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Wie die Steinzeitmenschen sesshaft wurden

Zahllose Steingräber müssen in der Zeit um 4000 vor Christus in Schleswig-Holstein gestanden haben: Zeugnisse der ersten sesshaften Menschen im Norden Deutschlands. Über die damalige Lebensweise wissen Wissenschaftler nur wenig; ein Forschungsprojekt an der Uni Kiel soll dies ändern.

Von Matthias Günther | 02.07.2009
    Im Orient gab es schon spätestens 10.000 vor Christus sesshafte Bauern, in Deutschland südlich der Linie Hannover-Magdeburg um 5500 vor Christus - in Norddeutschland und Südskandinavien aber waren die Menschen noch mindestens weitere 1000 Jahre Jäger, Sammler und Fischer. Als Spätentwickler möchte Johannes Müller, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Kieler Universität, diese Menschen aber nicht bezeichnen:

    "Man könnte auch sagen, sie wollten sich einfach nicht versklaven lassen von der bäuerlichen Lebensweise, wo sie in Jahreszyklen eingebunden waren, wo sie sich um ihre Getreidefelder kümmern mussten, wo sie viele Werkzeuge herstellen mussten und so weiter und so fort. Dagegen - eine wildbeuterische Lebensweise kann durchaus seine Vorteile haben."

    Um 4000 vor Christus war es damit vorbei: Die Bevölkerung war stark angewachsen, gleichzeitig hatte sich das Klima gewandelt und machte Ackerbau auch im Norden möglich. Die Menschen wurden sesshaft. Aber wie sie lebten, ist weitgehend unbekannt.

    Ein über sechs Jahre angelegtes Forschungsprojekt, bei dem die Kieler Universität die Federführung hat, soll Licht ins Dunkel bringen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat dafür 2,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. 22 Institute verschiedener Fachrichtungen sind beteiligt. Den Grundstock liefern die Archäologen, die in diesem Sommer mit Grabungen beginnen. Das, was aus dieser Zeit übrig geblieben ist, sind die Megalithgräber - die Großsteingräber -, erklärt Claus von Carnap-Bornheim, der Leiter des Archäologischen Landesamtes in Schleswig-Holstein:

    "Wir glauben, dass das in Schleswig-Holstein so eine Menge ist zwischen 3000 und 6000, irgendwo dazwischen. Von diesen 3000 bis 6000 sind heute noch gut 60 im Gelände überhaupt zu sehen. Wir müssen davon ausgehen, dass also zwischen 98 und 99 Prozent des Denkmälerbestandes in den letzten viereinhalb Tausend Jahren im Grund genommen entsorgt worden ist."

    Und man kann sich auch gut vorstellen, wohin die Steine gekommen sind:

    "Daraus hat man hier in Schleswig-Holstein Kirchen gebaut, Straßen, Brücken. Die Bauern haben ihre Bauernhöfe, die Ställe, die Fundamente damit gebaut. Überall, wo Sie hier große Steine sehen, können Sie davon ausgehen, dass da das eine oder andere Megalithgrab elegant in eine Zweitverwertung überführt worden ist."

    Denn als die Bauern in Norddeutschland und Skandinavien sesshaft wurden, war das Land übersät mit großen Steinen, sagt Johannes Müller von der Kieler Universität, der das Forschungsprogramm koordiniert.

    "Wir machen uns - glaube ich - heute keine Vorstellung mehr darüber, wie viel Findlinge hier ursprünglich rumlagen. Also wenn Sie mal nach Grönland gucken, wenn Sie mal in Island gewesen sind: Sie sehen dort noch heute, mit welchen Landschaften wir eigentlich zu rechnen haben, in denen wirklich Findling an Findling liegt. Als dann etwa um 3500 vor Christus - also etwa 600 Jahre, nachdem entsprechende erste bäuerliche Aktivitäten hier stattgefunden haben - war es sicherlich nötig, bestimmte Ackerfluren leer zu räumen."

    Und in dieser Zeit entstanden die Großsteingräber. Die Menschen unterschieden wohl nicht zwischen Profanem und Sakralem, vermutet Johannes Müller.

    "Also, wenn Sie einen Findling abtransportieren, dann hat das sowohl sicherlich eine ökonomische Funktion als auch eine rituelle."

    Die Bedeutung der Massenbestattung in Großsteingräbern ist unklar. War es ein Zeichen einer egalitären Gesellschaft? Oder handelte es sich um einen Ritus, mit dem Herrschende ihre Macht festigten? Erhaltene Gräber mit Skeletten können zur Aufklärung nicht beitragen, bedauert Claus von Carnap-Bornheim vom Archäologischen Landesamt:

    "Das faszinierende an dieser Archäologie im vierten Jahrtausend vor Christus ist, dass wir in diesen Monumenten unglaublicher Gemeinschaftsleistungen haben; also die müssen diese Steine transportieren, die fünf, sechs, sieben, acht, zwölf Tonnen schwer sind. Aber wir kennen eigentlich aus Schleswig-Holstein keine vollständige Bestattung. Wir kennen nicht einen vollständigen Menschen aus dieser Zeit aus den Bestattungen, weil in den Megalithgräbern, in den Kammern, schon bei den Bestattungen werden alte Bestattungen gestört, die Menschenknochen werden durcheinander geschmissen; und dann im Laufe der Jahrtausende auch mit den Entsorgungen dieser Gräber, werden diese Gräber immer wieder gestört; und damit kennen wir eigentlich aus Schleswig-Holstein nur einzelne Knochen - und das geht vielleicht auf zwei-, drei-, vierhundert Stücke. Wir kennen aber kein vollständiges Skelett eines Megalithikers."

    Und auch darüber, in welchen Verbänden die Menschen zusammenlebten, ist kaum etwas bekannt, wie Johannes Müller sagt:

    "Was wir bisher wissen, ist: Wir müssen von sehr vielen Einzelhöfen ausgehen. Wir müssen davon ausgehen, dass die Gruppen, die in diesen Megalithgräbern bestattet haben, nicht größer als 50 Menschen gewesen sind."

    Die Wissenschaftler erhoffen sich durch eine fächerübergreifende Zusammenarbeit neue Erkenntnisse. Archäologen und Prähistoriker werden in den nächsten sechs Jahren graben und sichten. Anthropologen und Paläogenetiker werden Verwandtschaftsstrukturen von Menschen und Tieren rekonstruieren, Klimatologen und Bodenkundler die Entwicklung des Klimas nachzeichnen. Und Archäobotaniker wollen klären, was die Steinzeitbauern anbauten. Und so soll am Ende ein Gesamtbild über ihr Zusammenleben und ihre Bräuche entstehen und über die Verteilung von Besitz und Macht.