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Wenn der Vater die Mutter schlägt, trifft er das Kind

Das Kind kriegt immer mit, wenn die Eltern sich streiten. Das bedeutet nicht, dass Kinder immer im Detail alles ganz genau wissen, was vorgefallen ist, aber sie haben Vorstellungen davon, was vorfällt, sie haben Ahnungen davon, was passiert, und sie sind häufig genug, und zwar in der Mehrheit dieser Fälle, schlechterdings auch dabei und sehen, was passiert. Weil sie eben dann doch nicht so leicht auszublenden oder wegzusperren sind, ja, und gerade, wenn Streit eskaliert und Streit zu Gewalt führt, dass Kinder dann häufig auch dazu laufen, weil sie sich Sorgen machen, was passiert.

Von Beate Hinrichs | 21.08.2004
    Barbara Kavemann ist Sozialwissenschaftlerin und erforscht seit dreißig Jahren Männergewalt gegen Frauen und Kinder. Die ist weit verbreitet: Rund 45.000 Frauen fliehen jedes Jahr ins Frauenhaus, die meisten davon mit ihren Kindern. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Was die Mädchen und Jungen erleben, schildert Nahid Hosseini. Sie betreut seit sechs Jahren die Kinder misshandelter Mütter im Frauenhaus.

    Die haben zum Beispiel beim Schlagen zugesehen und wollten jetzt anfangen zu schreien, der Vater hat das mitbekommen, hat den Sohn dann den Mund zugehalten, ihn dazu gezwungen, da zu sitzen, nicht schreien, also auch dieses: "Du darfst nicht laut werden, damit die Nachbarn das nicht mitbekommen"; die haben gesehen, dass die Mutter vergewaltigt worden ist über mehrere Jahre, die haben gesehen, dass die Mutter geschlagen worden ist, bei einigen Fällen sogar sehr schwere körperliche Verletzungen zugetragen worden sind.

    In neun von zehn Fällen sind Kinder dabei, wenn ihre Mütter misshandelt werden. Gerade kleine Kinder erleben dabei oft Todesangst oder fürchten um das Leben der Mutter. Angst und Hilflosigkeit fühlen aber auch die älteren. Wie die 16jährige Nadine. Sie erinnert sich, wie das war, als ihr Vater die Mutter einmal besonders brutal verprügelte. Der Anlass: Nadine und ihr Bruder hatten sich gestritten, das ärgerte den Vater.

    Auf jeden Fall waren die blauen Flecken, die sie hatte, ziemlich, ziemlich groß, so ungefähr wie so 'n Teller, und das am Rücken, Oberschenkel und wo noch? Das war's glaub ich schon; und am Hintern, ja. Die hat sie mir gezeigt. Das hat er mit so 'm Stab vom Besen genommen. Sie kam halt zu mir, hat mir das gezeigt, hat sich dann auch richtig ausgeheult... Ja, ich hab mich schon 'n bisschen Scheiße gefühlt. Das ist einfach so 'n Gefühl, das kann man nicht beschreiben. Weil das so 'n krasses Gefühl ist.

    Manche Männer, die ihre Frau misshandeln, würden ihre Kinder nie anrühren. Viele andere gewalttätige Väter schlagen auch die Kinder. Nadine zum Beispiel konnte den Übergriffen ihres Vaters kaum entgehen. Egal, was sie tat. Entweder störte eine Tasse auf dem Tisch - oder es störte, dass sie schon abgeräumt war. Entweder störte, dass der Fernseher lief; oder es störte, dass er abgeschaltet war. Prügel gab es so oder so.

    Da wurden wir mit'm Gürtel geschlagen. Wir waren da noch ganz klein, so sechs, sieben Jahre. Er schlägt uns ja eigentlich immer, wenn sie nicht da ist oder wenn wir alleine sind. Und deswegen streitet er das ja auch ab, weil es sozusagen keine Zeugen gibt.

