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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWer wagt, verliert04.02.2018

Whistleblower in der WissenschaftWer wagt, verliert

Whistleblower sind selten Helden. Sie decken Missstände auf, ohne Rücksicht auf die eigene Karriere, Gesundheit oder Freundschaften. Der Einsatz ist hoch, der Nutzen für die Allgemeinheit vor allem dort unschätzbar, wo andere Kontrollinstanzen versagen. Auch in der Wissenschaft haben sie wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren.

Von Christine Westerhaus

Ein Mann in einem Mantel läuft durch eine Straße. (imago / Westend61)
Das Risiko für Whistleblower ist groß (imago / Westend61)
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Eine wichtige Kontrollinstanz sind Whistleblower auch für die Wissenschaft, für eine Institution, die sich auf Ehrlichkeit verlassen muss. Doch das Risiko ist für die stillen Helden hier besonders groß. Zwar gibt es vereinzelt Initiativen, Whistleblower vor negativen Folgen zu schützen. Doch in weiten Teilen der EU verlässt sich die Gemeinschaft noch immer darauf, dass Einzelne trotz aller Risiken ihrem Gewissen folgen und Missstände an die Öffentlichkeit bringen. In "Wissenschaft im Brennpunkt" erzählen vier Whistleblower ihre Geschichte. Und ihre Erfahrungen machen deutlich: Sie haben noch immer nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren.


"Welcome Edward Snowden"

In München, bei einem IT-Kongress, wird Edward Snowden gefeiert wie ein Held. Ein junger IT-Spezialist, der die Abhörpraktiken seines Arbeitgebers, des US-amerikanischen Geheimdiestes NSA, publik gemacht hat. Jetzt lebt er im Exil. Verloren hat er seine Familie, seine Freunde und seine Freiheit. Er hat keinen Job, macht nicht Karriere. Hat ein Held das verdient?

"Wie geht man mit jemandem um, der etwas Unbequemes zur Sprache bringt? Und ich glaube schon, dass da natürlich in jedem System, sei es Wissenschaft, sei es Politik, sei es Jurisprudenz natürlich oft gewisse Wahrungsvermögen da sind. Und dass man dann eben nicht sehr erbaut ist darüber, wenn das in die Öffentlichkeit dringt."

Fälschungsskandal in der Krebsforschung aufgedeckt

Eberhardt Hildt war selbst Whistleblower. Vor mehr als 20 Jahren hat er einen Fälschungsskandal in der Krebsforschung aufgedeckt. Seitdem haben sich die deutschen Forschungsorganisationen bemüht, neue Strukturen zu schaffen.

Die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle auf Betrug nimmt zu, sagt Joachim Heberle, Ombudsmann für die Wissenschaft in Deutschland. Er wertet das als Zeichen dafür, dass sich das Image der Whistleblower verbessert hat.

"Also, ich denke, es hat sich zum Positiven verändert. Und das, glaube ich, können wir über die Zahlen eigentlich untermauern, wobei Zahlen natürlich immer Gegenstand der Interpretation sind. Aber wir interpretieren das Anwachsen der Anfragen zu uns tatsächlich darüber, dass die Whistleblower sich eher trauen, was eigentlich ein positiver Befund ist. Und ich denke auch, wie wir mit den Whistleblower umgegangen sind, ist in der Regel sehr positiv verlaufen."

Doch welche Erfahrungen machen Forscher, wenn sie den Finger in die Wunde einer Arbeitsgruppe oder eines ganzen Instituts legen und damit die Karriere ihrer Kollegen gefährden?

Einiges aufs Spiel gesetzt

"Man muss darauf gefasst sein, dass das eine harte Zeit wird. Sei möglichst nicht allein und sieh zu, dass du von deinem Umfeld ordentlich unterstützt wirst. Denn dir wird ein harter Wind um die Ohren blasen." Auch Karl-Henrik Grinnemo ist Whistleblower. Für die Wahrheit hat er einiges aufs Spiel gesetzt - eine Karriere, seine Familie, seine Gesundheit. Als seine Mission 2013 begann, war ihm das alles nicht bewusst.

