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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWenn Umweltschäden Lebensbedingungen zerstören10.06.2010

Wenn Umweltschäden Lebensbedingungen zerstören

Das Institut für Wissenschaft und Ethik an der Uni Bonn zu Umwelt und Gerechtigkeit

Die Umweltdebatte steckt in einem Dilemma: Wir alle wollen die Natur schützen, eine lebenswerte Umwelt erhalten, nur - wir handeln nicht danach. Die kleinen Leute ebenso wenig wie die mächtigen Politiker.

Von Peter Leusch

Am Ende siegt der Egoismus (AP)
Am Ende siegt der Egoismus (AP)

"Ich glaube, wenn wir uns an den jetzt jüngsten Generationen orientieren - und dann erwischen wir immer noch einen Zeitraum von um die 90 Jahren, was in der jetzigen Zeit ein immens langer Zeitraum ist - dann haben wir die Anlässe für unser umweltgerechtes Verhalten direkt vor Augen, man würde in die unmittelbare Lebenswirklichkeit schauen und wüsste, was zu tun ist im Sinne der Verkehrspolitik, dass verkehrsberuhigte Zonen, Geschwindigkeitsbegrenzungen gemacht werden, dass knappe Ressourcen in der Natur nicht nur von einigen wenigen auch in unseren Generationsabfolgen verbraucht werden, sondern dass man die offen lässt für die jüngsten Generationen."

Dieter Sturma, Philosoph und Direktor des Bonner Instituts für Wissenschaft und Ethik, möchte die Umweltdebatte mit seinem Vorschlag aus einem Dilemma herausführen: Wir alle wollen die Natur schützen, eine lebenswerte Umwelt erhalten, nur - wir handeln nicht danach. Die kleinen Leute ebenso wenig wie die mächtigen Politiker. Im Treibsand der ökonomischen Krisen und nationalen Interessen blieb die Kopenhagener Klimakonferenz ergebnislos stecken. Und im schnelllebigen Alltag nehmen wir doch wieder das Auto statt der umweltfreundlichen Bahn.

Der hehre Appell, das Leben hier und heute an den Existenzrechten künftiger Generationen auszurichten, stelle deshalb, so Dieter Sturma, eine moralische Überforderung dar, besser könnten wir uns zu einem umweltgerechteren Verhalten motivieren, wenn wir ganz konkret auf die Kinder, auf die Jüngsten um uns herum schauen würden.

Auf der Bonner Tagung zu Umwelt und Gerechtigkeit wurde auch eine andere Crux der Ethik- und Umweltdebatte kenntlich gemacht, von Christoph Hubig, der Philosophie der wissenschaftlichen-technischen Kultur an der TU Darmstadt lehrt.

"Wir haben nicht das Problem, dass einzelne Werte zur Diskussion stehen: Im Wesentlichen sind Grundwerte wie Gesundheit, Umweltqualität, Sicherheit, Funktionsfähigkeit, ökonomische Effizienz et cetera anerkannt, das Problem sind die Wertkonflikte, und da brauchen wir Abwägungsregeln, und die Berücksichtigung von Optionswerten bzw. des Optionswertcharakters von Lösungen - so mein Vorschlag - sollte hier eine Orientierung abgeben."

Mit dem Begriff Optionswert, formuliert Christoph Hubig, eine Art ethische Faustregel. Bei allen Entscheidungen und Lösungen sollten wir diejenigen vorziehen, die uns in Zukunft möglichst große Handlungs- und Entscheidungsspielräume offen halten, also wo uns viele Optionen verbleiben, damit wir nicht in der Falle früherer Entscheidungen festsitzen. Konkret auf die Energiediskussion bezogen, heißt das für Hubig:

"Die Berücksichtigung des Optionswertcharakters würde zum Beispiel darauf hinauslaufen, dass wir die Rede von der Endlagerung radioaktiver Abfälle aufgeben. Es gab noch nie in der Zivilisationsgeschichte irgendeine endgültige Lösung. Und es ist davon auszugehen, dass alle Lösungsoptionen enorme Lasten für zukünftige Generationen mit sich bringen.

Unter Optionswertgesichtspunkten - und mit einer solchen Forderung macht man sich natürlich unbeliebt - müssten die Deponien reparabel, zugänglich und sicher gehalten werden, was natürlich äußerst kostenaufwendig ist, aber - die Option offen lässt, dass zukünftige Generationen anders oder sehr viel intelligenter mit diesen Abfällen umgehen, sie möglicherweise sogar als Ressource einsetzen."

