Sonntag, 22. Mai 2022

Archiv


Wie soll man leben?

Anton Cechov: Drei kleine Romane: Eine langweilige Geschichte. Ein Duell. Erzählung eines Unbekannten. Neu übersetzt und herausgegeben von Peter Urban Friedenauer Presse, 1997, 368 Seiten Preis: 42 Mark

Verena Auffermann | 01.01.1980

Wie soll man leben? Anton Cechov liest Mark Aurel Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt und mit einem Vorwort von Peter Urban Diogenes, 1997, 119 Seiten Preis: 29,80 Mark

"Ich bin kein Liberaler, kein Konservativer, kein Reformist, kein Mönch, kein Indifferenter. Ich möchte ein freier Künstler sein und nichts weiter, ich bedauere, daß Gott mir nicht die Kraft gegeben hat, einer zu sein. Ich hasse Lüge, Gewalt, Pharisäertum, Stumpfsinn und Willkür. Ich hege geringe Vorlieben für Gendarmen, für Fleischer, für Gelehrte, für Schriftsteller und für die Jugend. Mein Allerheiligstes sind – der menschliche Körper, Gesundheit, Geist, Talent, Begeisterung, Liebe und – absolute Freiheit. Freiheit von Gewalt und Lüge, das ist das Programm, an das ich mich halten würde, wenn ich ein großer Künstler wäre.”

Das schrieb Anton Cechov im guten Alter von achtundzwanzig Jahren. Damals sah er aus wie ein romantischer Held. Dunkle weiche Locken, schmales Gesicht, eingerahmt von einem Bart, der Blick immer elegisch. Die Erzählung "Die Steppe" hatte er gerade abgeschlossen "Die Steppe" war das Werk, das ihn bekannt machen sollte. 1888 wurde er dafür mit dem großen Puschkin-Preis der Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet. Diese hohe Auszeichnung veränderte nicht das kritische Verhältnis des Schriftstellers Cechov zu sich selbst – doch die Anerkennung brachte den Mediziner, der sein Studium vier Jahre zuvor an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau abgeschlossen hatte, in Fahrt. Das Arbeiten fällt ihm leicht, seine Wahrnehmungsgabe, sein scharfer Beobachtungssinn sind ein Quell, er muß nur Papier, Feder, Tinte zu Hand haben, schon beginnt er, von der Gesellschaft ein Bild vorzulegen. Das geht sogar so weit, daß er sich nach einem anregenden Gespräch mit einem Freund und einem angenehmen Abendessen die Komödie "Ivanov" ausdenkt und zur Niederschrift tatsächlich nur zwei Wochen braucht.

Neben diesem Theaterstück schrieb Anton Cechov zwischen 1887 und 1892 die Erzählungen "Eine langweilige Geschichte", "Ein Duell" und "Die Erzählung eines Unbekannten" , die Peter Urban jetzt neu übersetzt, mit Anmerkungen und mit einem Nachwort versehen, unter dem Titel "Drei kleine Romane” herausgegeben hat. Wäre das Wort vom Meisterwerk nicht so heruntergekommen, zu oft benutzt und vor allem, zu oft dem falschen Objekt angeheftet, dann würde man keinen einzigen Augenblick zögern, die "Drei kleinen Romane” und besonders die "Langweilige Geschichte” als ein "Meisterwerk” zu bezeichnen.

Natürlich traut man es sich kaum zu sagen – aber es muß doch immer wieder gesagt werden: Anton Cechov ist der größte Kenner der schwer zu fassenden Bewußtseinslage, die wir mit dem Wort Seele in Zusammenhang bringen. Die Seele läßt sich nicht belügen, sie führt ein inneres Gespräch. Dieses Gespräch veraltet nicht, setzt keinen Staub an, trifft, ertappt, erfaßt uns heute noch, hundert Jahre später.

Anton Cechovs Gegenwart sitzt in der Psyche seiner Figuren. Wie gründlich hat er sich geirrt, als er am 10. Oktober 1888 seinem hochangesehenen Verleger Suvorin mitteilt: "Alles, was ich geschrieben habe, wird keine 10 Jahre im Gedächtnis der Menschen verbleiben."

