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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie James Cook und die Südsee03.09.2009

Wie James Cook und die Südsee

Ausstellungseröffnung in Bonn

James Cook segelte Ende des 18. Jahrhunderts, in der Zeit der Aufklärung, drei Mal in die Südsee. Aus diesen Reisen entstand die Ozeanistik, die bis heute als spezielles Forschungsgebiet der Ethnologie betrieben wird. Ihre Themen allerdings haben sich in den Zeiten von Klimawandel und Globalisierung radikal verändert.

Von Matthias Hennies

Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu, 1999 (AP Archiv)
Eine Nachbildung von James Cooks "Endeavour" im Hafen von Honolulu, 1999 (AP Archiv)

"Nach diesem Eingangsbereich öffnet sich der Pazifik auf 1500 Quadratmetern hier in der Bundeskunsthalle und Sie können entweder den Pazifik selbst entdecken oder auf den Routen der drei Reisen Cooks. Die Halle ist nach Inseln gruppiert, die man sozusagen einzeln anlaufen kann."

Vitrinen stehen auf den Pazifikinseln, die auf dem Boden der Ausstellungsräume aufgemalt sind. Hinter dem Glas liegen Objekte aus der fernen, vergangenen Welt, die James Cook in der Südsee vorfand. Originale, die der berühmte Entdecker vor rund 240 Jahren nach Europa brachte, erklärt Henriette Pleiger stolz, die Leiterin des Ausstellungsprojekts in Bonn.

"Materialien in der Südsee sind im 18. Jahrhundert, vor der Begegnung mit dem Westen, natürliche Materialien gewesen, das waren Weidengeflechte, die man mit Muscheln oder mit Federn von tropischen Vögeln verzierte, wir haben hier einen riesigen, wirklich riesigen Helm eines tahitianischen Häuptlings, den man auch abgebildet sieht auf einem großen Ölgemälde von William Hodges, dem Maler auf der zweiten Reise, wir haben den Original-Helm dieses Häuptlings hier auch ausgestellt, der sich heute in Oxford befindet."

Eine Röhre aus Korbgeflecht, dicht mit blaugrünen Taubenfedern besetzt, steht in der Vitrine, am Rand ragen weiße Federn des Tropikvogels daraus hervor: Rund anderthalb Meter hoch ist diese respekteinflößende Kopfbedeckung, höher als jeder europäische Zylinderhut, eine "Angströhre" nach Art der Südsee.

Drei Mal segelte James Cook zwischen 1768 und 1779 von England aus in den Pazifischen Ozean, jedes Mal war er mehrere Jahre unterwegs. Was war der Zweck dieser endlosen Fahrten ins Unbekannte? Dr. Adrienne Kaeppler hat sich intensiv mit den wissenschaftlichen Ergebnissen von Cooks Reisen befasst. Sie arbeitet am Smithsonian Institute in Washington als Kulturanthropologin oder, wie man in Deutschland traditionell sagt, als "Ethnologin".

"Die Admiralität schickte Cook in den Pazifik, weil man sich für die Geografie dort interessierte und für die Navigation. Seine Instruktionen verlangten zuerst, dass er den Durchgang der Venus vor der Sonne beobachten sollte. Danach musste er, den geheimen Instruktionen zufolge, versuchen, den großen Südkontinent zu finden."

Der große Südkontinent spukte seit der Antike in den Köpfen europäischer Gelehrter herum. Man glaubte, in den Weiten des Pazifik liege eine riesige Landmasse versteckt, ein Gegenstück zu den Landmassen der Nordhalbkugel, damit das Gewicht der Erde gleichmäßig austariert sei. Ende des 18. Jahrhunderts hatte aber noch kein Entdecker diesen sagenhaften Kontinent gefunden. Die britische Admiralität wollte es endlich genau wissen – und sie wollte den Union Jack auf dem fernen Land aufpflanzen, bevor die Franzosen es in Besitz nahmen.

In Europa herrschte in diesen Jahrzehnten kurz vor der Französischen Revolution ein gewaltiger Hunger nach neuem Wissen. Die Aufklärung hatte ihren Höhepunkt erreicht. In den Salons der Wohlhabenden, an Universitäten und in gelehrten Zirkeln begeisterte man sich für die Möglichkeiten der menschlichen Vernunft. Dank dieses neu erkannten Potenzials, das in Jedem steckte, musste man die Welt doch besser verstehen und sinnvoller, nutzbringender ordnen können!