"Der Grund, warum wir die Operationen anzeigten, war die dritte Patientin, die damals eine synthetische Luftröhre eingepflanzt bekommen hatte. Wir betreuten sie nach der Operation auf der Intensivstation unserer Abteilung. Sie bekam sehr schwere Komplikationen."

Grinnemo arbeitet damals am Karolinska-Institut in Stockholm. Er ist mit im Operationssaal, als sein Kollege Paolo Macchiarini Patienten künstliche Luftröhren einpflanzt. Synthetische Organe aus Plastik, die der italienische Chirurg mit menschlichen Stammzellen behandelt. Grinnemo ist zunächst genauso begeistert von Macchiarinis Können wie seine Kollegen.

"Das war eine riesengroße Sache. Und das habe nicht nur ich gedacht, sondern im ganzen Karolinska-Institut und im Karolinska-Krankenhaus wurde den Forschern das Gefühl vermittelt, dass mit Macchiarini ein Star-Chirurg rekrutiert wurde. Dass wir durch ihn einen großen Schritt in der Forschung an gezüchteten Organen vorankommen würden."

Alles nur Lug und Betrug

Doch die Ehrfurcht lässt nach, als Grinnemo und seine drei Mitstreiter erleben, wie schlecht es der dritten Patientin nach der Operation ergeht. Ein junges Mädchen aus der Türkei, dessen Luftröhre durch einen Kunstfehler beschädigt worden war und der Macchiarini ein künstliches Organ einpflanzte.

"Als wir uns die wissenschaftlichen Veröffentlichungen über diese Operationsmethode anschauten und die Krankenakten der anderen Patienten lasen, wurde uns klar, dass alles nur Lug und Betrug war. Dass diese Methode nicht funktioniert."

Mehrere Jahre muss das türkische Mädchen auf der Intensivstation behandelt werden, dann stirbt sie. So wie auch die beiden anderen am Karolinska-Institut operierten Patienten. Mindestens fünf weitere Menschen, die Macchiarini in Russland operiert, sterben an den Folgen des Eingriffs. Karl-Henrik Grinnemo und drei weitere Kollegen weisen nach, dass Macchiarini seine künstlichen Organe nie im Tierversuch getestet hat und die Operationen nicht von der zuständigen Ethikkommission genehmigt worden waren.

Mobbingkultur bei der Arbeit

Die vier Whistleblower alarmieren nun die Leitung des Karolinska-Instituts. Doch nichts passiert. Im Gegenteil. Grinnemo und seine Kollegen sind nun diejenigen, die kräftigen Gegenwind spüren.

"Es war furchtbar, plötzlich wurde klar, wer meine wirklichen Freunde sind - und es blieben nicht viele übrig, kann ich sagen. Es war wirklich eine deutliche Mobbingkultur bei der Arbeit, als kämpften alle darum, uns fertig zu machen."

Auch Eberhardt Hildt stößt auf großen Widerstand, als er in den Neunziger Jahren einen der größten Forschungsskandale in Deutschland ins Rollen bringt. Als junger Postdoc kommt er 1995 in die Arbeitsgruppe des damals renommierten Krebsforschers Friedhelm Herrmann und entdeckt schon bald Ungereimtheiten.

Viele in der Arbeitsgruppe ahnen oder wissen sogar, was vor sich geht. Doch Eberhard Hildt ist der einzige, der reagiert.

"Natürlich hat man einerseits Angst - es wäre albern das irgendwie wegzudiskutieren, weil man ist in einem materiellen Abhängigkeitsverhältnis. Aber macht man nichts, ist man Teil des Systems geworden und das wäre ja viel schlimmer gewesen. (…) Das ist langfristig nicht tragbar."

Von den Chefs massiv unter Druck gesetzt

Als er seine Chefs darauf aufmerksam macht, wird er von ihnen massiv unter Druck gesetzt. "Wenn Sie von einem Beschuldigten unter Druck gesetzt werden, dann ist das, denke ich, normal. Wenn Ihnen von anderer Seite da viel Ablehnung entgegen schlägt, dann frustriert das schon."