Cechov, der Grübler und Abwiegler - auch diese Erkenntnis ist dem Kenner und Übersetzer der russischen Literatur Peter Urban zu verdanken - studierte während der Entstehungszeit der "Drei kleinen Romane" die Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers und Stoikers Marc Aurel. Peter Urban fuhr nach Jalta in Cechovs ehemaliges Haus, fand und transkribierte Cechovs Handexemplar von Marc Aurel mit allen Anmerkungen und Unterstreichungen. "Wie soll man leben?" fragte Marc Aurel. Die Frage "Wie soll man leben" ist der Antrieb der Cechovschen Dramen und Erzählungen. Den Sinn des Lebens wollte er begreifen, diese Fragen sind das Zentrum seines schriftstellerischen Forschergeistes. Diese großen Fragen, die er auch in den Schriften Schopenhauers und Nietzsches studierte, beschäftigen ihn, sie sind in all seinen Werken enthalten. Auf dieser Suche baut er seine Geschichten auf, erfindet seine Figuren, läßt die Gesellschaft in ihren Salons, die Lakaien in ihren Bedienstetenstuben, die Strebsamen in ihren Studierstuben sitzen und verwickelt sie in Dialoge und in Handlungen. Eine Gesellschaft wird analysiert, ihre Umgangsformen, ihr Lebensstil, ihr geistiger Zuschnitt. Wie ist es möglich, daß ein junger Schriftsteller alles über das innere, also das heimliche, verschwiegene, kaum sich selbst eingestandene Leben eines alten Mannes, Hauptfigur der "Langweiligen Geschichte" weiß? Wie kann der achtundzwanzigjährige Schriftsteller so genau die Seelenlage jenes Professor Nikolaj Stepanovi Soundso kennen, einem angesehenen Hochschullehrer, ein geachteter und gefürchteter Kollege, Ehemann, Vater einer Tochter im heiratsfähigen Alter?

Die Hauptpersonen in Anton Cechovs Erzählungen reden über die Vergeblichkeit des Tuns, über die Schwächen des Menschen, über die Relativität des Ruhms. Sie sind aufrichtig, weil sie zu sich selbst reden, oder der Erzähler beobachtet und interpretiert ihre Gedanken. In der "Langweiligen Geschichte" zieht der hochangesehene Professor eine sehr melancholische Bilanz:

"So strahlend und schön mein Name, so glanzlos und häßlich bin ich selbst. Mein Kopf und meine Hände wackeln vor Schwäche, der Hals gleicht, wie der einer Turgenevschen Heldin, dem Griff eines Kontrabasses, die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. Was meine derzeitige Lebensweise betrifft, so muß ich vor allem die Schlaflosigkeit anführen, an der ich in letzter Zeit leide."

Der schlaflose Professor leidet unter seinem eigenen Alter, unter dem Alter seiner Frau, unter dem Hochmut seiner Tochter Liza. Gegen Liza hat Cechov die hingebungsvolle Zuneigung der Ziehtochter Katja gesetzt. Nicht in der Familie liegen Trost und Segen des Alters. Die Familie ist ein System, ihre Schönheit ist von beschränkter Dauer, sind die Spiele gespielt, ist die Selbstsucht groß. Katja, die angenommene Tochter, ist eine gescheiterte Schauspielerin. Sie liegt tagelang auf ihrer Couchette, liest Romane und Novellen und ist Nikolaj Stepanovi in hingebender Zutraulichkeit ergeben. Sie plappert vor sich hin, während sich der Professor über die abgedroschenen Gemeinplätze und den Kleinsinn seiner Kollegen erregt, der sich merkwürdigerweise nicht so sehr von dem heutiger Professoren unterscheidet.