    Nadine hat ihre Familie vor einem halben Jahr verlassen. Sie ist zu Hause aus- und in ein Mädchenwohnprojekt eingezogen. Dort hat der Vater keinen Zutritt, und Nadine genießt es, hier mit fünf anderen Mädchen ohne Gewalt zu leben. Sie möchte ihren Realschulabschluss machen und Arzthelferin werden. Viele Frauen, die von ihren Männern misshandelt werden, verlassen ihre Peiniger nie oder kehren immer wieder zurück. Jahre-, manchmal jahrzehntelang versuchen sie, die Misshandlungen zu verbergen und erlegen auch den Kindern ein Schweigegebot auf: "Wehe, du erzählst das jemandem! Dann bist du Schuld, wenn die Familie kaputt geht, und dann kommst du ins Heim!" Die Kinder bekommen so die Verantwortung aufgebürdet. Ein häufiges Muster in solchen Situationen. Und auf jeden Fall sind die Folgen für die Kinder immer gravierend - auch wenn sie "nur" Zeugen der Übergriffe werden. Die Demütigungen und Misshandlungen der Mutter miterleben zu müssen, traumatisiert sogar mehr, als selber geschlagen zu werden, sagen Forscher, wie etwa die Sozialwissenschaftlerin Barbara Kavemann:

    Kinder leiden unter dieser Situation, das ist für sie eine ausgesprochen schwierige Situation. Sie geraten in Loyalitätskonflikte, was ihre Haltung zu den Eltern betrifft, und sie haben große Probleme einzuschätzen, was hier passiert. Also, in dem Sinne Recht und Unrecht gelten zu lassen. Weil, es ist schwierig, den Vater zum Beispiel ins Unrecht zu setzen aufgrund dessen, was er tut, wenn er gleichzeitig für das Kind auch immer wieder eine wichtige Figur ist als Vater. Und möglicherweise auch eine sehr geliebte Figur ist als Vater. Und es ist schwierig, eine Mutter dauerhaft zu lieben und nicht nur zu bemitleiden, die sich immer wieder der Gewalt unterwirft in den Augen der Kinder. Und die immer wieder den kürzeren zieht und die immer wieder am Boden ist. Und die Bilder von Vater und Mutter geraten da sehr stark ins Schwanken.

    Nadine hat ihr "krasses Gefühl" beschrieben, als sie die Verletzungen der Mutter sah. Andere Jugendliche reagieren verstört und hilflos oder aggressiv. Manche Kinder sind wütend, wenn die Mutter den Vater verlässt; andere bitter enttäuscht, weil die Mutter jahrelang die Misshandlungen aushält. Nadine sieht ihre Eltern und das Verhältnis zwischen ihnen illusionslos.

    Weil, wenn man so denkt: Eigentlich sind die ja zusammen, weil die sich lieben, und denn schlagen sie sich - das ist keine Liebe dann. Dann fragt man sich, warum die eigentlich noch mit ihm zusammen ist. Na, als sie diese blauen Flecke hatte, wollte sie sich scheiden lassen, aber sie hat's irgendwie nicht geschafft. Ja, is' irgendwie doof, dass sie nicht geht. Ich denk mal, die sind schon so lange zusammen, und irgendwie kann sie auch gar nicht alleine leben. Weil, sie ist auch schon 'n bisschen älter, ich denk mal, dass sie nicht alleine sein will, wenn sie alt ist, wenn sie Schwierigkeiten hat, sagen wir mal, zu laufen, oder wenn sie krank wird, weil sie halt schon so alt ist.

    Sie waren halt nie für mich da. Ich musste immer selber klarkommen mit allem. So schulmäßig haben die mir auch nicht geholfen. Also, eigentlich hab ich keine Liebe gekriegt von denen, ich weiß auch nicht wirklich, wie das so ist, wenn man so Eltern lieben tut.


    Nadine heißt nicht Nadine. Aber offen und mit dem richtigen Namen über die erlittene Gewalt zu sprechen, ist nach wie vor ein Tabu. Ein Tabu, das letztlich die Täter schützt. Viele Nachbarn, Lehrer, Erzieher empfinden es immer noch als "Petzen" oder Denunziation, wenn sie häusliche Gewalt anzeigen. Das macht es den Betroffenen nicht leichter. Dabei bedeutet selbst die Trennung oft nicht das Ende der Gewalt - im Gegenteil. Viele Männer werden gerade dann besonders aggressiv. Kinder, die bisher nicht geschlagen werden, sind in dieser Zeit besonders gefährdet. Und die Mütter sind doppelt belastet: Zum einen droht der Mann noch immer mit Gewalt; zum zweiten suchen die Kinder in dieser Phase noch intensivere Zuneigung. Die Soziologin Barbara Kavemann:

