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StartseiteCampus & KarriereWer nachts unter der Bettdecke liest06.10.2006

Wer nachts unter der Bettdecke liest

Viele Kinder werden während ihrer Schulausbildung kurzsichtig

Etwa 30 Prozent der 15- bis 18-Jährigen sind kurzsichtig, viele von ihnen waren es vor ein paar Jahren aber noch nicht. Wenn Kinder in die Schule kommen, nimmt die Kurzsichtigkeit zu. Hauptursache ist das viele Lesen und Schreiben bei schlechtem Licht. An der Tübinger Augenklinik wird ein europäisches Forschungsprojekt koordiniert, das Gegenmaßnahmen erkunden soll.

Von Carl-Josef Kutzbach

Wer sein Buch zu nah hält, schadet den Augen. (AP)
Wer sein Buch zu nah hält, schadet den Augen. (AP)

"Auf das richtige Licht achte ich zwangsläufig, weil sonst tun einem mit der Zeit die Augen weh. Aber auf den richtigen Abstand? Wenn dann nur unbewusst. Also ich halt's halt in dem Abstand, dass es für meine Augen langfristig am angenehmsten ist."

"Vermutlich nicht immer.""

Beide Studierende tragen keine Brille, sind also nicht, wie etwa ein Drittel der jungen Leute, kurzsichtig. Und wenn sie weiter auf gutes Licht, genügenden Abstand und ausreichende Pausen beim Lesen und Schreiben achten, dann brauchen sie Kurzsichtigkeit vorläufig nicht zu fürchten, denn die entsteht normalerweise schon in den ersten Schuljahren, erklärt Professor Frank Schaeffel von der Universitäts-Augenklinik in Tübingen:

""Sicher kann man sagen, dass im Alter von fünf bis sechs Jahren, also bevor die Schule anfängt, fast kein Kind kurzsichtig ist. Das haben wir auch selber hier im Raum Tübingen untersucht. Da gibt's vielleicht 0,5 Prozent von Kurzsichtigen und das ist sehr ungewöhnlich. Wenn dann die Schule allerdings anfängt, mit der vielen Naharbeit, dann nimmt die Kurzsichtigkeit rasch zu. Und gerade zwischen 8 und vielleicht 13 Jahren ist die stärkste Zunahme zu verzeichnen. Wir landen da in Deutschland bei etwa 30 Prozent Kurzsichtigkeit im Alter von 15 bis 18 Jahren."

Als Leiter der Abteilung Neurobiologie des Auges befasst sich Professor Schaeffel seit gut 15 Jahren mit der Kurzsichtigkeit. Die Ursachen sind teilweise schon über 150 Jahre bekannt. In den letzten 20 Jahren wurde einiges durch Tierversuche bestätigt:

"Vermeiden sollte man sicher schlechte Beleuchtung. Da wird die Pupille groß, die optischen Fehler im Auge kommen deutlicher zu Tage und das Bild auf der Netzhaut ist nicht so scharf. Das nimmt die Netzhaut übel, wie man im Tierexperiment zeigen kann, und das stimuliert das Augenlängenwachstum."

Das Auge des Heranwachsenden wächst also stärker, als erwünscht, wenn man zum Beispiel unter der Bettdecke liest. Da ist man dann obendrein auch noch zu nah am Buch.

"Je näher wir unsere Leseziele anschauen, desto größer sind unsere Akkomodationsfehler, wieder das Bild schlechter auf der Netzhaut, was das Augenwachstum anspornt. Das heißt, es wäre sinnvoll auf 30 Zentimetern oder bisschen weiter sogar zu lesen."

Diese beiden, rein optischen Vorgänge, die das Sehen erschweren, versucht das Auge auszugleichen, indem es so wächst, dass es sich nicht mehr ganz so sehr anstrengen muss.

"Ja ich denke schon."

Ja, das ist ganz wichtig, sonst kann ich mich nicht richtig konzentrieren. Da kann man's auch viel besser erkennen alles. Ist viel effektiver, auf jeden Fall."

"Kann ich nicht so sagen - keine Ahnung."

Die dritte Ursache, das ununterbrochene Belasten der Augen im Nahbereich, ist weniger bekannt. Pausen machen hilft sogar bei Hühnern oder wenn Kinder draußen Sport treiben.

"Wenn man vier Mal am Tag zwei Minuten die Tiere normal sehen lässt, dann entsteht schon keine Kurzsichtigkeit mehr. Es empfiehlt sich also beim Lesen immer wieder in die Ferne zu gucken."

Das haben schon die Großeltern gewusst. Und wenn man erst Mal kurzsichtig ist, dann hilft bis heute nur eine Brille. In Zukunft könnten bessere Brillen auch beim Erwachsenen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bremsen. Auch Medikamente, die das unerwünschte Wachstum des Auges bremsen, sind wahrscheinlich machbar.

Vorbeugen bleibt aber die beste Maßnahme. Zwar spielen auch die Erbanlagen eine Rolle, aber Hauptursache ist das viele Lesen und Schreiben der Kinder bei schlechtem Licht. Das zeigte sich in China ganz deutlich, als während der Kulturrevolution plötzlich viel weniger Kinder kurzsichtig wurden, weil die Schule ausfiel.

"Man kann auch beobachten, dass Länder, in denen die Industrialisierung sich rasch entwickelt, eine enorme Zunahme der Kurzsichtigkeit zu verzeichnen haben. Also grad China, Japan, Taiwan, Singapur, das sind die Hochburgen der Kurzsichtigkeit mit bis zu 90 Prozent oder sogar mehr Kurzsichtigkeit an den Schulen und Universitäten."

Damit das nicht auch bei uns so kommt, koordiniert Professor Schaeffel ein mit 3,2 Millionen Euro ausgestattetes europaweites Projekt namens "MyEuropia". Es soll einerseits die Forschung voran bringen, und andererseits dafür sorgen, dass das vorhandene Wissen die Menschen auch erreicht.

""Wenn ich lese, dann gucke ich halt, dass ich ein entsprechendes Licht im Hintergrund habe. Und sobald die Seite nicht gut beschienen ist, dann gucke ich, dass ich das Licht umstelle. Abstand? Da kann ich jetzt nichts dazu sagen. Darauf hab ich noch nicht geachtet."

"Beim Lesen gucke ich schon nach genügend Licht, auch wenn das Buch spannend ist. Aber beim Schreiben gehe ich öfters zu nah ran.""

Programmtipp

PISAplus am 7.10.2006:
Lust am Lesen <br>Wie Jugendliche sie wiederentdecken können und welche Rolle Lehrer dabei spielen

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