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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie die Mittelschicht an ihrem eigenen Ast sägt15.11.2012

Wie die Mittelschicht an ihrem eigenen Ast sägt

DASA-Symposium in Dortmund über die Entwicklung der Arbeitswelt

Eigenverantwortlich und selbstständig, so wird heute das Bild vom modernen Arbeitnehmer gezeichnet, der flexibel und hochmotiviert ein Virtuose des Selbstmanagements zu sein hat. Daraus sind neue Freiheiten und gleichzeitig neue Abhängigkeiten entstanden, mehr Leistungsverdichtung und mehr Unsicherheiten.

Von Dörte Hinrichs

Die Zionskirche in Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg: Gentrifizierung sorgt auch für eine Wagenburgmentalität. (picture alliance / dpa /  Jens Kalaene)
Die Zionskirche in Berlins Stadtteil Prenzlauer Berg: Gentrifizierung sorgt auch für eine Wagenburgmentalität. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Es weht ein rauer Wind und es ist ungemütlich geworden – auch an vielen Arbeitsplätzen. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 hat zu Umbrüchen in der Arbeitswelt geführt, die viele Arbeitnehmer schleichend oder drastisch zu spüren bekommen: Eine kollektive Erfahrung von Prekarisierung und Verwundbarkeit hat sich ausgebreitet. So die Analyse, die die Soziologen bei dem Dortmunder Symposium aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln einer genaueren Betrachtung unterzogen. Gerade der Mittelstand sei nach einer langen Phase des Wohlfahrtskapitalismus verunsichert, meint die Soziologin Professorin Cornelia Koppetsch von der Universität Darmstadt:

"Gesundheit, Sicherheit, Bildung sind etwas, was nicht mehr staatlicherseits zur Verfügung gestellt wird, sondern das soll jetzt jeder selber organisieren, das erfordert eigene Anstrengungen. Und in dem Moment wird es plötzlich klar, dass nicht mehr alle profitieren können und dann kommt es zur Abschottung. Das heißt, der Fahrstuhl wird durch Strickleitern ersetzt. Und diejenigen, die zuletzt – das ist ein Bild von Herfried Münkler – den Aufstieg noch geschafft haben, werden als Wächter eingesetzt, um die letzten daran zu hindern, auch noch das Boot zu besteigen."

Vorbei die Zeiten, als sehr viele mit dem Fahrstuhl eine Etage höher fuhren und ihren Lebensstandard steigern konnten. Klassenunterschiede treten jetzt wieder deutlicher hervor.

"Diese Situation hat sicher dazu geführt, dass alle sehr instinktiv oft, ohne das bewusst zu wollen, sich abkapseln. Also am Beispiel Prenzlauer Berg kann man das deshalb sehen, weil das ganz elegant durch Gentrifizierung passiert, sodass man sich weder gegen Ausländer oder Migranten in den Schulen wehren muss, weil das Ganze wird über Gentrifizierung, das heißt über die Kosten von Wohnraum gesteuert. Und deswegen kann man sich tolerant fühlen, ohne dass das jemals auf die Probe gestellt wird."

Ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt. Das Mittelschicht-Milieu der Bewohner des Prenzlauer Berges in Berlin ist speziell: Der Anteil der Akademiker hat sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. In keinem anderen Berliner Stadtteil sind so wenige Bewohner von staatlichen Leistungen abhängig, die meisten sind urban, gebildet, familien- und traditionsorientiert. Cornelia Koppetsch zeigte die selbstschädigenden Effekte dieses Bürgertums auf, das einer bestimmten Logik folgt:

"Das heißt, ich versuche meinen Status zu sichern, indem ich individuell dafür sorge, dass meine Kinder auf die richtigen Schulen gehen. Das heißt, Bildung ist ein Positionsgut. Und in dem Moment, wo es immer mehr Leuten gelingt, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, ist das nicht mehr so viel wert wie früher. Das heißt, man muss dafür sorgen, dass jetzt noch ein höherer Bildungsabschluss dazukommt und je mehr das versucht wird, desto stärker werden Bildungstitel entwertet. Das heißt, es kommt es zu einer Inflationierung. Die Hürden werden für alle höher, ohne dass mit diesen höheren Bildungsabschlüssen eine bessere Erwerbsposition errungen werden kann."

Die Statusangst ist groß und immer mehr gewinnt der Bildungswettlauf an Fahrt. Den kritisiert die Mittelschicht, sie fühlt sich als Opfer, doch die wachsenden Spaltungen in der Gesellschaft hat sie durchaus mitverursacht, so Cornelia Koppetsch. Das zeigt sich auch noch auf einer weiteren Ebene:

"Der andere Bereich ist der Bereich der Vermögensvorsorge. Auch hier gilt wieder, die Verunsicherung führt dazu, dass speziell das moderne Bürgertum, das ja enorme Ersparnissen oft angehäuft hat aufgrund von Aufstiegsprozessen oder auch Erbschaften. Selbstverständlich kommt es nicht mehr infrage, das aufs Sparbuch zu deponieren, sondern man wird sich jetzt bemühen, zumindest die Rendite rauszuholen, die die Inflation neutralisiert. Und das Ergebnis ist, dass immer mehr Personen aus diesen privilegierten Kreisen dazu übergehen, in Aktien zu investieren oder in Investmentfonds."