    Viele Frauen schaffen da Erstaunliches, muss man sagen. Also, trotz dieser hochgradigen Belastung immer wieder zu schauen, es für die Kinder auszugleichen, es die Kinder nicht spüren zu lassen, und sich zuwendend, tröstend und versorgend zu ihren Kindern zu verhalten. Aber ein ganzer Teil von Frauen schafft es überhaupt nicht mehr. Weil, sie sind dann entweder an einem Punkt von Verzweiflung oder an einem Punkt von Gleichgültigkeit oder von Resignation und Erschöpfung angekommen. Also, vor allem wenn Gewalt lange währt. Und können dann zum Teil einfach nicht mehr die Kräfte aufbringen, die erforderlich sind, um die Beziehungen zu den Kindern sinnvoll und förderlich zu gestalten, und greifen oft auch zu außerordentlich rigiden und gewaltverbindenden Erziehungsmethoden, um sich das ganze leichter zu machen, um die Kinder ruhig zu halten, um sich nicht noch zusätzlich Probleme aufzuhalsen, ja. Und ja, sind zum Teil grob ungerecht und gewalttätig dann auch zu ihren Kindern.

    Die Mütter brauchen also nicht nur Schutz vor ihrem gewalttätigen Mann, sondern auch Beratung und Hilfe bei der Kindererziehung. Die Mütter dabei besonders zu unterstützen, ist also auch Kinderschutz. Ein weiteres Problem taucht auf, wenn die Mütter mit den Kindern fliehen: das Sorge- und Umgangsrecht. Laut Kindschaftsrecht haben verheiratete Paare ein gemeinsames Sorgerecht für ihre Kinder, auch nach der Trennung. Das alleinige Sorgerecht bekommt ein Elternteil nur dann zugesprochen, wenn er einen entsprechenden Antrag bei Gericht stellt. Viele Gerichte aber entziehen dem Vater nicht das Sorgerecht, selbst wenn er die Mutter misshandelt hat. Vielleicht schafft ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 2003 hier Klarheit. Die Karlsruher Richter stellten fest, dass die gemeinsame Sorge nicht unter allen Umständen der alleinigen vorzuziehen sei. Es gebe keinen Grund anzunehmen, ein gemeinsames Sorgerecht von Mutter und Vater sei in jedem Fall besser für das Kind. Unabhängig davon hat der Vater in jedem Fall das Recht auf Umgang mit seinem Kind - und umgekehrt. Sofern es dem Kindeswohl dient. Aber was genau ist das "Kindeswohl"? Brauchen Kinder ihren Vater, auch wenn er gewalttätig ist?

    Es ist schwer für ein Kind zu hören: "Dein Vater ist ein Schwein." Und es ist gut, wenn Frauen dahingehend beraten werden, dass sie den Partner, auch was er immer gemacht hat, nicht als Person beleidigen und herabsetzen den Kindern gegenüber, sondern wenn sie ausschließlich seine Taten verurteilen. Es ist schwer für Kinder, wenn der Vater ein Schwein ist, weil dann haben sie ihn verloren.

    Sehr oft fangen die Gewalttätigkeiten ja an, wenn die Kinder noch sehr klein sind -, das heißt, das ist deren Lebenssituation von Anfang an, und sie kennen keine andere Mutter, keinen anderen Vater, und sie sind gebunden an diese Eltern. Wir sprechen in diesen Fällen auch von Angstbindung.

    Die Psychologin Katharina Maucher ist beim Frankfurter Jugendamt zuständig für Kinderschutz. Und Kinder, sagt sie, müssen vor misshandelnden Vätern oft geschützt werden. Selbst wenn sie der Gewalt "nur" zusehen. Nicht alle Mitarbeiter von Jugendämtern und Gerichten gehen mit der Konsequenz Katharina Mauchers ans Werk - für viele ist der Erhalt der Familie, auch der gewalttätigen, das oberste Ziel. Und das Recht des Vaters auf Umgang mit den Kindern hat höchste Priorität. Katharina Maucher weiß aus eigener Erfahrung, dass es viele Gründe gibt, wenn ein Kind den gewalttätigen Vater sehen will.