Erst als Hildt Unterstützung von seinem ehemaligen Doktorvater bekommt, gerät das ganze Ausmaß des Forschungsbetrugs ans Tageslicht. Zehn Jahre lang haben Hermann und seine Kollegin Marion Brach systematisch Studienergebnisse gefälscht oder gleich ganz erfunden. Sogar die Tagesschau berichtet über den Fall.

"Im Skandal um die Fälschungen von Ergebnissen in der Krebsforschung hat eine Untersuchungskommission der Universität Ulm die Vorwürfe gegen den renommierten Mediziner Hermann erhärtet."

"Mir war natürlich nicht klar, weil ich da ja auch natürlich auch völlig unvorbelastet reingegangen bin, was das nach sich ziehen wird, wie lange sich das hinziehen wird und was für verschiedene Konsequenzen das auch haben wird. Das war mir nicht klar. Muss ich aber sagen, war mir letztlich auch egal."

In Schweden auf sich alleine gestellt

Als Konsequenz aus dem Herrmann/Brach-Fall hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG 1997 den "Ombudsman für die Wissenschaft" etabliert. Dort können Wissenschaftler ihren Verdacht auf Forschungsbetrug melden, auf Wunsch auch anonym. In Schweden gibt es eine solche zentrale Anlaufstelle bislang nicht - die Universitäten gehen gemeldeten Verdachtsfällen selber nach oder schalten die Zentrale Ethikprüfungskommission ein. Und so sind auch Karl-Henrik Grinnemo und seine Kollegen auf sich gestellt. Sie widersetzen sich dem Personenkult, der damals am Karolinska-Institut herrscht.

Der italienische Chirurg Paolo Macchiarini gilt als genialer Pionier der Stammzellforschung, die seit ein paar Jahren einen Hype erlebt. Macchiarinis angeblich nachwachsende Luftröhren sollen dem renommierten Karolinska-Institut zu Weltruhm verhelfen. Immerhin können die vier Whistleblower die Leitung des Karolinska-Instituts dazu bringen, einen externen Gutachter einzusetzen. Er bestätigt, dass Paolo Macchiarini Forschungsdaten gefälscht hat. Dennoch stellt sich die Leitung des Karolinska-Instituts hinter den italienischen Chirurgen. Diesen Moment erleben Grinnemo und seine Mitstreiter Thomas Fux, Matthias Corbascio und Oscar Simonson wie einen Faustschlag ins Gesicht.

"Das war furchtbar hoffnungslos. In diesem Moment waren wir verloren, denn wir wurden faktisch als Lügner abgestempelt, die falschen Alarm gegeben hatten. Und das war ein Freifahrtschein, uns noch mehr zu schikanieren. Plötzlich wurden wir wegen wissenschaftlichen Fehlerhaltens und allem Möglichen angezeigt. Es war wirklich eine furchtbare Zeit und ich habe damals darüber nachgedacht, meinen Job komplett an den Nagel zu hängen."

"Wir haben etwas naiv gedacht: Nach dem Macchiarini-Skandal wird wohl keine Universität eine Anzeige wegen Forschungspfusch einfach fallen lassen. Aber offensichtlich kommt das immer noch vor."

Eine wissenschaftliche Studie verfälscht

Kurz nachdem die Macchiarini-Affäre ihren Höhepunkt erreicht, werden auch Fredrik Jutfelt und Josefin Sundin zu Whistleblowern. Sie sehen mit eigenen Augen, wie ihre Kollegin Oona Lönnstedt eine wissenschaftliche Studie fälscht. Die Ereignisse gehen zurück auf ein Frühjahr im Jahr 2015. Damals arbeiten die Biologen gemeinsam mit ihrer beschuldigten Kollegin auf einer Meeresforschungsstation.

"In diesem Fall hatten wir wohl Glück – oder, naja, Glück hatten wir wohl eher nicht. Aber wir haben eben zufällig neben unserer Kollegin gearbeitet und alles gesehen. Sonst hätten wir niemals herausgefunden, dass sie sich das Experiment in weiten Teilen nur ausgedacht hatte."

Inzwischen sind zwei Jahre vergangen, seitdem Jutfelt und Sundin zu Augenzeugen geworden sind. Die beiden Biologen arbeiten im diesem Sommer auf der Meeresforschungsstation "Kristineberg" an der schwedischen Westküste. Es ist Hochsaison für die Meeresforscher. Am Eingang eines großen Labors steht eine kleine Gruppe von Biologen und wertet ein Experiment aus. Jeder kennt hier jeden.

