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StartseiteTag für TagWie ein Wirtschaftsprojekt die Wiege der Zivilisation verdrängt24.07.2013

Wie ein Wirtschaftsprojekt die Wiege der Zivilisation verdrängt

Die türkische Stadt Hasankeyf muss einem Staudamm weichen

Hasankeyf im Südosten der Türkei gilt als Paradies für Archäologen und Religionshistoriker: Zahlreiche Kirchen und Moscheen sind Jahrtausende alt. Doch die Stadt soll 2015 von einem Staudamm geflutet werden.

Von Luise Sammann

Mit dem Ilisu-Damm plant der türkische Staat Hasankeyf unter Wasser zu setzen. (AP Archiv)
Mit dem Ilisu-Damm plant der türkische Staat Hasankeyf unter Wasser zu setzen. (AP Archiv)

Totgeweihtes Areal: Die Türkei will in zehn Jahren zu den führenden Wirtschaftsnationen der Welt gehören. Jahrtausende alte Kirchen und Moscheen, Spuren aus den Anfängen der Geschichte, eine ganze Stadt – all das soll deshalb nach dem Willen der türkischen Regierung untergehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Direkt am Tigrisufer, mitten im alten Mesopotamien, liegt der vielleicht schönste Ort der heutigen Türkei: Hasankeyf. Die Sonne hat die staubige Basarstraße schon aufgewärmt, als die ersten Händler ihre Rollläden öffnen und der Qualm ihrer Frühstückszigaretten durch die engen Gassen zieht.

Im kleinen Teehaus an der Ecke sitzt ein einzelner Gast, rührt gedankenverloren Zucker in seinen Cay.

"Willkommen in Hasankeyf, dem Augapfel Mesopotamiens! Wir stehen hier auf 16.000 Jahren Geschichte. Bars und Discos können wir vielleicht nicht bieten, aber dafür unsere ganz eigene Kultur."

Arif Altundis blickt auf den Tigris, der sich mehrere Meter unter ihm glitzernd vorbeischiebt. Seinen "Eine-Millionen-Dollar-Blick" nennt der kleine Mann in Hemd und Lederjacke die Aussicht über das Tal. Vor vierzig Jahren wurde Arif in einer der Kalksteinhöhlen über dem Fluss geboren. Inzwischen ist er Teppichhändler, genau wie sein Vater und sein Großvater vor ihm.

"Weil die Seidenstraße hier am Tigris vorbeiführte, war das historische Hasankeyf immer ein Handelszentrum. Besonders für Teppiche und Textilien. Einst standen in den Höhlen mehr als 600 Webstühle."

Viel hat sich verändert seitdem: Die Bewohner Hasankeyfs sind aus den Kalksteinhöhlen in Häuser aus Beton gezogen und die Ware der Teppichhändler kommt immer öfter nicht mehr vom Webstuhl, sondern aus der Fabrik. Die Moderne, so befürchtet nicht nur Arif, droht Hasankeyf zu verschlucken. Und das im wahrsten Sinne des Wortes:

"Dieses Tal hier, zwischen den beiden Bergen rechts und links, wird der Stausee komplett mit Wasser füllen. Der Damm wird 526 Meter über dem Meeresspiegel hoch sein."

Necdet Talayhan fährt mit der Hand über ein paar historische Mauerreste, die unten am Flussufer in der Sonne liegen. Kaum jemand kennt die Geschichte Hasankeyfs besser als der 29-jährige Archäologe.

"Diese Ruinen werden die Mardiniki Moschee genannt. Links von uns stand außerdem eine Moschee aus der Zeit der Selcuken. Und die Höhlen über dem Fluss stammen wohl aus spätbyzantinischer Zeit, denn wir haben zahlreiche Kirchen darinnen gefunden."

Hasankeyf ist ein Paradies für Archäologen wie Necdet. Doch wer nimmt Rücksicht auf ein paar alte Moscheen und Kirchen in einem Land, das in zehn Jahren zu den führenden Wirtschaftsnationen der Welt gehören will?