Immer mehr Kapital gerät so weltweit in Umlauf und die Mittelschicht befeuert den von ihr kritisierten Finanzkapitalismus mit seinen negativen Auswirkungen. So zeigt sich ein Zusammenhang zwischen diesem Shareholdervalue-Kapitalismus und der Prekarisierung der Arbeit:

"Weil in dem Moment, wo die Kapitalinteressen verfolgt werden innerhalb des Unternehmens, das heißt, die Anteilseigner befriedigt werden, in dem Moment natürlich auch sozialstaatliche Regulative, also die Absicherung der Arbeitskräfte, die Arbeitnehmer gefährdet werden, weil natürlich Kosten gespart werden müssen. Das heißt, dass Fondgesellschaften immer mehr Einfluss auf Unternehmen gewinnen oder Aktionäre. Und dass das aber das Kapital ist, das die Mittelschicht in diese Unternehmen hineinträgt. Und damit ist die Mittelschicht objektiv Interessensvertreter der Shareholders, das heißt der Aktionäre."

Und so sägen Vertreter der Mittelschicht durchaus an ihrem eigenen Ast. Viele verdrängen diesen Mechanismus. Möglich, dass sie ihre Schäfchen rechtzeitig ins Trockene bringen können und genug Rücklagen für ein sorgenfreies Leben im Alter haben. Doch die Anstrengungen dafür sind größer geworden, die Statusangst überträgt sich auch auf kommende Generationen. Die Wagenburgmentalität tritt in verschiedenen Milieus der Mittelschicht zutage und ist verbunden mit einer zunehmenden Entsolidarisierung. Das zeigt sich auch innerhalb von Unternehmen, wenn sich Facharbeiter von Leiharbeitern abgrenzen.

Und irgendwann kommt es dann doch: das Leben nach dem Erwerbsleben. Die Veränderungen der Arbeitswelt wirken sich auch hier aus: "Vom verdienten Ruhestand zum Alterskraftunternehmer" ist ein soziologisches Forschungsprojekt überschrieben, das Professor Stephan Lessenich von der Universität Jena vorstellte.

"Die Überlegung war, nachzuvollziehen, ob es ein sich wandelndes Bild des Alters gibt von dem Rentner, der im Nacherwerbsleben die Rente als Alterslohn für Lebensleistung bezieht und sich sozusagen legitimerweise aus dem Erwerbsleben zurückzieht und dann auch gesellschaftlich nicht in Anspruch genommen wird für weitere Erwartungshaltungen und Leistungen, die er zu bringen hat. Hin zu einem neuen Bild des Alters, wo der ältere Mensch als Unternehmer seiner Alterskräfte gesehen wird."

Untersucht wurde, wie seit Mitte der 80er-Jahre in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften über das Alter geschrieben wird. Das Bild von Rentnern, die es sich im Haus und Garten gemütlich machen, deren Alltag von Seniorennachmittag & Kaffeefahrt, Corega-Tabs und Altenheim bestimmt wird, ist inzwischen veraltet. Seit Anfang der 90er-Jahre sind die Rentner verstärkt im Unruhezustand, finden wir sie am Hometrainer oder am Computer, auf Fernreisen, sich weiterbildend oder in der Alten-WG. Henning Scherf, der ehemalige Bremer Bürgermeister, so Stephan Lessenich, verkörpere den Prototyp dieses Unruheständlers.

"Dieses unruheständische Alter, die Älteren, die jetzt gar nicht mehr unseren klassischen Vorstellungen des Zuhause sitzenden Senioren entsprechen, das wird in den letzten Jahren dann noch versehen mit so einer produktivistischen Note: Also der Vorstellung, die Alten haben Potenziale. Und diese Potenziale, die sollten sie nicht nur für sich selber nutzen, sondern angesichts beispielsweise auch der Umstände des demografischen Wandels, sollten die Alten doch bitteschön diese Potenziale auch für andere einsetzen, also zum gesellschaftlichen Nutzen."

Bemerkenswert ist, dass dieses medial vermittelte Bild vom produktiven Alter nicht unbedingt mit dem Bild übereinstimmt, das 60- bis 70-Jährige haben, die im Rahmen des Forschungsprojekts befragt wurden. Bei aller Aktivität sahen sie sich nicht unbedingt in der sozialen Verantwortung, ihre Potenziale für die Gesellschaft zu mobilisieren oder gar weiter zu arbeiten. Die eigenen Bodenschätze zu heben als moralische Verpflichtung, wie es teilweise öffentlich propagiert wird, das weisen viele von sich.

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