Fredrik Jutfelt steht am Ende des Raums vor einem großen Aquarium. Darin tummeln sich Seeigel, Krebse, Muscheln und andere Meerestiere.

"Hier in 'Kristineberg' haben wir jede Menge Experimente, in denen wir untersuchen, wie sich der Klimawandel und die Ozeanversauerung auf Fische auswirken. Das ist das, womit ich mich viel lieber beschäftige. Absolut!"

Vor allem als Detektive unterwegs

In den vergangenen zehn Monaten waren Fredrik Jutfelt und seine Kollegin Josefin Sundin vor allem als Detektive unterwegs. Sie mussten Beweise dafür sammeln, dass ein Experiment ihrer Kollegin so nicht stattgefunden haben kann. Fünf weitere Forscher haben ihnen dabei geholfen. Eigentlich sollte das Aufgabe der zuständigen Prüfungskommission sein, finden die beiden.

"Die Zeit hätten wir deutlich besser nutzen können, als ein schlecht ausgedachtes Experiment zu jagen."

Im Juni 2016 berichtet das renommierte Fachmagazin "Science", dass Fischlarven stark darunter leiden, wenn sie mit Mikroplastik konfrontiert werden. Angeblich fressen sie die Kunststoffpartikel sogar lieber als echtes Futter. Medien auf der ganzen Welt berichten darüber.

"Instead of eating plancton, young fish are now eating plastic" - "And they found that tiny plastic to young fish is a lot like fast food to human teenagers. They actually prefered plastic over natural food."

Das Experiment geht zurück auf das Frühjahr 2015. Jutfelt und Sundin arbeiten damals gleichzeitig mit ihrer Kollegin Oona Lönnstedt auf derselben Forschungsstation.

Und sie nutzen dieselben Labore wie sie. Mit eigenen Augen sehen die Forscher, wie die Kollegin ihre Experimente durchführt. In einem ganz ähnlichen Labor auf der Forschungsstation Kristineberg erinnert sich Josefin Sundin an die Geschehnisse.

"Hier drin hört es sich genauso an, wie damals auf der Forschungsstation auf Gotland. Mit dem Wasser und so!"

Experiment ohne Kontrolle

Die Biologin lehnt sich an den Tisch in der Mitte des Raums. An der Wand reiht sich eine Handvoll Aquarien mit kleinen Fischen. Im Regal daneben ein paar Bechergläser, etwa so groß wie ein Bierkrug.

"Es war fast so, als hätte jemand einfach ein paar solcher Bechergläser hier auf den Tisch gestellt. Hier, solche! Nur ein paar Stück. Mit Wasser und ein paar Fischen darin. In manchen viel Plastikpartikel, in anderen weniger. So sah das Experiment aus."

"Es war unklar, was da passiert. Normalerweise messen wir die ganze Zeit die Temperatur und den Sauerstoffgehalt. Aber bei diesem Experiment war keine Kontrolle. Außerdem schreiben wir alles in unsere Laborbücher."

Josefin Sundin nimmt ihr eigenes Laborbuch in die Hand, das vor ihr auf dem Tisch liegt.

"Hier zum Beispiel steht: Aquarium Nummer 1,2,3. Datum, Uhrzeit. Und so dokumentieren wir jeden Tag und schreiben alles auf. Wir haben unsere Kollegin nach ihrem Laborbuch gefragt. Aber sie konnte überhaupt keine Aufzeichnungen vorweisen."

2015 haben Sundin und Jutfelt auf derselben Forschungsstation gearbeitet wie Oona Lönnstedt. 2016 erscheint Lönnstedts Artikel in Science. Als Josefin Sundin und Fredrik Jutfelt das Paper lesen, können sie es kaum fassen.

"Für mich war sofort klar, dass das Paper gefaked war. Wir hatten in dem Frühjahr, als die Versuche angeblich gemacht wurden, unglaubliche Schwierigkeiten, genügend Barsche für unsere Experimente zu fangen. Wenn man ein Problem im Labor hat, redet man ständig mit den Kollegen darüber - beim Mittagessen, in der Kaffeepause. Und dann steht im Science Paper, dass Oona ein großes Experiment mit Barschen gemacht hat. Aber wir hatten einfach keine oder nur unglaublich wenige! Das ist also unmöglich!"