Christoph Hubig plädiert deshalb im Sinne seiner ethischen Optionswertidee für einen weiter laufenden Energiemix, jedenfalls solange, bis die regenerativen Energieträger ausgereift und möglichst dezentral unsere Versorgung sicher stellen könnten. Bis jetzt wird der weltweite Bedarf zu über 80 Prozent aus den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Erdgas gedeckt, die in fataler Weise Klima und Umwelt belasten.

Und während das Zeitfenster für einen Kurswechsel schrumpft, wächst das Gefühl von Ohnmacht, auch von politischer Lähmung und legt sich wie ein Albdruck auf das öffentliche Bewusstsein. Wir haben neben der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine anhaltende Versorgungs- und Entsorgungskrise, diagnostiziert der Technikwissenschaftler Michael Jischa, der bis zu seiner Emeritierung an der TU Clausthal lehrte. Wir brauchen, so Jischa, ein Miteinander von globalen und lokalen Konzepten.

"Die lokalen Konzepte hängen natürlich von den regionalen und lokalen Gegebenheiten ab, es ist interessant, dass auch die Fotovoltaik in unseren Regionen sehr viel bringen kann, - denn wir brauchen keine direkte Solarstrahlung bei Solarzellen, es geht auch bei diffusem Licht - ... das heißt dass also Fotovoltaik eine Domäne von Zentraleuropa sein wird: wie viele Dächer haben wir, die nach Süden gehen, wie viele Glasscheiben haben wir, die nach Süden gehen, da werden wir Dünnschicht-Solarzellen haben, durch die wir blicken können und die machen gleichzeitig Strom, - eine fantastische Entwicklung, und das geht natürlich dezentral."

Die technische Entwicklung der letzten Jahre, so Jischas These, gibt Anlass zu neuem Optimismus, das zeige sich insbesondere an dem großen Solarprojekt in der Sahara unter dem Namen Desertec, initiiert vom Club of Rome, begleitet vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entsteht unter dem Namen Desertec ein internationales Kooperationsprojekt, das Solarstrom in der Sahara für die nordafrikanischen Länder und auch für Europa gewinnen soll.

"Das Entscheidende ist, dass wir dort über diese Konzepte gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen, Infrastruktur und Ansiedlung, denn es werden Serviceleistungen getätigt werden müssen bei diesen riesigen Flächen, die wir brauchen, um diese Parabolrinnen oder Heliostaten dort aufzubauen. Und wenn wir dort Infrastruktur schaffen und damit gleichzeitig Arbeitsplätze, dann werden wir auch den Druck der Flüchtlingsströme aus diesen Staaten weitgehend entlasten, das ist natürlich durchaus in unserem Sinne."

Das Projekt Desertec war eines der Themen, auf die sich nicht zufällig die Diskussion bei der Tagung fokussierte. Denn hier verbinden sich die beiden ethischen Diskurse: die ökologische Frage nach der Umwelt und die soziale Frage nach der globalen Gerechtigkeit.

Christoph Hubig wandte gegen Desertec ein, dass gerade die Konzentration auf ein neues Großprojekt künftige Optionen einschränken und zu Abhängigkeiten von instabilen und undemokratischen Regimen führen könnte. Dieter Sturma hob dagegen hervor, dass ein solches Projekt mit der gemeinsamen Verantwortung auch die gegenseitige Anerkennung stärken könnte.

"Von dem kooperativen Ansatz her finde ich das sehr interessant, weil wir dann lernen müssten mit den Maghreb-Staaten in ein partnerschaftliches Verhältnis einzutreten. Wir diskutieren in unseren Instituten sehr viel mit afrikanischen und mit asiatischen Kolleginnen und Kollegen, und dort gibt es Riesenvorbehalte gegenüber einer von uns vielleicht nicht gemeinten, aber immer wieder transportierten Sonderstellung. Dass wir glauben, dass wir schon Lösungen für diese Länder haben und dass sie nur noch sich an den europäischen Ideen orientieren müssten, und darin steckt eine vielleicht nicht gewollte, aber deutlich spürbare Arroganz, und die müssten wird dann in der Tat ablegen, wir müssten auf gleicher Augenhöhe eben Projekte entwickeln ... und das wird interessant sein, wie europäische Länder damit umgehen können, denn damit haben wir eigentlich relativ wenig Erfahrung."

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