So schickte die Admiralität jedes Mal ein ausgewähltes Team von Wissenschaftlern mit auf die Reise: Astronomen sollten beobachten, wie sich die Venus vor die Sonne schob und daraus die Entfernung der Planeten berechnen. Kunstmaler sollten die fremde Welt auf Leinwand festhalten, Naturforscher die Wunder der Fauna und Flora dokumentieren. Auf der zweiten Fahrt waren es die deutschen Gelehrten Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg, berichtet Henriette Pleiger.

"Eines der wunderschönsten Blätter von Georg Forster ist das Bild einer Baringtonia, diese Pflanze hat eine besondere Bedeutung: Es war eine Giftpflanze, die die Einwohner Tahitis dazu verwendet haben, Fische zu fangen. Denn man konnte, wenn man sie ins Wasser schmiss an einer bestimmten Stelle die Fische betäuben. Die schwammen dann Oberwasser und man konnte sie schlicht mit der Hand rausholen."

Georg Forster verfasste einen viel gelobten Bericht über die Fahrt, der in Deutschland das Genre der wissenschaftlichen Reiseliteratur begründete. Auf Tahiti sah er zum ersten Mal Menschen mit einem "Tattoo" – das tahitianische Wort ist in die englische Sprache eingegangen.

Beide Geschlechter waren durch sonderbare schwarze Flecke geziert oder vielmehr entstellt, die aus dem Punktieren der Haut und durch nachheriges Einreiben einer schwarzen Farbe in die Stiche entstehen.

Die Entdecker sahen Tätowierungen dann auch auf anderen Inseln: Mal dienten die Hautritzungen wohl dazu, den Rang der Häuptlinge zu unterstreichen, mal wurden sie offenbar als symbolischer Schutz vor Verletzungen angesehen.

Die geistige Welt der Südseevölker lässt sich aus den Aufzeichnungen und Objekten, die Cook und seine Begleiter mitbrachten, nur erahnen. Henriette Pleiger zeigt in einer Vitrine ein Beispiel, eine hölzerne Keule. In den Griff ist ein stilisiertes Gesicht geschnitzt worden. Als Augen wurden helle Muscheln eingesetzt, aus dem Mund ragt das Ende, mit dem man zuschlug, wie eine Zunge.

"Sie sehen ein Gesicht angedeutet und das Ende der Keule ist eine Zunge. Es gibt mehrere solcher Darstellungen, vor allem in Neuseeland, wir haben auch ein Bild in der Ausstellung, wie Krieger auf einem Kanu eine Drohgebärde zeigen, und da strecken sie die Zunge heraus."

Götterfiguren, Federschmuck und getrocknete Pflanzen, Ölgemälde und dicke Bände voller Aufzeichnungen: Die wissenschaftliche Sammlung, die Cook und seine Begleiter zusammenstellten, dokumentiert eine Welt im Pazifik, die mittlerweile verschwunden ist.

Nach der Rückkehr der Expeditionen wurden die Stücke allerdings über die halbe Erde verstreut: Durch Vater und Sohn Forster, die deutschen Gelehrten, gelangte eine große Sammlung nach Göttingen, wo sie noch immer an der Universität aufbewahrt wird. Anderes ging nach Oxford, nach Australien, Sankt Petersburg und anderswohin. Rund 2000 Originalobjekte von Cooks Fahrten hat Adrienne Kaeppler in einer langwierigen, weltweiten Suche mittlerweile wieder identifiziert – einen unvergleichlichen Schatz für die Forschung, von dem eine Auswahl in Bonn gezeigt wird.

"Die Wissenschaftler auf diesen Reisen befassten sich mit Botanik, mit Zoologie und interessierten sich für die Wissenschaft vom Menschen. Tatsächlich begann die Ethnografie mit den Sammlungen, die Cook von seinen Fahrten zurückbrachte."

Die Ethnografie, die Dokumentation fremder Kulturen, bildet eine Grundlage für die Ethnologie – die "Völkerkunde", wie man früher sagte, oder "Kulturanthropologie", wie man sie in Anlehnung an die angelsächsische Bezeichnung heute oft nennt.

Die Region, durch die Cook mit der "Endeavour" und der "Resolution" segelte, ist heute das Revier der "Ozeanistik": ein Forschungsgebiet, so der Ethnologe Lothar Käser, das einen dramatischen Wandel erlebt.

