Archiv


Wie Phönix aus der Asche

"Cendrillon" bedeutet Aschenputtel. Als Vorlage für die Oper dienten die "Acht Märchen" Charles Perrault aus dem 17. Jahrhundert und werden im Theatre de la Monnaie in Brüssel gespielt.

Von Frieder Reininghaus | 10.12.2011
    Gewiss lauert der Kitsch vor der Tür. Die von Laurent Pelly entworfenen Kostüme für Jules Massenets spätberufene Oper vom wundersamen Aufstieg der unterdrückten Stieftochter zur Gemahlin des künftigen Königs locken die Augen in die Zeit, in der die Märchen von Charles Perrault erstmals gedruckt wurden und die Musik zaubert mit den Partien der Fee und ihrer sechs hilfreichen Lampengeister das Aroma des fin-de-siècle in die Theaterlüfte.
    Es war die Ära des Sonnenkönigs, in der wohl allerhöchste Gnadenerweise auf die vom Libretto angebotene Weise stattfanden. Aber die gegenläufigen Abstürze eben auch. Die Erfolglosigkeit der Madame de la Haltière und ihrer Brut gehört ebenso zwingend zum Genre der für Erwachsene bestimmten Märchenoper. Der Regisseur Pelly lässt sie in einer literarischen Welt spielen: Auf den verschiebbaren Wänden und den Türen prangt die Reproduktion eines alten Drucks der Geschichte von Cendrillon - und aus diesem Reich der Buchstaben gibt es für das Aschenbrödel so wenig ein Entkommen wie für die übrigen Mitglieder ihrer Patchworkfamilie, für den alten und den jungen Monarchen oder die Fee, die am Ende, bei ihrer drittem Erscheinung, wie eine französische Freiheitsgöttin auf einer Bücherbarrikade herbeigerollt wird und das von unseren westlichen Nachbarn zeitweise überstrapazierte Freiheitspathos durch Übertreibung ironisiert.

    Das ist überhaupt die Methode, mit der Laurent Pelly dem durch die Gattung Märchenoper genetisch bedingten Zug zur Rührung kontrapunktiert: Die selbstsüchtige und repressive Stiefmutter zeigt eine ausgeprägte Gesäßpartie und ihre beiden blasierten Töchter stellen noch viel unförmigere Ärsche zur Schau. Die Feenkarosse, die das überraschend ins Ballkleid gehüllte Lucette rasch zum Hoffest bringen soll, setzt sich auch gänzlich aus Buchstaben zusammen und die vier hypernervösen Schimmel folgen der sensibelsten Choreografie. Da werden Frauenträume so ernst genommen wie sonst nur von den bunten Illustrierten Gala aufwärts. Das Tänzeln der Höflinge verrät nicht eben royalistische Gesinnung und das Defilee der Brautbewerberinnen ist eines durch die Kunst- und Stilgeschichte - und in ihm die Kurt-Schwitters-Parodien vielleicht die gelungensten Momente.
    Die mit leichter französischer Hand servierte Regie-Technik der wohldosierten Übertreibung und der theatralen Selbstironie, meilenweit entfernt von neuteutonischem oder katalanischem Regie-Berserkertum, neutralisiert das musikalische Trostpotenzial aus den 1890er Jahren, das Alain Altinoglu mit dem Orchestre symphonique de la Monnaie auskostet. Da bleibt, was den Fein- und Wohlklang anbetrifft, die Hervorhebung der Anspielungen auf die alte französische Hofmusik und die Kontrapunktik des ausgehenden 17. Jahrhunderts, aber auch das Waldweben und Schwelgen, wenig zu wünschen übrig. Eine besondere Bescherung stellen jedoch die drei tonangebenden Frauenstimmen dar: Eglise Gutiérrez als Fee und Moderatorin des Menschenversuchs mit wunderbar leichter und in instrumentaler Virtuosität geführter Sopranstimme, Sophie Marilley als Prince Charmant - und insbesondere Anne-Catherine Gillet in der Titelpartie.

    An zwei Abenden hintereinander war in den benachbarten Hauptstädten theatrale Familien-Anamnese zu erleben: vorgestern in Amsterdam ein Rekurs auf die Nachfahren des Tantalos mit Kate Mitchells eintönig-kriminologischer Regie für das Kammerspiel über die Blutrache des Orest und mit aufdringlich-ewiggestriger Musik eines Düsseldorfer Hochschullehrers - in Brüssel die virtuose Musik Massenets in ironisch gebrochener Opulenz als Märchen, das sich in seiner Reflexion von Eitelkeit, Selbstüberschätzung und irrationalen Hoffnungen ganz auf der Höhe unserer Zeit bewegt.