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StartseiteDlf-Magazin "Wie fühlt man sich denn als Chinese oder als Deutscher?"24.05.2012

"Wie fühlt man sich denn als Chinese oder als Deutscher?"

Burschenschaften streiten um Abstammung

Kai Ming Au ist Deutscher mit chinesischen Wurzeln - und Mitglied der Burschenschaft Hansea. Sein fremdländischer Hintergrund stößt offenbar vielen Burschen in Deutschland auf. Jetzt wird debattiert, wer wann echter Deutscher ist - und wie mit rechtsgerichteten Burschenschaftsmitgliedern umzugehen ist.

Von Blanka Weber

Kai Ming Au, Mitglied der Mannheimer Studentenverbindung "Burschenschaft Hansea" (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Kai Ming Au, Mitglied der Mannheimer Studentenverbindung "Burschenschaft Hansea" (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

"Jedes Mitglied, das wir aufnehmen, muss die genannten Werte wie Vaterlandsliebe, das demokratische Denken, das politische Engagement entweder sich aneignen oder am besten mitbringen!"

Sagt Kai Ming Au, jener Student, der den Dachverband der Deutschen Burschenschaften seit einem Jahr in die Bredouille bringt - aufgrund seiner Abstammung. Seine Eltern wanderten einst aus China ein. Er ist hier geboren und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Der 27-Jährige mit asiatischem Aussehen gehört der Burschenschaft Hansea zu Mannheim an:

"Wir sind Mitglied in der Deutschen Burschenschaft, und für mich als auch für meinen Bund bedeuten die Grundsätze Ehre, Freiheit, Vaterland sehr viel."

Was ihm nicht alle der 120 Bünde seines Dachverbandes abnehmen wollen. Und sich dabei auf einen - Zitat - "kulturbezogenen Vaterlandsbegriff" berufen. Heißt im Klartext: Menschen, die asiatisch aussehen, können nicht deutsch sein, sie haben deshalb nichts in einer Deutschen Burschenschaft zu suchen. Kai Ming Au sieht das anders und will jetzt auf dem Burschentag in Eisenach für einen Posten im Führungszirkel des Dachverbandes kandidieren: als Obmann für Nachwuchsgewinnung und Sport.

"Viele stellen mir natürlich auch die Frage: Wie fühlst du dich? Als Chinese oder Deutscher? – dann frage ich: Wie fühlt man sich denn als Chinese oder als Deutscher? Keiner kann mir die Antwort geben!"

Bünde wie die "Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn" hatten öffentlich Anstoß an Kai Ming Au genommen - und Philipp Huber, einem jungen Mann mit deutschem Namen, aber philippinischen Wurzeln. Ihrer Mannheimer Burschenschaft, der Hansea, war deshalb im vergangenen Jahr nahegelegt worden, sozusagen freiwillig aus dem Dachverband auszutreten. Das haben wir nicht getan, sagte kurz darauf Matthias Wingler, einer der sogenannten Alten Herren der Hansea:

"Wir sind zu der Ansicht gekommen, dass wir den Versuch unternehmen müssen, aufgrund der Aussagen, die uns vorlagen, die in diese rechtsradikale Richtung gehen, dass wir selbst in diesem Verband in unserem Sinne, also im liberalen Sinne etwas in Bewegung zu setzen. Einfach auszutreten ist eine angenehme Lösung, weil sie im Moment entbindet, mit dieser Sache sich auseinanderzusetzen. Aber die Probleme sind deswegen in keiner Weise überwunden. Wenn in der Öffentlichkeit diese radikalen, rassistischen Ansichten zur Sprache kommen."

Kai Ming Au kennt alle Hetzartikel über sich – veröffentlicht im Internet oder abgedruckt in Zeitschriften wie "Die Aula", herausgegeben von national-freiheitlichen Studentenverbindungen in Österreich.

"Ja, die hab' ich gelesen. Das hat mich auch geärgert. Ich schmunzel' darüber."

Die "Raczeks zu Bonn" gelten als eine der besonders wertkonservativen Bünde mit national geprägtem Vaterlandsbegriff. Womit sich jetzt die FDP in Nordrhein-Westfalen auch beschäftigen muss. Denn eines ihrer Parteimitglieder, Norbert Weidner, ist bei den Raczeks und Schriftleiter der Burschenschaftlichen Blätter des Dachverbandes. Er soll kürzlich den vom NS-Regime ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer als "Landesverräter" bezeichnet haben. Die Empörung war groß, denn Weidner hielt Bonhoeffers Verurteilung 1945 - Zitat - "rein juristisch für gerechtfertigt". Die Liberalen wollen ihn nun aus der Partei ausschließen. Auch mehr als 300 Burschenschafter fordern, dass Norbert Weidner sein Amt im Dachverband niederlegen muss, andernfalls wollen sie die "Burschenschaftlichen Blätter" nicht mehr lesen. Seit März gibt es die "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" - eine liberale Splittergruppe. Wir wollen, sagt Matthias Wingler aus Mannheim, dass rechtslastige Bundesbrüder aus dem Verband austreten:

"Dass diese Verbandsbrüder, die die Erkenntnis haben, okay, das ist nicht der richtige Verband für mich, wenn ich – ich sag mal – NPD-Politik machen möchte."

Dass es NPD-Mitglieder innerhalb der Burschenschaften gibt, bestreitet niemand – davon war schon im vergangenen Sommer beim Fest vor dem Burschenschaftsdenkmal die Rede:

"Wir haben NPD-Mitglieder, unbestritten, aber die sind eine Minderheit, auch in unserem Verband, die erheben die Stimme wie liberale Burschenschaften, und wir diskutieren im ernsthaften Wettstreit miteinander um die richtige Richtung."

Ein Indiz dafür, wer im Dachverband künftig das Sagen hat, könnte Kai Ming Aus Kandidatur sein. Er will Obmann für Sport und Nachwuchsgewinnung werden. Im vergangenen Herbst tingelte er durch Thüringen – auf der Suche nach Unterstützern für sich. Er war dort, wo die Urburschenschaften einst gegründet, doch heute – bis auf eine kleine Gruppe - nicht mehr Mitglied im Dachverband sein wollen. Remo Pietrzyk von der Teutonia in Jena hat in seinem Bund ebenfalls Studenten mit Migrationshintergrund:

"Kein Problem, haben wir in unseren Reihen, das sind geachtete Bundesbrüder, da macht es keinen Unterschied, ob ausländische Wurzeln da sind, oder deutsche."

Wie seine Chancen stehen, in Eisenach gewählt zu werden, kann Kai Ming Au momentan nicht einschätzen. Auch weiß er nicht, wie groß die Zahl seiner Unterstützer wirklich ist.

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