"In der Ozeanistik ist es wie in allen Bereichen der Ethnologie etwas schwierig geworden, die eigentliche Forschungsthematik beizubehalten. Materielle Kultur, also Boote, Auslegerkanus, Segeltechniken, sind im Verschwinden begriffen. Das heißt, den Ethnologen kommen die klassischen ethnologischen Themen auch in Ozeanien abhanden."

Die Modernisierung hat längst alle Teile Ozeaniens erreicht, und Käser, Professor an der Universität Freiburg, hat auch dazu beigetragen. Ob auf den Inseln Mikronesiens im westlichen Pazifik, ob in Melanesien nördlich von Neuguinea und Australien oder auf Tonga, Tahiti und den polynesischen Archipelen weit draußen im Ozean: Zuerst zog westliche Technologie ein, man benutzte Motorboote statt Kanus, um Fischen zu fahren. Und dann fand eine Bildungs-Explosion statt: Lehrer aus dem Westen, darunter damals auch Käser, vermittelten den Einwohnern so viel neues Wissen, dass sie im traditionellen Leben der Inseln keine geeignete Beschäftigung mehr fanden.

"Viele Touristen meinen, Inselleben, Atollleben sei etwas Faszinierendes, aber wissen überhaupt nicht, dass nach drei Tagen das total langweilig ist, weil nichts passiert. Das ist natürlich für die jungen Leute jetzt auch so, sie verlassen die Inseln und auf den Inseln blieben zurück die ganz Kleinen und die ganz Alten."

Auf den Inseln Mikronesiens, auf denen Käser arbeitet, spricht man weiterhin die alte, einheimische Sprache. Englische Wörter für westliche Errungenschaften wie Kettensägen oder Computer werden integriert. Für den Wissenschaftler ist das ein Glück, denn sein Spezialgebiet ist die Kognitive Ethnologie: Er erforscht die kognitive Welt, die Denkweise der Menschen - dazu bietet die Sprache den Schlüssel.

Sprache gibt wieder, wie Menschen ihren materiellen und geistigen Kosmos ordnen: So verwenden wir oft ähnliche Wörter, wo wir Zusammenhänge sehen. Oder wir können, was uns wichtig ist, sehr differenziert ausdrücken. Ein berühmtes Beispiel ist die Menge an Bezeichnungen, die die Inuit für die Farbe des Schnees besitzen – während uns dazu nur das Wort "weiß" einfällt. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen spiegeln sich in ihren Sprachen.

Charakteristisch für die Weltsicht der Ozeanier ist etwa die Vorstellung, dass Menschen und Dinge nicht nur materiell vorhanden seien, sondern zugleich einen nicht-materiellen Doppelgänger hätten, eine geist-artige Entsprechung.

"Das Wort für das geistartige Doppel des Menschen heißt 'Nuun', aber dieses Wort kann auch bedeuten, dass ein Schatten oder Spiegelvorgang bezeichnet wird. Also wenn man sagen will "Die Sonne spiegelt sich im Wasser", muss man sagen, in deutsch übersetzt, "Die Sonne versieht sich mit einem geistartigen Doppel". Auch wenn ein Mensch sich einreibt mit Kokosöl, dass er glänzt, sind diese Wortformen im Spiel."

Für Spiegelungen und Schatten wird dasselbe Wort gebraucht wie für das geistartige Doppel. Einen Europäer muss das erstaunen: Etwas Immaterielles wird genauso benannt wie ein messbares physikalisches Phänomen! Es ist, als wenn wir unsere Seele als "unseren Spiegel" bezeichneten.

Aber die Ozeanier wissen zwischen dem Materiellen und Immateriellen sehr wohl zu unterscheiden, obwohl sie für beides dasselbe Wort benutzen.

Das wichtigste Forschungsgebiet der Ozeanistik, erklärt Käser, ergibt sich heute aus der Veränderung des Erdklimas.

"Ich war vor zwei Jahren letztmals in Mikronesien und war überrascht: Eine der flachen Inseln, die ja nur zwei, drei Meter über dem Meeresspiegel liegen, hatte eine Mauer, die etwa einen Meter hoch war, um die Insel herum. Das führt eigentlich nur dazu, dass man den Wellenschlag etwas abhalten kann. Die Tatsache, dass das Meer etwa einen Fuß höher steht als vor dreißig Jahren, kann die Mauer nicht kompensieren."

