Gehörlose es, wenn jemand eine gewöhnliche Schule besucht hat und nicht auf die Gebärdensprache angewiesen ist. Natürlich hofft sie auf eine Medaille, sagt Magdalena Ochsenbauer. Das sei aber nicht das Wichtigste bei ihren ersten Deaflympics.

"Für mich ist das so, Gehörlosen-Sport, oder diese internationalen Veranstaltungen, da steht die Leistung nicht unbedingt an erster Stelle, weil es nicht vergleichbar ist mit den hörenden Sportlern. Ich denke, das Wichtige am Gehörlosen-Sport und an diesen internationalen Veranstaltungen ist die Integration und das Zusammentreffen von Gehörlosen und Schwerhörigen aus aller Welt."

Die Verständigung klappt dankt Gebärdensprache. Die beherrscht auch Sportdirektorin Sabine Grajewski.

"Wenn man international sich trifft, darf man erst mal dabei gar nicht mehr sprechen, kein Mundbild machen. Denn wenn ich mich mit einem Afrikaner Deutsch spreche, kann er mir natürlich nicht mehr von den Lippen ablesen. Es wird mehr Mimik, mehr Gestik benutzt. Und es ist wirklich faszinierend, sie verstehen sich alle."

Medaillen sind natürlich nicht ganz unwichtig. 38 Stück hatten die Deutschen vor vier Jahren gewonnen, bei den Deaflympics in Melbourne. Auch für Taipeh stehen die Chancen gut, sagt Grajewski. Von den Schwimmern verspricht sie sich besonders viel.

"Wir haben einen Schwimmer, Björn Koch, der auch im Hörendenbereich ganz gut dabei ist, und er hat in diesem und im letzten Jahr fünf, sechs oder sieben neue Weltrekorde aufgestellt. Bei den Leichtathleten rechnen wir auch mit der einen oder anderen Medaille. Bei den Mannschaftssportarten: Gut, unsere Fußball-Männer, Weltmeister, vor vier Jahren Vize-Deaflympics-Sieger, da rechen uns natürlich auch sehr viel aus. Handball, Wasserball, erwarten wir auch erster bis dritter Platz, irgendwas dazwischen, wir freuen uns über jede Medaille."

Ein erster Höhepunkt für alle Sportler wird die Eröffnungsfeier vor zehntausenden Zuschauern im ausverkauften Stadion von Taipeh. Ganz unpolitisch sind übrigens auch die Deaflympics nicht: Das Team aus China boykottiert die Feier, wohl auch aus Protest gegen den Besuch des Dalai Lama in Taiwan. Und aus Rücksicht auf China, das Taiwan ja nicht anerkennt, darf das Gastgeber-Land nur als "Chinese Taipei" auftreten. So wie bei den Olympischen Spielen auch.

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