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StartseiteKultur heuteWiderspenstige Weibsstücke in Paris26.12.2007

Widerspenstige Weibsstücke in Paris

Molière und Shakespeare in der Comédie Francaise

Mit jeder Inszenierung wolle er ein Stück Tradition zerstören, so lautet das Credo des litauischen Regisseurs Oskaras Korsunovas. Zur Zeit ist seine Inszenierung des eher selten gespielten Shakespeare Stücks "Der widerspenstigen Zähmung" in der Comedie francaise zu sehen. In den Kammerspielen der Comedie francaise ist die Version des Moliere-Stücks: "Die lächerlichen feinen Damen" zu sehen.

Von Ute Nyssen

In Paris sind inspirierende Klassikerinterpretation zu sehen, so das Urteil der Autorin.  (AP)
In Paris sind inspirierende Klassikerinterpretation zu sehen, so das Urteil der Autorin. (AP)

Ein verwirrter älterer Herr weiß nicht, wo er sich hinsetzen soll im Theater, die Platzanweiserin prüft seine Eintrittskarte, er wird handgreiflich, sie ruft nach den Kollegen und er, offenbar betrunken, taumelt auf die Bühne. Mit dieser Täuschung stimmt die Inszenierung, mit blendenden Schauspielern, auf ein verstörendes Spiel zwischen Schein und Wahrheit ein.

Der Regisseur hatte den genial einfachen Gedanken, die üblicherweise gestrichene Rahmenhandlung von Shakespeares Komödie mit zu spielen. Vor der barocken Kulisse eines Grabmalreliefs aus Totenköpfen und Engelsflügeln wird dem berauschten Eindringling weisgemacht, er sei ein kranker Fürst. Um ihn zu heilen führt eine Theatertruppe ihm die Zähmung der widerspenstigen Katharina durch Petruchio, einen skrupellosen Mitgiftjäger vor, die Geschichte einer Gehirnwäsche. Alle Figuren, auch die der zahlreichen Nebenhandlungen, treten in moderner schwarzer Kleidung auf, tragen jedoch riesige Spiegeltafeln vor sich her, auf die Kostümfetzen ihrer historischen Rollen geklebt sind, beispielsweise eine Rüstung oder die Jacke eines Pagen. Nicht zuletzt diese brüchige Zeichenhaftigkeit holt das Stück in unsere Gegenwart. Die Figuren bewegen sich mit akrobatischen Tanzschritten, gelegentlich im übertreibenden Stil der Commedia dell`arte und immer wie unter Starkstrom stehend. Der einheitliche formale Überbau der Regie öffnet die Augen dafür, dass sie alle auf einer halsbrecherischen Suche nach Identität sind, dem gesellschaftlichen Zwang - allerdings auch dem theatralischen Spaß - zu Verkleidung und Rollenspiel unterliegen, so dass das Schicksal der Widerspenstigen eine allgemein menschliche Dimension gewinnt und wegführt vom bloßen Kampf der Geschlechter. Katharina allein jedoch lernt das Lachen und den souveränen Umgang mit der Welt als Bühne. Zum Schluss tritt sie als einzige im großen Barockkostüm auf und dieser schöne Schein stempelt ihre Unterwerfungsrede vor dem "Gebieter" Mann, die zumindest für Feministinnen unerträglich klingt, zum Text einer fernen historischen Rolle. Mit einer zärtlichen Geste macht der Regisseur überdies deutlich, dass auch der "Gebieter" Petruchio einen Zähmungsprozess durchlief: er kniet vor seiner Frau nieder, küsst ihre Hand und jault inbrünstig auf wie in einer ironischen Kampfansage an die zu Beginn auftretenden Höllen - und Todeshunde, die den Betrunkenen umringten. Der Applaus klang entsprechend.

Der Regisseur Dan Jemmet schlug mit LES PRECIEUSES RIDICULES, den "Lächerlichen Preziösen" einen abgekürzteren, aber ebenso plausiblen Weg ein: Er fegte das historische Milieu, in dem der freche Molière die geistreichen Snobs seiner Zeit ansiedelte, restlos weg und versetzte die "follower of fashion", wie sie bei den Beatles heißen, ebenso frech in das heutige Milieu der Mode, der Disco, der Medien, dorthin wo Markenkleider und feinsinniger Klatsch Leute machen. Für ihre Kostümierung wählte er die sechziger/siebziger Jahre, Molières Sprache behielt er wortgetreu bei.

Auch in diesem Stück sind Spiel im Spiel und Kleiderwechsel angesagt, die Hauptfiguren kommen aus Umkleidekabinen auf die Bühne, die eine Modeboutique vorstellt. Zwei "Provinzschnepfen" räkeln sich hier unter Einsatz ihres wackelnden Busens und üppigen Hinterns so, dass das Publikum nicht weiß, ob es mehr lachen soll über die falsche Imitation echter Salonschlangen oder über das süffisante Geplapper, mit dem sie sich über ihre Abweisung zweier biederer Pariser Ehe Anwärter austauschen. Diese, pikiert, kehren jedoch zurück, maskiert als Schicki-Micki-Lebemänner mit dicker Schminke und kühnem Toupet à la Showbusiness. Unerkannt schmieren sie den Damen hochtrabende Komplimente, Anmache in Versen so dick ums Maul, dass diese sich mit ihnen in der großen Welt wähnen und erotische Übergriffe für den guten Ton halten. Nur noch mit Unterhosen bekleidet, die notdürftig beachtliche Bäuche bedecken, wirft "Mann" ihnen schließlich das falsche Gewand vor die Füße und die nackte Wahrheit lässt die desillusionierten Schnepfen wie angeschossen auf die Erde fallen.

Auch hinter den Herren der Glamourwelt verbirgt sich also nichts besseres als hinter profanen Ehe Anwärtern, die, noch dazu, sich jetzt sonnen im Glanz ihres gelungenen Falschspiels. Die Besetzung dieses Quartetts mit älteren, korpulenten, nichts desto weniger erzkomödiantischen Schauspielern, ist eine weitere Molière kongenial entstaubende Regieidee. Und auch wenn bis heute Paris am liebsten über die "Provinz" lacht, so muss es hier zugleich über sich selbst lachen.

Beide Häuser der Comédie Francaise jedenfalls liegen mit diesen Inszenierungen ganz vorn im Rennen um eine inspirierende Klassikerinterpretation.

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