"Da drüben, der kleine Hügel mit den gelben Blumen, das war das erste Dorf am Tigris überhaupt, 9.500 v.Chr. Von den Anfängen der Sesshaft-Werdung bis heute war Hasankeyf immer bewohnt. Unterschiedliche Zivilisationen, Gesellschaften, Religionen haben immer wieder diesen Ort gewählt, um hier zu leben. Das macht ihn so besonders."

Während Necdet erzählt, sind nur wenige Kilometer entfernt die Bauarbeiten für den riesigen Ilisu-Damm in vollem Gange. 300 Quadratkilometer groß – eine Fläche, die drei mal Paris umfasst – soll der Stausee werden, der Hasankeyf und knapp 200 weitere Dörfer schon bald verschlucken wird. Mit Projekten wie diesem will die türkische Regierung den unterentwickelten Südosten des Landes voranbringen und nicht zuletzt auch der kurdischen Terrororganisation PKK die Basis entziehen. Necdet zeigt auf eine Moschee aus dem 15. Jahrhundert, die oben am Hang, unweit von Arifs Teppichgeschäft steht. Nur noch die Spitze ihres Minaretts wird aus dem Stausee ragen. Die Ruinen von Jahrtausende alten Kirchen, die Basargasse, die Höhlen, die Geschichten von Hasankeyf. Nichts davon wird überleben.

"Die Höhlen sind in Kalkstein gehauen, der löst sich im Wasser auf und das alles wird zusammenfallen. Und selbst, wenn einige nicht untergehen: Die Luftfeuchtigkeit, die der Stausee mit sich bringt, wird sie zerstören."

Doch es gibt Menschen in Hasankeyf, die das noch verhindern wollen. Nur ein paar Hundert Meter weiter steht ein Mann mit grauen Korkenzieherlöckchen und Schnauzbart vor einem Grill voller frischer Forellen. Firat Arguns Garten am Tigrisufer gleicht einer Oase. Kinder spielen im Schatten der Obstbäume, ein paar Hühner stolzieren durchs Gras.

"Sie versprechen uns ein modernes Leben in einer neuen Stadt da drüben auf dem Hügel. Luxuriöse Häuser und Straßen – und sogar Schiffe auf dem See. Aber das alles hat nichts mit unserer Vergangenheit zu tun. Sie versenken unsere Stadt und lassen uns dabei zuschauen."

"Das Meer kommt nach Hasankeyf", haben die Politiker gesagt, die Firat und seine Nachbarn von der wenige Kilometer entfernten Modellstadt überzeugen wollten, gegen die diese die Gärten und Häuser ihrer Vorfahren bald eintauschen sollen. Firat spuckt verächtlich auf den Rasen. Die meisten Menschen in Hasankeyf haben längst resigniert. Er nicht. Wie aus Trotz hat er mitten in der allgemeinen Untergangsstimmung eine Pension eröffnet.

"Alle denken, ich wäre verrückt. Ich musste mir sonst was anhören. Aber ich glaube einfach nicht daran, dass Hasankeyf untergehen wird. Ich will es nicht glauben."

Zu 55 Prozent ist das Ilisu-Projekt bereits fertiggestellt. Kein Gerichtsverfahren, kein Rückzieher ausländischer Kreditgeber konnte die Bauarbeiten bisher aufhalten. Höchstens ein paar Jahre bleiben den Bewohnern von Hasankeyf noch – doch die wollen sie nutzen: Firats Pension ist zur inoffiziellen Touristeninformation geworden. Archäologe Necdet hat eine historische Karte der Region erstellt, die hier sogar auf Englisch ausliegt. Denn wenn dieser Ort überleben soll, so sagt er, dann zählt ab jetzt jeder Besucher.

"Die Unesco hat zehn Kriterien für Orte aufgestellt, die als Weltkulturerbe schützenswert sind. Als einziger Ort auf der Welt erfüllt dieser hier neun von diesen zehn Kriterien. Aber es hat trotzdem keinen offiziellen Weltkulturerbe-Status. Weil das Tourismus- und Kulturministerium ihn einfach nicht beantragt! Sie wollen, dass die Leute diesen Ort vergessen oder gar nicht erst kennenlernen. Denn dann wird es einfacher, ihn untergehen zu lassen."

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