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"Wer nicht gestorben ist, ist weggezogen"

In der unterirdischen Atomanlage Majak im Südural wurde während der Sowjetzeit vor allem kernwaffenfähiges Plutonium für die Atomwaffen-Produktion hergestellt. Auf dem Gelände ereigneten sich in den 50er und 60er Jahren mehrere Unfälle, bei denen große Mengen radioaktiv-kontaminierter Substanzen in die Umwelt gelangten. Die schwerste Explosion war 1957, und sie gilt als der am besten verschwiegene Super-GAU der Geschichte. Unabhängige Wissenschaftler glauben, dass die Katastrophe von Majak die von Tschernobyl weit übertrifft. Die Verstrahlung der Gegend übersteigt den GAU in Tschernobyl um das Sechsfache. Wegen der strengen Geheimhaltung und weil sich die Kontamination in diesem Fall nur auf den Ural beschränkte, war der Unfall in Majak bis vor wenigen Jahren kaum außerhalb der russischsprachigen Grenze bekannt. Heute, 51 Jahre nach der Reaktorkatastrophe kämpfen immer noch viele Opfer um Entschädigung. Andrea Rehmsmeier berichtet.

    " Wir haben gerade Kartoffeln geerntet. Es war der 29. September 1957, gegen vier Uhr nachmittags. Plötzlich gab es eine starke Explosion und die Erde bebte. Wir Kinder sind nach Hause gelaufen. Von dort konnten wir alles beobachten: Wie die Erde sich hebt und eine schmutzige, rote Wolke emporsteigt. Sie war so groß, wie der Himmel selbst. Im Haus sind alle Fenster zersprungen. Die Erwachsenen haben sich versteckt und geschrien: Das ist der Krieg! Aber dann ist alles wieder ruhig geworden. Nichts passierte. Zwei oder drei Tage sind wir zuhause geblieben. Dann haben sie uns zur Ernte abgeholt. Aber es war anders als sonst: Sie haben uns gesagt, dass wir die Kartoffeln eingraben, und nicht essen sollen. Weil sie verschmutzt sind. "

    Gulscharás Hände sind faltig. Mit schnellen Bewegungen malen sie in die Luft, wie sie damals, als Elfjährige, die radioaktiv verseuchte Ernte eingebracht hat: die Rüben, den Kohl, das Wintergetreide. Gulschará ist "minderjährige Liquidatorin", wie die russische Amtssprache das nennt. Die Tatarin mit der hageren Gestalt ist Bürgerrechtsaktivistin - und neuerdings gewählte Ratsabgeordnete. In dieser Funktion wird sie heute eine öffentliche Anhörung mit Regierungsvertretern leiten.

    " Wir werden Fragen stellen. Über alles das, was unsere Regierung in den vergangenen 51 Jahren nicht für uns getan hat. Sie lassen uns auf dem verstrahlten Land leben, weil sie sehen wollen, wie Radioaktivität auf den lebendigen menschlichen Organismus wirkt. Wir sind ihre Versuchskaninchen. Warum gewähren sie uns keine finanzielle Entschädigung, damit wir hier wenigstens vernünftig leben können? "

    Im Theatersaal des Kulturzentrums prangt ein riesiges Lenin-Konterfei. Von der Bühne aus lässt Gulschára ihren Blick über die Gesichter schweifen. Vor dem Reaktorunfall lebten in Karábolka 4500 Menschen. Heute sind es noch 315 - wer nicht gestorben ist, ist weggezogen. Die Frauen brachten missgebildete Kinder zur Welt. Wer Schmerzen bekam, verbrachte seine letzte Zeit im systematischen Wodkarausch. Wer von Gehirntumoren befallen wurde, starb in wahnsinniger Raserei. Gulschara selbst hat in der Leber ein Geschwür, das in den vergangenen Wochen um zehn Zentimeter gewachsen ist.

    Die Ministeriensprecher geben ihre Stellungnahmen ab. Doch je mehr sie versprechen - medizinische Versorgungsstationen, Brunnen für unverseuchtes Trinkwasser, Gasanschluss - desto unruhiger wird es im Saal.

    " Liebe Kollegen, unser Sozialsystem bietet finanzielle Unterstützung für Bedürftige. Aber wenn Sie es in Anspruch nehmen wollen, dann müssen Sie einen Antrag stellen. Und wenn Sie dazu zu krank sind, dann bitten Sie Ihre Verwandten oder eine Hilfsorganisation! So ist nun einmal der Rechtsweg, und der gilt für alle! "

    Der Tumult wächst. Die einen kämpfen sich durch die Stuhlreihen nach vorne, vor die Bühne, andere schreien von hinten aus dem Saal.

    " Ich bin im Jahr 1953 in Karabolka geboren, bei der Explosion war ich vier Jahre alt. 1500 Rubel habe ich für den Rechtsanwalt bezahlt, und trotzdem bekomme ich nur negative Bescheide. Ich brauche meine Medikamente! Aber wenn es mir schlecht geht, dann sagen sie mir im Krankenhaus: Sie haben kein Recht auf kostenlose Versorgung, sie stehen nicht auf unserer Liste! "

    Von der Bühne aus schaut Gulschará in den Saal, auf die Gestalten in ihrer bäuerlichen Kleidung, in die müden und alten Gesichter.

    " Wir haben eine Forderung an den russischen Präsidenten und an die Atomlobby dieser Welt. Sie lautet: Wir wollen eine Entschädigung für alle Strahlungsopfer! Die Regierungen sollen die volle Verantwortung übernehmen, wenn sie erst radioaktive Materialien anreichern und hinterher nicht wissen, wohin mit ihrem Atommüll. Am Ural leiden mehr als eine halbe Million Menschen unter der radioaktiven Verseuchung. Wir sind die Opfer des nuklearen Wettrüstens. Und darum wollen wir, die Bürger von Karabolka, den Anfang machen, uns zu wehren. Wir haben eine Initiative gestartet, eine Initiative, die bald die ganze Welt erfassen wird. "