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Wie die Sprache überlebt

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Czernowitz in der Bukowina ein Symbol für die Symbiose deutscher und jüdischer Kultur. Heute lebt in der einst "Jerusalem am Pruth" genannten Stadt kaum noch jemand, der Jiddisch spricht. Zu den letzten Zeugen der Sprache zählt der Schriftsteller Josef Burg, der heute 95 Jahre alt ist.

Von Remigius Buetler | 30.05.2007

    Bis zum Ersten Weltkrieg war Czernowitz Hauptstadt der Bukowina, wo einmal "Menschen und Bücher lebten", wie es Paul Celan ausdrückte.

    Zu den wenigen, die sich noch an die blühende literarische Gemeinde erinnern können, gehört Josef Burg.

    Zusammen mit seiner russischen Frau lebt der Mann mit dem schütteren weißen Haar in einem Bürgerhaus an der Uliza Scheptizkowo, der früheren Landhausgasse.

    Am 30. Mai 1912 war er als Sohn eines Flößers im Karpatenstetl Wischnitz zur Welt gekommen. Noch als kleiner Junge kam Josef Burg nach Czernowitz, wo Deutsche, Juden, Ukrainer, Rumänen, Polen, Ungarn und Armenier friedlich mit- und nebeneinander lebten. Die Bevölkerung war zeitweise zu über einem Drittel jüdisch.

    "In diesem Sinn war Czernowitz nicht nur eine Hauptstadt, sondern eine Weltstadt für Juden."

    "Jerusalem am Pruth" wurde die Stadt auch genannt, die unter Kaiser Franz Josef die größte kulturelle Blüte erlebte. Diese Epoche hat Josef Burg, der bis 1938 in Wien studiert hatte, geprägt.

    "Das war auch das kleine, wie es genannt wurde, das kleine Wien. Ich bin Buko-Wiener!"

    In Czernowitz wurde Josef Burg literarisch bekannt. Solange er konnte, hat er auf Jiddisch geschrieben, in der Mameloschen, die vor dem Krieg Millionen von Jüdinnen und Juden gesprochen haben. Voller Stolz schwärmt der 95-Jährige von seiner Muttersprache.

    "Für mich ist die jiddische Sprache alles. Für mich ist die jiddische Sprache das Leben, das atmet. Für mich ist die jiddische Sprache mein Herz, meine Gefühle. Und außerdem ist die jiddische Sprache für mich ein Nachlass, sozusagen. Ein Nachlass von meinen Ur-Ur-Eltern zu meinen Eltern, bis zu mir."

    Humor, Lyrik, Trauer, Freude, Glück und jüdisches Unglück - alles sei da in der jiddischen Sprache. In seinen chassidisch inspirierten Werken schildert Josef Burg anschaulich den Alltag der Holzfäller und Flößer in den Karpaten, wo seine Vorfahren gelebt hatten. Oft sind es Szenen aus der ländlichen Bukowina und dem Stetl vor dem Holocaust.

    "Ich lebe mit dem Gestern, im vollsten Sinn dieses Wortes."

    Bis zum Zweiten Weltkrieg war Czernowitz ein Symbol für die Symbiose deutscher und jüdischer Kultur. Josef Burg gelang es, als Staatenloser in die Sowjetunion zu flüchten. Mutter und Schwester, viele Verwandte und Freunde waren von deportiert und ermordet worden.

    Burg schlug sich als Deutschlehrer durch, von Saratow über Moskau bis in den Fernen Osten. 1959 kehrte er mit Frau und Tochter nach Czernowitz zurück. Die Rückkehr in die alte Heimat war traumatisch.

    "Mir hat es wirklich, wirklich geschienen, und nicht nur, dass meine Steine weinen, dass hinter mir steht meine Mutter, eine Erschossene, eine Geplagte, und weint."

    Die Trauer um die Liebsten und die ausgelöschte Kultur prägten Josef Burgs literarisches Schaffen.

    "Alles, was ich schreibe, alles, was ich denke, ist der Trauer nach der umgekommener Welt, nach der umgekommener jüdischer Welt. Dieser Trauer, der geht mir nach. Aber im Trauer wird Freude geboren. Manches Mal vergesse ich, bin fröhlich, singe. Und doch, natürlich, natürlich, ich glaube, dass meine ganze Generation ist es in diesem Sinne gewissermaßen mit Trauer bedeckt."

    In Czernowitz, dessen Altstadt noch immer mitteleuropäisch-habsburgisches Flair ausstrahlt, lebt kaum noch jemand, der Jiddisch spricht. Mit Josef Burg wird einst der letzte Zeuge dieser Sprache sterben. Auf dem alten jüdischen Friedhof will der 95-Jährige einst begraben werden.

    "Ich bin der Letzte, der Einzige, der hier geblieben ist und hier bleiben wird, für immer und ewig schon, für immer und ewig. Und ich werde in dieser selben Erde, in der meine Grosseltern liegen, in der Erde, in der Erde, in der meine Verwandten liegen, in der Erde, in der die erschossenen und ermordeten Juden hier liegen - mit ihnen zusammen bin ich, und mit ihnen zusammen will ich bleiben. Die sind meine."