Viele weitere Ungereimtheiten entdeckt

Fredrik Jutfelt und Josefin Sundin entdecken viele weitere Ungereimtheiten und wenden sich an die Uppsala Universität, an der ihre Kollegin forscht. Auch Josefin Sundin ist hier angestellt. Als die Universität nichts weiter unternimmt und das Verfahren einstellt, sind die beiden Whistleblower fassungslos.

"Das war eine Katastrophe. Es war für uns völlig undenkbar, dass der Fall nicht weiter untersucht wird, wo wir doch so viele Beweise hatten. Wir waren schockiert!"

Doch die beiden lassen nicht locker. Sie fordern die Uppsala Universität auf, die Zentrale Ethikprüfungskommission in Stockholm einzuschalten, die in Schweden für solche Fälle zuständig ist. Denn nun steht auch ihr eigener Ruf auf dem Spiel.

"Es gab Gerüchte, dass es hier um einen persönlichen Konflikt ging. Dass wir nur neidisch auf unsere Kollegin sind und ihre Arbeit schlecht machen wollten. Aber so war es nicht."

"Das sind nicht irgendwelche Denunzianten also das nun überhaupt nicht, genau das Gegenteil. Für mich sind Whistleblower eigentlich immer schützenswerte Personen, die ein Anliegen haben, dass sie an uns heran tragen, weil sie selber damit nicht leben können. Das sind für mich Whistleblower."

Wichtige Kontrollinstanz in der Wissenschaft

Doch Whistleblower in der Forschung waren selten Helden. Und nur, wenn es um größere Skandale ging, interessierte sich die Öffentlichkeit für sie. "Jeder mag die Tatsache, dass es Whistleblower gibt, aber niemand kann sie leiden", hat es der US-amerikanische Forscher Uri Simonsohn formuliert. 2012 hat er dem Rotterdamer Sozialpsychologen Dirk Smeesters Datenmanipulation nachgewiesen.

Dabei sind Whistleblower vor allem in der Wissenschaft eine wichtige Kontrollinstanz. Vielleicht sogar die wichtigste.

"Das ganze wissenschaftliche System basiert auf Vertrauen, das muss man immer noch sagen. Wir haben kein Wissenschaftsgesetz - aus guten Gründen gibt es das nicht, aber es gibt eben kein Gesetz und es gibt auch kein Gericht für uns."

Immerhin: Seit 20 Jahren gibt es in Deutschland den Ombudsman für die Wissenschaft, Joachim Heberle ist einer im Gremium. 87 Verdachtsfälle auf Verstöße gegen die "gute wissenschaftliche Praxis" sind 2016 bei der Geschäftsstelle eingegangen. Meist geht es dabei um Autorenkonflikte oder Plagiatsvorwürfe. Im jüngsten Fall von nachgewiesenem Forschungsbetrug in Deutschland kam der entscheidende Hinweis von einem Whistleblower:  Im Juni 2017 wurde der Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena, Karl Lenhard Rudolph, von der Leibniz-Gemeinschaft gerügt. Er war als Hauptautor für sechs Publikationen verantwortlich, in denen Daten fehlerhaft und in unzulässiger Weise dargestellt worden waren. (*) Ombudsman Heberle:

"Und dort wurde im abschließenden Bericht recht eindeutig festgestellt, wie hilfreich es war, diesen Hinweis von einem Whistleblower zu bekommen. Also da wurde ausdrücklich diesem Whistleblower auch gedankt."

Whistleblower selbst haben meist das Nachsehen

Schaut man sich die bekanntesten Fälle der vergangenen Jahre an, wird jedoch schnell klar: Die Öffentlichkeit ist dankbar, wenn Missstände aufgedeckt werden. Doch die Whistleblower selbst haben meist das Nachsehen: Der Bottroper Volkswirt Martin Porwoll, der 2016 einen der größten Arzneimittelskandale in Deutschland aufdeckte, wurde fristlos gekündigt. Vor dem Arbeitsgericht scheiterte er. Auch Margrit Herbst, die 1994 auf dem Höhepunkt der BSE Krise Verdachtsfälle in Deutschland publik machte, verlor ihren Job. Heute lebt sie an der Armutsgrenze, weil sie durch ihre Kündigung deutlich weniger Rente bekommt.

