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Wie der Vater, so das Kind

In einer großen Studie über zwei Jahrzehnte suchen australische Forscher nach Erkenntnissen über die Gesundheit von Heranwachsenden. Ein Hauptfokus liegt auf Gewichtsproblemen bei Kindern und Jugendlichen. Erstes Zwischenergebnis: Väter haben ein entscheidenden Einfluss auf das Gewicht ihrer Kinder.

Von Volker Mrasek | 08.02.2012

Im Rahmen der australischen Studie kommen Kinder aus über 3000 Familien alle vier Jahre auf die Waage. Und auch die Eltern geben ihr Körpergewicht an. Das war zuletzt 2008 der Fall und davor 2004. Die Kinder waren zu dieser Zeit acht beziehungsweise vier Jahre alt. Diese Daten haben die Wissenschaftler jetzt ausgewertet. Sie konnten dabei sehen, wie sich das Körpergewicht der Kleinkinder entwickelt hatte.

Das Ergebnis: Ist der Vater dick, dann werden es die Kinder in der Regel auch, selbst bei einer schlanken Mutter. Umgekehrt aber gilt das offenbar nicht: Ist die Mutter dick und der Vater schlank, dann ist das Risiko für Übergewicht bei ihren Kindern nicht erhöht.

Philip Morgan, Professor für Physische Aktivität und Ernährung an der Universität von Newcastle nördlich von Sydney:

"Das sind wirklich aufschlussreiche Daten. Väter haben den entscheidenden Einfluss auf das Gewicht ihrer Kinder. Unsere Studie ist die erste, die das zeigt."

Deswegen auch haben die Forscher ihren Fachartikel, der jetzt erschien, mit einer Aufforderung überschrieben:"Es ist an der Zeit, sich Väter vorzunehmen." Doch wie kann es sein, dass Kinder nach ihnen ausschlagen, wenn es ums Körpergewicht geht? Und nicht nach ihren Müttern? Für einen möglichen Grund hält der Experte gesellschaftliche Veränderungen:

"Die Zeiten haben sich geändert. Heute sind oft beide Elternteile berufstätig. Väter verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern und mischen sich auch stärker in Haushaltsdinge ein. Dadurch nehmen sie stärkeren Einfluss auf die Ernährung ihrer Kinder. Außerdem sind Männer eher körperlich aktiv als Frauen. Und aktive Väter sind es, die Kinder dazu bringen, selbst aktiv zu sein, was inaktive Väter nicht schaffen. Ich vermute mal, vor 20 Jahren hätten wir ganz andere Ergebnisse bekommen, mit vertauschten Rollen von Vätern und Müttern. Aber wie gesagt, die Dinge haben sich geändert."

Nicht nur in Australien ist es so, dass Übergewicht und Fettsucht in der Gesellschaft stark zugenommen haben - bei Erwachsenen genauso wie bei Kindern. Was die Studie für den fünften Kontinent zeige, sei auch auf andere westliche Industrieländer übertragbar, sagt Philip Morgan:

"Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich im deutschen Radio über die Rolle von Vätern spreche. In allen Kulturen ist es so, dass sich Väter gesunde und zuversichtliche Kinder wünschen. Dafür ist es aber wichtig, dass sie ihnen einen gesunden Lebensstil vermitteln. Ich denke, diese Regel hat international Gültigkeit."

In Australien ist inzwischen ein Pilotprojekt angelaufen, das sich "Gesunde Väter, gesunde Kinder" nennt. Die Arbeitsgruppe von Philip Morgan hat es konzipiert, gezielt für übergewichtige Familienväter. Innerhalb von drei Monaten absolvierten sie 8x und jeweils 90 Minuten lang spezielle Fitness-Übungen. Außerdem ließen sie sich über gesunde Ernährung aufklären.

Die Forscher waren hinterher sehr zufrieden mit ihren Schützlingen.

"Wir waren außerordentlich erfolgreich. Wir brachten die Väter dazu, durchschnittlich sieben bis acht Kilogramm zu verlieren. Dieses Körpergewicht haben sie danach gehalten. Und wir konnten feststellen, dass auch die Kinder jetzt aktiver waren und sich gesünder ernährten. Wenn ich mir die Ergebnisse dieses Programms und unserer neuen Studie anschaue, dann würde ich sagen: Die körperliche Aktivität von Vätern beeinflusst die ganze Familie. Sie kann der Schlüssel zur Veränderung sein."

Philip Morgan schlägt vor, solche Programme überall einzuführen, speziell für Familienväter. Bisher seien es zu 90 Prozent Frauen, die Kurse zur Gewichtsreduktion belegten und nur wenige Männer. Wenn man das ändere, so der Sport- und Ernährungsexperte, gebe es eine gute Chance, Übergewicht und Fettleibigkeit unter Kindern einzudämmen.