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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Werbebotschaften für Groß-Deutschland12.03.2007

Werbebotschaften für Groß-Deutschland

Buch über die NS-Propaganda-Illustrierte "Signal"

Nur relativ beiläufig hat sich die Geschichtswissenschaft bislang um das Thema NS-Auslandspropaganda gekümmert, besonders im Bereich der Printmedien. Weitgehend übersehen wurde dabei zum Beispiel die Zeitschrift "Signal", die während des Krieges in den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern Europas eine millionenfache Leserschaft hatte. Manuel Gogos stellt das Buch "SIGNAL. Eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg" vor.

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Im Frühjahr 1940 taucht an zehntausenden Kiosken in ganz Europa eine Illustrierte auf, das "Signal": Mit ihren großspurigen Titel, der professionellen Aufmachung, dem großzügigen Umfang und den spektakulären Farbaufnahmen von sportlichen Wehrmachtssoldaten und schicken deutschen Blondinen ist sie unzweifelhaft ein Eye-Catcher. Im Jahre 1943 können europaweit 2,4 Millionen Menschen nicht widerstehen, ein Exemplar des Propagandablattes im Hochglanzformat käuflich zu erwerben.

"1943, auf dem Höhepunkt der Verbreitung, gab es 'Signal' in allen Teilen Europas, die von der Wehrmacht oder ihren Verbündeten zu erreichen waren. Von Tromsö bis Thessaloniki, von den Kanal-Inseln bis Sizilien, überall konnte man 'Signal' kaufen. Das Besondere an 'Signal' ist ja, dass für alle oder für fast alle europäischen Verbreitungsgebiete Ausgaben in den jeweiligen Landessprachen früher oder später produziert wurden."

Das Magazin schlägt ein wie eine Bombe, meint Rainer Rutz, der junge Wissenschaftler von der Berliner Humboldt-Universität, der "Signal" für die Geschichtswissenschaften wiederentdeckt hat. Dabei ist er auf eine der größten Presse-Erfolgsgeschichten im Zweiten Weltkrieg gestoßen. Der Autor versteht es, in seinem Buch eine durchaus kriminologische Spannung zu erzeugen: Eine kleine Gruppe junger Ethnologen entwickelt in einer Propaganda-Abteilung der Wehrmacht den Plan, der von Goebbels vernachlässigten Auslandspropaganda mit einer Imagekampagne in Form einer Hochglanzillustrierten auf die Beine zu helfen.

"Die neue Zeitschrift gibt die Möglichkeit, eindrucksvoll Kraft, Stärke und Leistung der deutschen Wehrmacht dem Ausland vor Augen zu führen und darüber hinaus, Begriffe über die politische Zielsetzung und über das Wesen des Nationalsozialismus in einer unaufdringlichen Form zu übermitteln, die sich von den üblichen Propagandaflugschriften völlig abhebt."

Der ambitionierte Stab um den Spezialisten für psychologische Kriegsführung, Dr. Albrecht Blau, und den Werbefachmann Fritz Solm, einen Absolventen der Columbia-Universität, ist überaus erfolgreich. Nach dem Balkanfeldzug ist "Signal" bald auch in Athen und Bukarest zu haben, der Russlandfeldzug wir durch eine russische Ausgabe flankiert. Rutz bezeichnet die Einführung des "Signal" deshalb als "publizistischen Nachvollzug" der militärischen Besetzung, der besonders die Wehrmacht entsprechend in Szene setzen sollte.

"Das Bild des Soldaten vor allen Dingen in den ersten Jahren war natürlich ein durchaus eindimensionales: Dem deutschen Soldaten, so die Haupt-Botschaft, gelinge einfach alles, und nichts und niemand kann ihn aufhalten. Der Krieg war ein Kinderspiel; untereinander haben die deutschen Wehrmachtssoldaten Kameradschaft hochgehalten, sie waren edel zu ihren Gefangenen, edel zu ihren Gegnern, das waren so die Bilder der ersten Jahre."

Es geht darum, mitten im Krieg Verständnis für Deutschland in der Welt zu entwickeln. So wird Europa zum wichtigsten Slogan, "Europas Jugend", "Europas Zukunft", "Einheit Europas", "Befreiung der Europäischen Völker" lauten die Schlagzeilen. Die Wehrmachtssoldaten spielen dabei die Rolle der wahren Europäer. Zweifellos: Sie kommen herum. Folgt man "Signal", kann man in den Soldaten so etwas wie Pioniere des modernen Tourismus sehen:

"Wie im tiefsten Frieden sitzen die Pariser vor den Kaffeehäusern der Champs-Elysées und trinken ihren Aperitif. Zwischen ihnen sieht man deutsche Soldaten, an deren Anblick man sich bereits gewöhnt zu haben scheint. Es ist angenehm, geeisten Vermouth zu trinken und, den glatten Geschmack im Halse, sich mit geschlossenen Augen zurückzulehnen, um nur noch diese Geräusche des Friedens zu hören."