Eberhardt Hildt hingegen hat Karriere gemacht. Inzwischen ist er Professor und leitet am Paul-Ehrlich-Institut in Langen eine eigene Arbeitsgruppe. Ob er dieses Ziel schneller erreicht hätte, wenn er seinen Chefs damals nicht auf die Füße getreten wäre?

"Das ist eine hypothetische Frage. Natürlich, in dem Moment in dem man irgendeinen Misserfolg hat, neigt man natürlich schon dazu spontan zu sagen: "Ach das liegt jetzt daran". Ich denke, objektivierbar nur in einem Fall mal, wo ich eine Bewerbung auf eine Professur zurückgekriegt habe - weitestgehend ungelesen, aber wo drinnen ein Zettel gelegen hat: "Wir wollen hier keine Schnüffler", das war ein bitterer Moment, das muss ich wirklich sagen. (…) Das hat mich ein, zwei Tage schon ziemlich umgehauen."

Klar ist, dass der Druck auf Wissenschaftler in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Wer keine publizierbaren Daten produziert, muss seine Karriere schnell an den Nagel hängen. "Publish or perish", "publiziere oder du gehst unter", wie es im Forscherjargon heißt.

"Das kann man auch korrelieren, dass dort, wo ein stärkerer Druck, also 'publish or perish'-Druck herrscht, dass dort auch die Gefahr des wissenschaftlichen Fehlverhaltens größer ist. Also ich glaube das kann man schon feststellen. Also das hat was mit diesem Druck zu tun."

Vielleicht ist auch Oona Lönnstedt der Versuchung erlegen, eine Abkürzung zu nehmen, um ihrer Karriere einen Kick zu verschaffen. Als sie Ende 2015 ihre Studie über Mikroplastik beim Fachmagazin "Science" einreicht, erlebt das Thema gerade einen Hype in der wissenschaftlichen Community und in den Medien. Schnell wird die Studie publiziert. Kurz danach bekommt die Forscherin große Summen an Forschungsgeldern bewilligt. Offenbar nehmen es aber auch die Fachmagazine nicht immer so genau: Als sich die beiden Whistleblower Fredrik Sundin und Josefin Jutfelt nach den Originaldaten der Untersuchung erkundigen, stellt sich heraus: Der Verlag hat sie nie eingefordert. Als Sundin und Jutfelt ihre Kollegin nach den Daten fragen, kann auch sie diese nicht vorlegen.

"Wir hatten damals im Internet recherchiert, wie man als Whistleblower vorgehen soll. Und da stand, dass man die Autoren niemals direkt mit dem Verdacht konfrontieren sollte, weil sie dann Beweise verschwinden lassen können."

Josefin: "Wir hielten das für total absurd. Das wird niemals geschehen, dachten wir." - Fredrik: "Und dann war es das erste, was passiert ist!"

Externe Speichkarte angeblich geklaut

Die beschuldigte Forscherin Oona Lönnstedt behauptet, ihr Computer mit allen Forschungsdaten sei aus einem unabgeschlossenen Auto gestohlen worden. Mitsamt der externen Speicherkarte, auf dem sich eine Kopie befand.

"Und es ist nicht das erste Mal, dass bei einem Fall von Forschungsbetrug angeblich der Computer mit allen Daten aus einem unabgeschlossenen Auto gestohlen wurde. Das gab's schon mal. Vielleicht kursiert ja irgendwo eine Anleitung wie man am besten pfuscht?" 

Inzwischen können die beiden über ihre Erlebnisse lachen. Doch die zehn Monate, die das Verfahren dauert, erleben Sundin und Jutfelt als Albtraum:

Josefin: "Wir haben beide schlecht geschlafen und davon geträumt."

Fredrik: "Ja, ich hatte sogar richtige Albträume. In diesen zehn Monaten hat uns das Thema rund um die Uhr beschäftigt."

