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Widerstandsfähige Blutsauger

Biologie.- Kämmerjäger bekämpfen Bettwanzen in aller Regel mit Gift. Doch in den letzten Jahren mehren sich Meldungen, dass die Mittel ihre Wirksamkeit einbüßen. Wissenschaftler des Umweltbundesamtes haben dazu nun eine Untersuchung gemacht.

Von Joachim Budde | 01.10.2012
    Seit etwa zehn Jahren ist in den Industrienationen wieder ein Blutsauger auf dem Vormarsch, der seit den 50ern weitgehend verschwunden war: die Bettwanze. Jahrelang hatten Schädlingsbekämpfer mit Insektiziden aus der Gruppe der Pyrethroide eine wirksame Waffe in der Hand, doch in den letzten Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass viele Bettwanzenpopulationen resistent werden gegen diese Wirkstoffgruppe, vor allem in den USA. Das ist ein echtes Problem, denn es gibt nur wenige Mittel gegen die Wanzen.

    Um zu testen, wie viel von dem Insektengift deutsche Wanzen vertragen, hat Arlette Boyer in Berlin in vier Wohnungen Bettwanzen gefangen und beim Umweltbundesamt Pyrethroiden ausgesetzt.

    "In den Wildstämmen haben wir bis zu fünffach höhere Toleranzen gefunden. Die sind relativ niedrig hier in Deutschland, das heißt, die bezieht sich auf Berlin die Studie, wenn wir uns amerikanische Wildstämme ansehen, dann gibt es dort solche Toleranzen bis zu 12.000 Mal höher gegenüber Pyrethroiden."

    Zum Vergleich hat die Doktorandin den Referenzstamm des Umweltbundesamtes herangezogen. Das sind Bettwanzen, die seit über 40 Jahren im Labor gezüchtet werden und in dieser Zeit nie mit Insektiziden in Kontakt gekommen sind. Hundertprozentig vergleichen lassen sich die Zahlen aus den USA deshalb nicht mit Boyers Ergebnissen. Denn ihre amerikanischen Kollegen haben einen anderen Bettwanzenstamm als Referenz benutzt.

    "Bisher wissen wir das noch nicht genau, ob das methodische Unterschiede sind oder einfach unsere deutschen Bettwanzen noch nicht so stark resistent sind."

    Um sicherzugehen, wird die Biologin diese Versuche mit dem amerikanischen Referenzstamm wiederholen. Schon jetzt hat Boyer Mechanismen gefunden, die den Wanzen helfen, größeren Giftdosen zu widerstehen. Pyrethroide stören die Kommunikation der Nervenzellen und lähmen so die Muskulatur der Insekten. Die Forscher sprechen vom Knock-down. Boyer hat Veränderungen in der DNA der Bettwanzen aufgespürt, die den Knock-Down verhindern, sogenannte KDR-Mutationen.

    "Da haben wir bei drei Wildstämmen die KDR-Mutation gefunden, also diese Knock-Down-Resistance-Mutation, ein Stamm hatte diese Mutation überhaupt nicht, und dann ist es noch so, dass die unterschiedlichen Stämme auch unterschiedlich stark mutiert waren."

    Einem Stamm mit höherer Gifttoleranz fehlte die KDR-Mutation allerdings. Es muss also zusätzliche Mechanismen geben. Erste Hinweise haben die Forscher bereits entdeckt: Diese Wanzen bilden größere Mengen eines Enzyms, das dabei hilft, Giftstoffe aus dem Körper auszuschwemmen.

    Resistenzen sind eine Ursache für die Rückkehr der Bettwanzen, doch auch der Mensch trägt das seine zu ihrem neuen Siegeszug bei: Er bringt sie unfreiwillig als Souvenir mit. Das zeigt sich vor allem in Großstädten, sagt Boyer.

    "Großstädte sind ja sowieso immer Umschlagpunkte mit sehr vielen Menschen sehr vielen Hotels, sehr vielen Reisenden, sehr vielen Touristen, und das führt natürlich dazu, dass Bettwanzen schnell eingeschleppt werden und auch verschleppt werden, und dadurch haben wir schon viele Häuser, die befallen sind, viele Hostels, viele Hotels, und haben immer wieder Probleme."

    Bettwanzen sind allerdings kein Zeichen dafür, dass jemand die Hygiene vernachlässigt – sie laufen einem einfach zu. Auch völlig saubere Zimmer können die ungebetenen Gäste beherbergen. Arlette Boyer ist aber bisher von ihren Forschungsobjekten verschont geblieben.

    "Ich habe mir zum Glück von der Arbeit noch nie etwas mitgenommen, und auch bei meinen Einsätzen in den Wohnungen noch nichts, da bin ich auch sehr froh drüber. Wenn ich hier in fremden Hotels bin, dann durchsuche ich auch wirklich das Zimmer, dass ich dann auch ganz in Ruhe schlafen kann."