
Die europäische Kerosinversorgung ist ein hochkomplexes System, das ein Zusammenspiel von Pipelines, Schiffen und Zügen erfordert. Genutzt wird für die Versorgung von zivilen Flughäfen auch das Pipeline-Netz der NATO, das über mehrere Tausend Kilometer durch Westeuropa verläuft. Deutschland steht als Knotenpunkt im Zentrum dieses Systems, das durch die aktuelle Lage bedroht ist.
Viele Importe durch Straße von Hormus
Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) gab unter Berufung auf die Mineralölwirtschaft bekannt, dass aufgrund des Iran-Kriegs "für längere Zeit 20 Prozent der globalen Öl-Kapazität nicht verfügbar" seien. Das werde auch in Deutschland zu Engpässen führen. Wie das Wirtschaftsmagazin BusinessPunk schrieb, kamen bisher rund 40 Prozent der europäischen Kerosin-Importe über die Route durch die Straße von Hormus. Zwar lieferten die USA, Westafrika und Indien nun mehr Öl, doch die Verluste könne das nicht ausgleichen.
Produktion in Deutschland
Laut der Mineralölwirtschaft wird mit 4,8 Millionen Tonnen Kerosin zwar ein großer Teil des Treibstoffs für Flugzeuge in Deutschland selbst produziert. Der Bedarf liege jedoch bei rund neun Millionen Tonnen. Und wenn jetzt der Nachschub ins Stocken gerate, werde es zwangsläufig zu Engpässen kommen. Auch die Internationale Energiebehörde IEA rechnet schon mit einer Treibstoffknappheit in den nächsten Wochen.
EU will volle Auslastung der Raffinerien sicherstellen
Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, will die Europäische Union offenbar einen Notfallplan gegen drohenden Kerosinmangel erstellen. Das für den 22. April angekündigte Konzept sieht demnach unter anderem vor, dass die Raffineriekapazitäten in Europa erfasst und deren volle Auslastung sichergestellt werden.
Kapazitäten reichen nicht aus
Seit Beginn des Iran-Krieges ist der Kerosinpreis laut der Beratungsgesellschaft Energex um gut 120 Prozent gestiegen. Eine Tonne kostet inzwischen mehr als 1800 Dollar. CO2-ärmeres Kerosin (SAF) ist ebenfalls teurer geworden, der Anstieg fiel aber deutlich geringer aus. Allerdings reichen die Produktionskapazitäten für SAF und andere alternative Jet-Treibstoffe nach Angaben von Energex nicht aus, um mögliche Lücken durch fehlendes Kerosin zu stopfen.
Forderungen an die Politik
Die Luftfahrtbranche fordert eine Einbeziehung des Flugverkehrs in das Krisenreaktionsprogramm der EU-Kommission und eine Freigabe der strategischen nationalen Kerosinreserven. Außerdem will sie von Steuern und Abgaben entlastet werden. Ein Vorschlag würde dabei aber zulasten der Passagiere gehen: Der BDL will erreichen, dass Flugausfälle oder Verspätungen aus Spritmangel als "außergewöhnliche Umstände" bewertet werden, bei denen keine Entschädigungen nach der EU-Passagierrechtsverordnung gezahlt werden müssten.
Diese Nachricht wurde am 20.04.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