Die plakativen Werbebotschaften für Groß-Deutschland evozieren ein Reich des Fortschritts, der Menschlichkeit und Fürsorglichkeit, und im tiefsten Inneren der Friedfertigkeit. So soll der tief sitzende Schock der Blitzkriege durch Zukunftsbilder einer "Pax Germania" flankiert werden. Als der Russlandfeldzug stagniert und die deutschen Soldaten von Bolschewisten und Westalliierten in die Zange genommen werden, da muss "Signal" seine propagandistische Rhetorik anpassen: Nun kämpft man im Namen der Völker Europas gegen die kulturlosen Banditen im Westen und die Horden aus dem Osten einen "Heiligen Krieg":

"Da wurde natürlich auch das Bild des deutschen Soldaten umgestellt. Jetzt gab es die Parole Männer statt Masse, und so ging es dann in erster Linie darum, Husarenstücke zu zeigen. Es wurden immer häufiger einzelne Soldaten herausgegriffen, einzelne Kompanien, die jetzt heroisiert wurden."

Gleichzeitig geht die deutsche Frau entlang der verlängerten "Heimatfront" auf Entdeckungsreise, oder sie bewahrt unbeugsam Contenance. Die Frauen werden in "Signal" ausgesucht attraktiv und bestechend blond ins Bild gerückt.

"Folgt man 'Signal', so ließ sich in Deutschland sehr gut leben. Die Frauen waren sozusagen das Sinnbild der Heimatfront, und da lief es gut. Das heißt, man fuhr in Urlaub an die Ostsee und räkelte sich in der Sonne, oder 'Signal' zeigte laszive Ski-Haserl, das ganze war auf freizügig getrimmt, natürlich auch, um die Leserschaft zu animieren. Und das ging auch auf."

"Signal" erweist sich in Rutz' luzider Lesart als Fundgrube von Selbst- und Wunschbildern des NS-Staates, seine Autopsie der Zeitschrift seziert unablässig phantasmatische Deutschlandbilder der damaligen Zeit: Die Waffentechnik bedient Modernitätswillen, gleichzeitig wird Traditionalismus und Bodenständigkeit bedient, der Augenblick der höchsten Not an der Front und das Ostseeidyll, niemand kann so gut töten wie die deutschen Kampfflieger, und niemand so gut hören wie die deutschen Musiker. Der Geist und das Material sind Meister aus Deutschland. Kurz vor Kriegsende findet der Klüngel der "Signal"-Produzenten Mittel und Wege, sich aus dem umkämpften Berlin in ein entlegenes fränkisches Dorf abzusetzen, um die Produktion massenkompatibler Sehnsuchtsbilder dort bis ins Absurde hinein fortzuführen.

"Das heißt, dass die Beiträge immer stärker von der Realität abgekoppelt wurden. Natürlich hatte man keine Lust, zum Volkssturm eingezogen zu werden und hat deswegen dieses große Illusionstheater produziert, andererseits weil es eben auch darum ging, die Bewerbungsmappen für die Post-NS-Zeit zu füllen."

Durch die großzügigen Entnazifizierungsmaßnahmen können die ehemaligen Mitarbeiter des "Signals" schon bald wieder in die Redaktionen einrücken und sogar zu Gründungsvätern von großen bundesdeutschen Illustrierten und Wochenzeitungen avancieren:

"Gerade den Fotografen gelang der Anschluss an die neue Zeit außerordentlich schnell. Genannt sei nur Hans Hubmann. Der Krieg war ein paar Wochen vorbei, da bekam er schon die ersten Aufträge von amerikanischen Illustrierten. Auch im Osten gab es das, Helmut Eggert, ein großer Zeichner, hat noch 1945 bei der 'Neuen Berliner Illustrierten NBI' in Ostberlin angefangen. Wieder getroffen haben sie sich dann später 1948/49 alle bei der aktuellen Illustrierten 'Quick'."

Der Autor Rainer Rutz leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Elitenkontinuität im Deutschland der Nachkriegszeit. Ihm kommt das Verdienst zu, "Signal" als wichtige Primärquelle der "Mentalitätsgeschichte" des Nationalsozialismus erschlossen zu haben. Das Buch ist für eine wissenschaftliche Publikation ungewöhnlich pointiert und packend geschrieben. Man möchte Rutz gern als Vertreter einer neuen Generation von Geschichtswissenschaftlern verstehen, die am Schnittpunkt von NS-Geschichte und Populärkultur vielleicht gerade darum neue Entdeckungen machen, weil sie ihre Disziplin den Kulturwissenschaften öffnen.


Rainer Rutz: SIGNAL. Eine deutsche Auslandsillustrierte als Propagandainstrument im Zweiten Weltkrieg
Klartext Verlag, Essen 2007
446 Seiten, 34 Euro

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