"Ich bin ein alter Mann, seit dreißig Jahren im Dienst, doch weder bemerke ich Kleinsinn noch das Fehlen von Idealen, und ich kann nicht finden, daß es heute schlechter sei als früher. Mein Diener Nikolaj, dessen Erfahrung im gegebenen Falle von Wert ist, sagt, die Studenten von heute seien nicht besser und nicht schlechter als früher. Wenn man mich fragte, was mir an meinen heutigen Schülern mißfällt, so würde ich darauf nicht sofort und auch nicht viel antworten, und dafür aber mit hinreichender Genauigkeit. Sie können keine neuen Sprachen und drücken sich im Russischen unrichtig aus; sie erliegen gern dem Einfluß der Schriftsteller der jüngsten Zeit, nicht einmal der besten, und sind absolut gleichgültig gegenüber Klassikern wie zum Beispiel Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet oder Pascal, und in diesem Unvermögen, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, äußert sich am ehesten ihre Lebensuntüchtigkeit. Alle schwierigen Fragen, die mehr oder minder gesellschaftlichen Charakter besitzen, lösen sie mit Unterschriftenlisten, aber nicht auf dem Wege der wissenschaftlichen Forschung und Erfahrung."

So erregt sich der alte Mann über die nachfolgende Generation und seine Gedankengänge hören sich so an, als seien sie fünf Jahre alt oder zwei. Neben aktuellen Bezügen kann man die Erzählungen auch als Vorläufer des hereinbrechenden Freudschen Jahrhunderts verstehen. Professor Nikolaj Stepanovi erzählt von seinen Kollegen, den Therapeuten, die raten, jeden Einzelfall zu individualisieren und spottet:

"Man muß diesen Rat beherzigen, um zu sehen, daß die Mittel, die in den Lehrbüchern als die besten und für die Schablone tauglichsten empfohlen werden, sich in Einzelfällen als völlig untauglich erweisen."

Der Psychologe Cechov schickt den kränklichen, einsamen Professor nach Charkov in die Kur. Hier kann er darüber nachgrübeln, mit welchen Gedanken er sich beschäftigen könnte.

"Worüber soll ich nachdenken? Wie mir scheint, ist schon alles durchdacht, und es gibt nichts, was imstande wäre, mein Denken anzuregen...Erkenne dich selbst – ist ein schöner und nützlicher Rat, schade nur, daß die Alten nicht auf die Idee gekommen sind, mitzuteilen, wie man sich dieses Rats bedienen soll. Wenn mich früher die Lust überkam, jemand anderen oder mich selbst zu begreifen, so richtete ich das Augenmerk nicht auf die Handlungen, die alle bedingt sind, sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du willst, und ich sage dir, wer du bist."

Nach dem Tod seines Bruders Nikolaj, der 1889 an Tuberkulose stirbt, der Krankheit, an der auch Cechov, allerdings erst vierzehn Jahre später sterben sollte, beginnt er sich zu quälen. Die Selbstkritik zermürbt ihn. Wie zur Selbstvergewisserung schreibt er an seinen Verleger Suvorin: "Ich muß lernen, muß alles ganz von vorne lernen, denn als Literat bin ich ein enormer Ignorant, ich muß gewissenhaft schreiben, mit Gefühl, mit Sinn und Verstand, ich darf nicht fünf Bogen in einem Monat schreiben, sondern einen Bogen in fünf Monaten...ich muß auf vieles pfeifen, aber in mir steckt mehr kleinrussische Trägheit als Mut."

Mut hat Laevskij nicht. Seine Liebe zur verheirateten Nadesda Fjodorovna ist zu Ende, vergangen. Er will sie loswerden. So beginnt die Erzählung "Das Duell". Und ganz wie bei Arthur Schnitzler, bespricht Laevskij das Drama einer verblaßten Leidenschaft mit seinen Freunden. Laevskij redet sich in einen Rausch. Er hat keine Ahnung von Frauen, die sozialen Bande sind schon gelockert, die Wilde Ehe wird zwar verachtet, aber mindestens toleriert. Und wie oft bei Cechov, versucht Laevskij, wenigstens in der Phantasie zu fliehen. Und dann inszeniert Cechov nicht die Leere, nicht die Langeweile, von der er und seine Figuren so viel verstehen, er inszeniert ein Duell. Aus Fahrlässigkeit angezettelt, unehrenhaft und stümperhaft ausgeführt, schon eine Farce, und doch verwandelt die durchlittene Todesangst Laevskjy. Er wird ein braver Mann, ein fleißiger Beamter. Nadesda Fjodorovna lebt bei ihm. Ist er jetzt ein glücklicher Mensch? Anton Cechov ist kein Schriftsteller, der Antworten gibt. Er läßt die Rätsel offen, die Langeweile füllt die Räume. Die Langeweile ist das Pseudonym für die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu kommunizieren. Jeder hat seine eigenen Gedanken. Wie und was soll der nächste davon wissen?