Josefin: "Und wir sind nicht dazu gekommen, unsere eigentliche Arbeit zu machen."

Fredrik: "Unsere eigentliche Forschung war nur noch Nebensache."

Am Ende bekommen Sundin und Jutfelt Recht: Die Studie ihrer Kollegin wird als gefälscht entlarvt. Kurze Zeit später zieht das Fachmagazin "Science" das Paper zurück.

"Jetzt habe ich das Gefühl, dass es die Sache Wert war. Zwischendurch fühlte es sich hoffnungslos an. Aber jetzt wo bewiesen ist, dass wir Recht hatten und der Artikel zurückgezogen wurde fühlt es sich besser an."

"Als Whistleblower hatten wir kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren. Das ist ganz klar ein Risiko."

"Ich bereue nicht, dass wir Macchiarini angezeigt haben. Wir drei waren uns sehr sicher, dass alle Anschuldigungen richtig waren. Es geht hier um Forschungsbetrug und man darf diese künstlichen Luftröhren nicht einfach an Patienten ausprobieren. Das muss einfach aufhören."

TV-Dokumentation bringt Macciarini zu Fall

Am Ende kann jedoch erst eine Dokumentation im schwedischen Fernsehen SVT Paolo Macchiarini zu Fall bringen. Nach der Ausstrahlung Anfang 2016 reagiert die Leitung des Karolinska-Instituts auf Druck der Öffentlichkeit: Macchiarini und sein Forschungsteam werden entlassen, auch der Chef des Instituts und weitere Führungsmitglieder räumen ihren Posten. Inzwischen ist klar: Sämtliche Publikationen über den Erfolg der Luftröhren-Transplantation sind geschönt. Plötzlich klopfen alle den vier Whistleblowern auf die Schultern. Transparency international Schweden zeichnet Grinnemo und seine drei Kollegen als Whistleblower des Jahres aus. Doch beruflich hat der Chirurg das Nachsehen. 2016 wechselt er an das Universitätskrankenhaus in Uppsala. Er hält den psychischen Druck am Karolinska-Institut nicht mehr aus.

"Es war ein enormer Stress. Seit Herbst 2013 habe ich schlecht geschlafen und hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mir meine Chefs in den Rücken fallen wollen. Darunter hat auch meine Familie gelitten, weil ich die ganze Zeit sehr schlecht drauf und labil war. So lief das die ganzen Jahre - erst jetzt habe ich das Gefühl, allmählich wieder ich selbst zu sein."

Ob sich Grinnemos Karriere von diesem Knick erholen wird, muss sich erst noch zeigen.

"Ich musste in Uppsala eine neue Arbeitsgruppe aufbauen. Und ich bekomme keine Forschungsgelder mehr bewilligt, weil in den Gremien immer noch Leute sitzen, die damals Macchiarinis Fürsprecher waren. Und natürlich haben sie keine Lust, mich zu fördern. Das ist also ein sehr hoher Preis, den ich bezahlt habe."

Nichts im Vergleich zu dem, was die Patienten erlebten

Welchen Wert Whistleblower für die Gesellschaft haben, ist seit Snowden allgemein bekannt. Viele Menschen setzen sich dafür ein, sie besser vor Nachteilen zu schützen. Während sie in Großbritannien und Luxembourg umfassenden Schutz genießen, gibt es in Deutschland noch immer kein Whistleblower-Gesetz. Auch auf EU-Ebene nicht. Und so verlässt sich die Gesellschaft in weiten Teilen Europas noch immer darauf, dass Menschen ihrem Gewissen folgen.

"Wir alle haben einen Preis bezahlt. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem Preis, den die Patienten und ihre Angehörigen bezahlt haben. Das möchte ich wirklich betonen. Es ist, wie es einer von uns vier Whistleblowern mal formuliert hat: Gegen das, was die Patienten durchmachen mussten, waren die Repressalien uns gegenüber ein Strandspaziergang bei Sonnenuntergang."

* In der ursprünglichen Fassung war von nachweislich gefälschten Daten die Rede. Das ist nicht richtig. Wir bedauern dies und haben die Textpassage entsprechend korrigiert.

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