Samstag, 28. Mai 2022

Wirtschaft
Wie der Ukraine-Krieg den Welthandel beeinflusst

Das Volumen des Welthandels könnte sich wegen des Kriegs in der Ukraine in diesem Jahr halbieren. Welche Folgen zöge das nach sich – und welche Regionen würden am härtesten getroffen? Die Welthandelsorganisation WTO hat dazu einen Bericht veröffentlicht.

12.04.2022

Container werden im Hafen von Wladiwostok verladen.
Der Hafen von Wladiwostok. (dpa / Vitaliy Ankov)
Der russische Einmarsch in die Ukraine hat nicht nur eine humanitäre Krise immensen Ausmaßes ausgelöst. Auch die Folgen für den Welthandel könnten nach Einschätzung der WTO erheblich sein. Die Wirtschaftsexperten rechnen mit einer Halbierung des Welthandelsvolumens (also der Summe des Warenwertes aller Güter, die weltweit zwischen Ländern oder Wirtschaftsräumen gehandelt werden). Auch das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2022 nach Modellrechnungen nur noch um 3,1 bis 3,7 Prozent wachsen, erklärte die WTO in einem aktuellen Bericht.

Um welche Produkte geht es?

Normalerweise sind Russland und die Ukraine große Exporteure von Getreide. Rund 25 Prozent aller weltweiten Weizen-Exporte stammen aus den beiden Ländern. Hinzu kommen hohe Weltmarktanteile bei Gerste und Mais – die Exporte von Sonnenblumenöl machen zudem fast die Hälfte aller weltweiten Exporte aus. Darüber hinaus ist Russland einer der Hauptexporteure der Rohstoffe Palladium und Rhodium, die beispielsweise für die Konstruktion von Katalysatoren in der Automobilindustrie benötigt werden. Die Ukraine versorgt indes die Halbleiterindustrie mit Neon. Die russische Ausfuhr von Energie (und die deutsche Abhängigkeit von diesen Lieferungen) ist seit längerem Gegenstand politischer Diskussionen.
Landwirte ernten mit ihren Mähdreschern Weizen auf einem Weizenfeld in der Nähe des Dorfes Tbilisskaya in Russland.
Russland und die Ukraine sind normalerweise große Exporteure von Getreide. (dpa/Vitaly Timkiv)
In den vergangenen Wochen waren die Auswirkungen des Krieges und der westlichen Sanktionen gegen Russland bereits wirtschaftlich zu spüren. An den drei größten Häfen Russlands, St. Petersburg, Wladiwostok und Novorossiysk, ist der Containerfrachtverkehr nach Angaben des Kieler Instituts für Weltwirtschaft bereits um die Hälfte eingebrochen. Die Ukraine ist indes praktisch vom internationalen Seehandel abgeschnitten. Den wichtigsten Hafen des Landes, Odessa am Schwarzen Meer, hat seit Kriegsausbruch kein großes Containerschiff mehr angelaufen.

Welche Regionen sind von den Folgen betroffen?

Europa dürfte nach Angaben der WTO die Hauptlast der wirtschaftlichen Auswirkungen zu spüren bekommen, da Russland und die Ukraine dorthin am meisten exportieren. In der deutschen Industrie war der Rückgang des Welthandels bereits im Februar spürbar. Gegenüber Januar gingen die Bestellungen aus dem Ausland nach Angaben des statistischen Bundesamts um 3,3 Prozent zurück.
Dramatischere Folgen könnte die Warenknappheit aber für ärmere Länder haben. Die WTO rechnet in ihrem Bericht mit „negativen Folgen für die Ernährungssicherheit“ – vor allem für Länder im Mittleren Osten und Nordafrika, die mehr als 50 Prozent ihres Getreidebedarfs aus Russland und/oder der Ukraine importieren. Einige Länder in Subsahara-Afrika müssen demnach mit Preiserhöhungen von 50 bis 85 Prozent für Weizen rechnen. Der Agrarökonom Martin Qaim von der Universität Bonn rechnet damit, dass die Zahl der Hungernden kurzfristig um über 100 Millionen Menschen ansteigen könnte.

Welche mittel- und langfristigen Folgen sind denkbar?

Die WTO rechnet damit, dass höhere Preise für Nahrungsmittel und Energie letztlich die Reallöhne senken und die weltweite Importnachfrage dämpfen. Große Volkswirtschaften könnten sich außerdem verstärkt in Richtung Selbstversorgung entwickeln. Dies würde laut dem WTO-Bericht wiederum zu schwerwiegenden Einkommensverlusten führen – insbesondere für Schwellen- und Entwicklungsländer.
Auf globaler Ebene könnte eine solche Entwicklung das Bruttoinlandsprodukt langfristig um etwa 5 Prozent senken. Die WTO nennt als Gründe dafür, dass der Wettbewerb eingeschränkt und Innovationen erstickt würden.