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Wenn die Werkstatt zum Tempel wird

Wenn in Indien hinduistische Götterfiguren hergestellt werden, müssen religiöse Vorschriften beachtet werden. Gegossen werden die bronzenen Götterbilder nur bei Vollmond. Dabei werden Sankrit-Verse rezitiert. Während die Handwerker an einer Figur arbeiten, müssen sie vegetarische leben und auf Alkoholgenuss verzichten.

Von Margarete Blümel | 13.11.2012

    Srikanda Stapathy sitzt auf dem Fußboden seines Betriebs im südindischen Swamimalai vor seinem neuesten Werkstück. Es ist eine Bronzestatue der Göttin Lakshmi. Srikanda Stapathy ist kein gewöhnlicher Bronzegießer. Er entwirft und fertigt Götter.

    "Mein Name ist Srikanda Stapathy. Ich komme aus Swamimalai im südindischen Bezirk Thanjavur. Wir stellen hier Bronzeikonen her, die sich an der alt-hinduistischen Chola–Tradition orientieren - ebenso, wie es bereits unsere Vorfahren vor beinahe tausend Jahren getan haben."

    Swamimalai im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ist nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch das Zentrum der traditionellen indischen Bronzeskulptur. Die Werkstatt der Familie Stapathy ist der größte und angesehenste der hiesigen Betriebe.

    "Unsere Familiengeschichte beginnt vor tausend Jahren. Unsere Vorväter haben den großen Tempel in Thanjuvur errichtet und später auch den berühmten Tempel von Kumbakonam. Danach ließen sie sich in Swamimalai nieder."

    Die Stapathys sind Brahmanen. Für ihn und seine drei Brüder, sagt Srikanda Stapathy, sei diese Arbeit ein Privileg und ein Akt religiöser Verehrung.

    "Die Götter haben den Menschen geschaffen - aber wir genießen das Privileg, dass wir - als einfache Menschen - Götter fertigen dürfen!"

    Die Götterfiguren werden nach alten religiösen Traditionen hergestellt. Sie vereinigen geistige und körperliche, ja, sinnliche Aspekte in sich. Indem Meister wie Srikanda Stapathy und seine Brüder spirituelle und erotische Elemente in ihre Götterfiguren integrieren, kommen sie den Bronzestatuen aus der Chola-Zeit sehr nahe.

    Damals drückte sich die Vollkommenheit und die besondere innere Schönheit einer Gottheit auch in ihrer Sinnlichkeit aus. Um ihre Arbeit angemessen auszuführen, betonen die Mitglieder der Familie Stapathy immer wieder, genüge es nicht, über das richtige Augenmaß und über sehr gute handwerkliche Fähigkeiten zu verfügen. Die Bildhauer benötigten Hingabe - und ein profundes Wissen. So müssten die Beteiligten Sanskrit beherrschen, um die hinduistischen Vorschriften erfüllen und den Charakter der jeweiligen Gottheit verinnerlichen zu können.

    "Die Hindugottheiten sind uns bestens bekannt. Nicht zuletzt, weil wir die Texte kennen, die in den Shilpa Sastras über sie zu finden sind. Außerdem enthalten die Bücher im Thanjavur-Museum eine vollständige Beschreibung all dieser Götter."

    Nur wenn ein Bronzegießer all jenen Vorgaben korrekt Ausdruck verleihe, sagt Srikanda Stapathy, erwache die Gottheit hernach in der von ihm geschaffenen Figur zum Leben. Für einige der Statuen benötigen die Bronzegießer ein paar Tage, manchmal allerdings kann es ein Jahr oder länger dauern, bis die Figur vollendet ist. Der Prozess der Fertigstellung aber verläuft immer gleich.

    " Das Gesicht erhält seine besonderen Merkmale, bis nur noch das "Augen öffnen" vorzunehmen ist. Zunächst werden die Augen mit einer Mischung aus Honig und Butter verschlossen. Ein Priester "öffnet" mit einer goldenen Nadel die Augen. Eine Gottheit ist geboren – die Statue hat sich in einen lebenden Gott verwandelt, der angebetet wird.""

    Das Öffnen der Augen darf nur zwischen vier und sechs Uhr morgens vorgenommen werden, da zu diesem Zeitpunkt Ruhe vorherrscht und die Gottheit somit nicht gestört wird. Gegossen wird entweder bei Vollmond oder bei Neumond. Das Gießen der Figuren wird von der Rezitation bestimmter Sanskritverse begleitet. Überhaupt, sagt Srikanda Stapathy, sei die Werkstatt der Familie fast so etwas wie ein Tempel.

    Die Bildhauer und ihre Arbeiter behandelten ihre Figuren mit Ehrerbietung. Sie seien gehalten, während ihrer Tätigkeit nur an Gott zu denken, heilige Verse zu wiederholen und allen Menschen und Wesen aus ihrer Umgebung mit Sanftmut zu begegnen. Zu den Vorschriften, die es zu erfüllen gilt, gehört auch die Anweisung, auf Alkohol- und Fleischgenuss zu verzichten.

    "Bevor wir eine Statue beginnen und bevor wir die Form ausgießen, fasten wir und halten eine spezielle Puja ab. Ansonsten ernähren wir uns während der ganzen Arbeiten an der Figur vegetarisch."

    Es gibt mehrere Hersteller von Götterfiguren in Swamimalai, aber nicht alle halten sich so akribisch an die religiösen Vorgaben wie Srikanda Stapathy und seine Familie. Der Erfolg aber scheint den Stapathys recht zu geben. Der Betrieb beschäftigt 50 Arbeiter. Die Familie hat ihr Auskommen und ist ihrer Tätigkeit wegen sehr angesehen. Und ihre Götter, sagt Srikanda Stapathy, reisten nicht nur durch ganz Indien, sondern sogar durch die ganze Welt.

    "Unsere Kunden kommen nicht nur aus Indien, sondern aus der ganzen Welt. Wir haben schon für Tempel in London gearbeitet und auch eine große Statue an den Vinayakar Tempel in Deutschland geliefert. 108 tanzende Shivas gingen nach Kalifornien. Tempel in Toronto, Malaysia, Sri Lanka und Bangkok - überall sind unsere Götterfiguren! Ja – unsere Statuen reisen in die ganze Welt. Wir aber bleiben hier."