Gulscharás Hände sind faltig. Mit schnellen Bewegungen malen sie in die Luft, wie sie damals, als Elfjährige, die radioaktiv verseuchte Ernte eingebracht hat: die Rüben, den Kohl, das Wintergetreide. Gulschará ist "minderjährige Liquidatorin", wie die russische Amtssprache das nennt. Die Tatarin mit der hageren Gestalt ist Bürgerrechtsaktivistin - und neuerdings gewählte Ratsabgeordnete. In dieser Funktion wird sie heute eine öffentliche Anhörung mit Regierungsvertretern leiten.
" Wir werden Fragen stellen. Über alles das, was unsere Regierung in den vergangenen 51 Jahren nicht für uns getan hat. Sie lassen uns auf dem verstrahlten Land leben, weil sie sehen wollen, wie Radioaktivität auf den lebendigen menschlichen Organismus wirkt. Wir sind ihre Versuchskaninchen. Warum gewähren sie uns keine finanzielle Entschädigung, damit wir hier wenigstens vernünftig leben können? "
Im Theatersaal des Kulturzentrums prangt ein riesiges Lenin-Konterfei. Von der Bühne aus lässt Gulschára ihren Blick über die Gesichter schweifen. Vor dem Reaktorunfall lebten in Karábolka 4500 Menschen. Heute sind es noch 315 - wer nicht gestorben ist, ist weggezogen. Die Frauen brachten missgebildete Kinder zur Welt. Wer Schmerzen bekam, verbrachte seine letzte Zeit im systematischen Wodkarausch. Wer von Gehirntumoren befallen wurde, starb in wahnsinniger Raserei. Gulschara selbst hat in der Leber ein Geschwür, das in den vergangenen Wochen um zehn Zentimeter gewachsen ist.
Die Ministeriensprecher geben ihre Stellungnahmen ab. Doch je mehr sie versprechen - medizinische Versorgungsstationen, Brunnen für unverseuchtes Trinkwasser, Gasanschluss - desto unruhiger wird es im Saal.
" Liebe Kollegen, unser Sozialsystem bietet finanzielle Unterstützung für Bedürftige. Aber wenn Sie es in Anspruch nehmen wollen, dann müssen Sie einen Antrag stellen. Und wenn Sie dazu zu krank sind, dann bitten Sie Ihre Verwandten oder eine Hilfsorganisation! So ist nun einmal der Rechtsweg, und der gilt für alle! "
Der Tumult wächst. Die einen kämpfen sich durch die Stuhlreihen nach vorne, vor die Bühne, andere schreien von hinten aus dem Saal.
" Ich bin im Jahr 1953 in Karabolka geboren, bei der Explosion war ich vier Jahre alt. 1500 Rubel habe ich für den Rechtsanwalt bezahlt, und trotzdem bekomme ich nur negative Bescheide. Ich brauche meine Medikamente! Aber wenn es mir schlecht geht, dann sagen sie mir im Krankenhaus: Sie haben kein Recht auf kostenlose Versorgung, sie stehen nicht auf unserer Liste! "
Von der Bühne aus schaut Gulschará in den Saal, auf die Gestalten in ihrer bäuerlichen Kleidung, in die müden und alten Gesichter.
" Wir haben eine Forderung an den russischen Präsidenten und an die Atomlobby dieser Welt. Sie lautet: Wir wollen eine Entschädigung für alle Strahlungsopfer! Die Regierungen sollen die volle Verantwortung übernehmen, wenn sie erst radioaktive Materialien anreichern und hinterher nicht wissen, wohin mit ihrem Atommüll. Am Ural leiden mehr als eine halbe Million Menschen unter der radioaktiven Verseuchung. Wir sind die Opfer des nuklearen Wettrüstens. Und darum wollen wir, die Bürger von Karabolka, den Anfang machen, uns zu wehren. Wir haben eine Initiative gestartet, eine Initiative, die bald die ganze Welt erfassen wird. "