Die dritte Erzählung des Bandes wird aus der Position des Lakaien in Diensten des fünfunddreißigjährigen Petersburger Beamten Georgij Ivany Orlov erzählt. Orlov ist ein Eigenbrödler, versessen auf Bücher und seine Gewohnheiten, seine Freunde, den Staatsrat Kukuakin, den soliden Pekarskij und den Generalssohn Gruzin. Die drei philosopieren über Gott und die Welt. Sie fragen:

"Was bringt er mir, der morgige Tag? Sie sprechen voller Ironie. Sie sagen, es gibt keinen Gott, und mit dem Tode erlischt die Persönlichkeit völlig. Unsterbliche, sagen sie, gibt es nur in der Académie française. Ein wahres Gut gebe es nicht und könne es nicht geben, denn sein Vorhandensein setze die Vollkommenheit des Menschen voraus, und letzteres sei ein logischer Unfug. Rußland sei ein ebenso langweiliges und bettelarmes Land wie Persien. Die Intelligenz – ein hoffnungsloser Fall. Das Volk dagegen habe sich um den Verstand gesoffen, sei faul, betreibe nichts als Diebstahl und entarte. Eine Wissenschaft haben wir nicht, die Literatur ist plump, der Handel beruht auf Gaunerei: Betrügst du nicht, verkaufst du nichts."

Hundert Jahre sind vergangen und das Geschwätz der drei Männer paßt in unsere Gegenwart. Und wieder, wie schon in der Erzählung "Das Duell", dringt eine Frau in das Männerleben ein und stört den Rhythmus, den selbstgenügsamen Tageslauf. Zinaida Fjodorovna, schön, edel, alles was ein Mann erträumen kann, zieht in Orlovs Wohnung ein. Die freie Liebesbeziehung verändert sich und wird eine Zwangsbeziehung. Orlov kann die Nähe nicht ertragen und Anton Cechov faßt damit das Drama der menschlichen Existenz zusammen. Der Mensch will die Nähe, hat er sie, kann er diese Nähe nicht ertragen. Immer wieder hatte Orlov zu seinen Freunden gesagt:

"In der Wohnung eines anständigen, sauberen Menschen dürfe es, wie auf einem Kriegsschiff, nichts Überflüssiges geben – weder Frauen noch Kinder, weder Putzlappen noch Küchengeschirr..."

Die Geschichte nimmt ein melodramatisches Ende. Der Lakai entpuppt sich als ein Herr vom Stande, der sich in Zinaida Fjodorovna verliebt und mit ihr nach dem Zerwürfnis mit Orlov ins Ausland flieht. Venedig liefert das Schlußbild. Anton Cechov selbst reiste 1891 zum ersten Mal nach Westeuropa. Sein Verleger Suvorin begleitete ihn. Im März 1891 waren sie, aus Wien kommend, in Venedig. Von dort reisten beide nach Frankreich weiter. Die Reise führte Cechov die Rückständigkeit des Lebens in Rußland deutlich vor Augen und verschärfte seine psychologische Analyse. Anton Cechov verachtete alle Personen, die keine Überzeugungen hatten und keine Weltanschauung besaßen. Denn, so schrieb er: "Ein sinnvolles Leben ohne bestimmte Weltanschauung ist kein Leben sondern eine Quälerei."

Diese "Drei kleinen Romane", von denen die "Langweilige Geschichte" die größte ist, sind von Peter Urban hervorragend kommentiert und schnörkellos übertragen. Ihre Lektüre versetzt den Leser in eine Art Trance, die Zeit und Raum vergessen läßt. Das Zimmer wird zur Bühne, eine Bühne, die man für die Dauer des Buches nicht verlassen will. Die Welt draußen existiert nicht. Höher kann ein Werk kaum stehen. Man entfernt sich mit Anton Cechov in die Nähe, denn die Geschichten, die er erzählt, handeln von einem fernen Leben und beschäftigen uns doch ganz in unserer Nähe.