    Die Kinder fühlen eine Verantwortung gegenüber dem Vater - ich weiß gar nicht, ob wir da richtig liegen, wenn wir dem Kind folgen, was sagt, es liebt seinen Vater. Übrigens sagen das die Kinder gar nicht. Wir haben diesen Begriff sehr häufig dafür eingesetzt, wenn das Kind sagt: "Ich will aber meinen Papa sehen, ich will aber mit meinem Papa zusammen sein, ich will aber gucken, wie's meinem Papa geht" - das sagt das Kind. Und da hat das Kind auch recht, weil das Kind nämlich auch unter Umständen sich entlasten möchte. Es möchte sehen: Geht's dem Papa denn gut? Oder es möchte sehen: Hat der Papa sich vielleicht verändert? Und es will vor allen Dingen sehen: Übernimmt der Papa die Verantwortung? Ich hab Fälle, in denen kämpft das Kind, oder die Kinder, jahrelang darüber, dass der Vater sagt: "Ja, das war nicht in Ordnung, ich hätte das nicht tun dürfen"; der Vater sagt das nicht.

    Nahid Hosseini ist in einem Frauenhaus speziell für die Kinderbetreuung zuständig. Für die Jungen und Mädchen ist es wichtig, eine eigene Betreuerin zu haben, die ihre Interessen vertritt. Denn oft sind sie der Spielball zwischen den Erwachsenen oder das Druckmittel der Vaters gegen die Mutter:

    Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Väter also die Kinder wirklich dafür nützen, erstens den Aufenthaltsort der Mutter ausfindig zu machen, also vor allem die Stadt ausfindig zu machen, und dann wirklich zu fragen, was die Mutter jetzt macht, hat sie 'n neuen Freund; worum geht es, die Mutter schlechtzumachen, und gleichzeitig aber auch über das Kind Nachrichten zu der Mutter mitteilen zu lassen: Ich werd Dir etwas tun oder den Kindern etwas tun, eigentlich, Nachrichten, die nicht den Kindern mitgeteilt werden sollten.

    Es gibt eine Regelung, die verhindern soll, dass die Kinder vom Vater verletzt, ausgehorcht oder erpresst werden oder dass die Mutter bei ihrer Übergabe vom Vater attackiert wird: Das ist der so genannte "begleitete Umgang". Mitarbeiter des Jugendamtes oder von sozialen Institutionen sind dann die ganze Zeit dabei, wenn der Vater sein Kind sieht. Die Interessen und Risiken aller Beteiligten müssen dabei sorgfältig und fachlich fundiert abgewogen werden. Bei Migrantenfamilien ist zusätzlich wichtig, dass eine Dolmetscherin dabei ist, die versteht, wenn der Vater mit dem Kind in seiner Muttersprache spricht.
    Fachleute plädieren dafür, gewalttätigen Männern den Umgang mit ihren Kindern vorübergehend ganz zu untersagen. Das ist nicht nur eine Frage der Sicherheit. Es hat auch einen zweiten Effekt: Die Täter sollen sich mit ihrem Verhalten auseinandersetzen. Und das können sie am besten, wenn sie spüren, dass nicht einfach alles weitergeht wie bisher.

    Wie Eltern mit der Gewaltsituation umgehen, hat ganz massive Folgen für die Kinder - unter Umständen geben sie das Problem an die nächste Generation weiter. Denn Untersuchungen zeigen, dass Töchter eines gewalttätigen Vaters sich als Frau oft einen gewalttätigen Mann suchen. Und die Söhne misshandeln später häufig selber Frau und Kinder. Die 16jährige Nadine kennt das aus eigener Erfahrung.

    Also, ich hatte auch 'n Freund, der mich geschlagen hatte, und irgendwie wirkt sich das, denk ich mal, weil ich hab da halt gelebt die ganze Zeit, man kennt dieses Gefühl schon, man merkt das gar nicht, dass man mitten drin ist, obwohl man da schon drinne ist, und das ist halt Scheiße irgendwie. Wenn man nicht merkt, was man jetzt für 'ne Beziehung ist und so. Ja. Nee, weil damals hab ich das auch gar nicht mitgekriegt, dass das so schlimm war, und dann bin ich hierher gekommen halt, dann ist es mir erst richtig aufgefallen, was das für eine Person ist.