Der ansteigende Meeresspiegel löst eine existenzielle Bedrohung aus, denn das Wasser dringt unter der Mauer hindurch und versalzt die Brotfrucht-Gärten im Landesinneren. Die Einwohner sind gezwungen, auf den sicheren hohen Inseln Boden für die Landwirtschaft zu kaufen. Auf Archipeln, die weit draußen im Pazifik liegen, hat bereits eine massive Fluchtbewegung eingesetzt. Die UNO bemüht sich, die Menschen nach Neuseeland oder Australien umzusiedeln – dort arbeiten ohnehin schon viele Insulaner auf den Schaffarmen. Folgen dieser tief gehenden Veränderungen versuchen, Ethnologen in der Migrationsforschung zu dokumentieren.

"Schon die Tatsache, dass die Männer sich lange Zeit, monatelang, anderswo aufhalten, bedeutet, dass die Frauen andere Rollen mit übernehmen müssen, dass alte Männer, die nicht die Inseln verlassen können, andere Rollen als traditionelle übernehmen müssen, das bringt Spannungen in die Gesellschaften und es gibt kolossalen Kulturwandel, denn die jungen Münner bringen neue Ideen mit auf die Inseln, sie bringen Technologien mit, die es vorher nicht gab, und all das hat kulturelle Auswirkungen."

James Cook hat nur wenige der Inseln im Pazifischen Ozean für die westliche Welt entdeckt. Auf den meisten waren schon Seefahrer vor ihm gelandet. Aber keiner hat sie so gründlich erforscht, erklärt Adrienne Kaeppler:

"Obwohl Tasman schon an einer der Küsten Neuseelands gelandet war, dachte man noch, es sei Teil des rätselhaften Südkontinents, man machte sich nicht klar, dass es im Ozean lag. Cook kartierte dann beide Inseln von Neuseeland – auch wenn er es nicht entdeckte, entdeckte er doch viel davon. Ebenso Australien. Man kannte ein Stückchen davon, wusste aber nicht, wie riesig es war: Ein neuer Kontinent! Also, auch wenn er es auch nicht entdeckte, entdeckte er doch viel davon."

Auf Hawaii, der abgelegensten Inselgruppe, landete Cook als Erster – und das war sein Unglück. Er kam in der Saison des Friedensgottes Lono an und wurde freundlich aufgenommen. Als er sich bereits verabschiedet hatte, erlitt sein Schiff jedoch einen Schaden, er musste noch einmal zurückkehren – und ahnte nicht, dass mittlerweile die Zeit Kriegsgotts Kuka'ilimoku begonnen hatte.

Ein Bild dieses Gottes steht in der Ausstellung der Bundeskunsthalle. Ein Zylinder aus Weidengeflecht, der ein grimmiges stilisiertes Gesicht zeigt: Die Augen sind aus Muscheln, zeigt Henriette Pleiger, die Zähne sind echt, stammen von Hunden, die Haut ist mit farbigen Federn dargestellt.

"Die Federn sind von zwei verschiedenen Kleidervögeln, manchmal auch noch eine andere rote Art. Die roten Vögel mussten leider sterben, haben dadurch aber auch ihre Kraft, ihr 'Mana', übertragen auf den Gegenstand, es war also auch eine rituelle Art, sie herzustellen. Die gelben, die strahlend gelben Federn stammen von einem weitgehend schwarzen Vogel, der nur unter dem Flügel ein kleines gelbes Fleckchen hat. Den hat man nur gerupft und dann wieder sausen lassen."

Cook wurde auf Hawaii von Einheimischen getötet. Seine Männer aber reagierten vorbildlich.

Dass er den Ruhm des letzten großen Entdeckers erntete, obwohl er nur wenige Länder als Erster betrat, lag auch an der länderübergreifenden Begeisterung für seine Expeditionen. Vor allem aber, meint Adrienne Kaeppler, sei er ein außergewöhnlicher Mann gewesen: Souverän auf See wie an Land, in britischen Salons genauso wie auf pazifischen Inseln. Angetrieben von einer kaum zu stillenden Neugier, erforschte er das Unbekannte so gründlich wie niemand zuvor.

"Soweit ich weiß, hat nie ein anderer Entdecker getan, was er getan hat. Man hat ihn immer wieder kopiert: Wir wollen es machen wie Cook, wir wollen die Völker da und da entdecken, Pflanzen sammeln, neue Daten für die Navigation gewinnen. Ich denke, er war das Vorbild für den Rest des 18. und bis ins 19. Jahrhundert hinein."

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