    Dieses Muster kann durchbrochen werden, wenn Kinder und Jugendliche Hilfe von außen bekommen oder wenn die Mutter den misshandelnden Vater verlässt und aus dem Teufelskreis ausbricht. Nur so wird den Kindern klar, dass sie sich gegen Gewalt wehren können. Seit einigen Jahren gibt es neue Gesetze gegen Gewalt in der Familie. Seit November 2000 zum Beispiel das "Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung". Darin heißt es:

    Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.
    Allerdings sind keine Strafen vorgesehen, wenn jemand dagegen verstößt, sagt Andrea Buskotte. Sie arbeitet beim Landespräventionsrat Niedersachsen gegen häusliche Gewalt.

    Dieses Gesetz, dass es verboten ist, seine Kinder körperlich zu misshandeln, ist ja relativ frisch und gehört damit in eine Kategorie von Gesetzen, wo der Staat tatsächlich auch guckt: Wie bekannt ist es eigentlich, welche Auswirkungen hat es auf die Erziehungspraxis, und da sind wir in der glücklichen Lage, dass das tatsächlich beforscht worden ist in den letzten zwei, drei Jahren, und die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass der Bekanntheitsgrad dieses Gesetzes relativ gut ist. Also, man kann sagen, dass im Wesentlichen alle Eltern wissen, dass wir ein Gesetz haben, das Gewalt gegen Kinder verbietet.

    Das Gesetz verhindert allerdings zweierlei nicht: Zum einen, dass auch gutwillige Eltern gewalttätig werden, wenn sie gestresst und überfordert sind. Zum anderen, dass sie "Gewalt" unterschiedlich definieren und eine Ohrfeige, einen Schlag auf den Po oder gar eine gelegentliche Tracht Prügel weiterhin in Ordnung finden. Immerhin hat der Staat damit ein Zeichen gesetzt: Gewalt ist keine Privatsache! Das gilt auch für das so genannte "KinderrechteVerbesserungsgesetz", das im April 2002 beschlossen wurde. Damit kann ein Elternteil der Wohnung verwiesen werden, der seinem Kind Gewalt antut. Dieser Wohnungsverweis war zuvor schon nach dem Gewaltschutzgesetz möglich, wenn Frauen sich ihrer prügelnden Männer erwehren wollten. Das neue Gesetz hat die rechtlichen Möglichkeiten entsprechend auf die Kinder ausgeweitet.

    Das Gesetz ist im Prinzip auch gut gedacht, aber auch da gibt's natürlich wieder praktische Schwierigkeiten. Alle Fachkräfte, die direkt mit solchen Familien zu tun haben, betonen natürlich immer wieder, dass es im Grunde nicht vorstellbar und nicht denkbar ist, einen das Kind misshandelnden Vater aus der Wohnung, aus der Familie wegzuweisen, wenn die Mutter da nicht kooperativ ist und diese Wegweisung, ja, emotional mit unterstützt.

    Natürlich bewirken neue Gesetze nicht direkt Verhaltensänderungen. Außerdem kranken sie ganz erheblich daran, dass zeitgleich die finanzielle Unterstützung zum Beispiel für Familienberatungsstellen oder Frauenhäuser von den Kommunen zusammengestrichen wird. Und damit auch die Hilfe für Kinder und Jugendliche, die es einmal anders machen wollen, als ihre Eltern es ihnen vorgelebt haben. Die 16jährige Nadine wünscht sich eine eigene Familie, in der niemand Gewalt anwendet. Aber sie hat auch Angst, ob sie das durchhält, wenn sie selber einmal Kinder hat.

    Na, eigentlich, weil ich's anders ja nicht kenne. Ich bin ja so aufgewachsen, und das steckt ja in mir drinne, denk ich mal so. Und deswegen weiß ich ja nicht, ob ich meine Kinder vielleicht später auch mal falsch aufziehen werde. Oder dass ich sie auch schlagen werde - aber das werd ich auf keinen Fall tun. Das weiß ich jetzt schon.