Wie viele Fremdsprachen braucht ein Akademiker?
Fachliche Brillanz und umfassende Fremdsprachenkenntnisse - dieses Ideal eines Akademikers wird in der Realität selten verwirklicht. Hochschullehrer aus ganz Deutschland diskutieren derzeit an der TU Chemnitz, wie man dem hehren Ziel näher kommen kann - auf der Tagung des Arbeitskreises der Sprachzentren, Sprachlehrinstitute und Fremdspracheninstitute, die am Samstag zu Ende geht. Die deutschen Studierenden sind europäisches Mittelfeld, wenn man ihre Fremdsprachenkenntnisse vergleicht. In Ländern wie Schweden, Finnland oder den Niederlanden sind die Studenten deutlich besser, in Großbritannien und Irland mangelt es eher an Fremdsprachenkenntnissen. Doch Briten und Iren haben einen wichtigen Vorteil: Sie sprechen fließend Englisch, und das ist nun einmal die heutige Lingua Franca (nicht nur) in der akademischen Welt. Deutsche müssen sich das Englische erst aneignen, und das sollte nach Meinung von Experten so früh wie möglich beginnen. Der Arbeitskreis der Sprachzentren fordert gar einen spielerischen Fremdsprachenunterricht schon vor der Grundschule. Ein bis zwei weitere Sprachen seien dann die richtige Voraussetzung bei Studienbeginn, meint Angelika Grigor, Fremdsprachendozentin an der FH Franfurt/Main: "Wichtig ist, dass man spätestens im Grundstudium eine sprachliche Kompetenz erwerben muss, die einem im Hauptstudium hilft, auch fremdsprachlichen Vorlesungen folgen zu können." Voraussichtlich wird die Zahl der Sprachkurse an den Hochschulen in den kommenden Jahren nicht steigen. Andere Wege der Sprachausbildung sollen in die Bresche springen, zum Beispiel die so genannten Tandems. Dabei bringen sich Studenten mit unterschiedlicher Muttersprache gegenseitig die jeweils andere Sprache bei. Am Sprachzentrum der Freien Universität Berlin machte man damit bereits sehr gute Erfahrungen, erzählt der Leiter des Zentrums Wolfgang Mackiewicz: "Die Lernfortschritte sind enorm. Man muss ein Szenario schaffen: Unterricht, Tandem und eigenständiges Lernen in der Mediathek, im Selbstlernzentrum, mit den elektronischen Medien, die wir haben." Mackiewicz rät Hochschulabsolventen, die ins Arbeitsleben starten, zu mindestens zwei bis drei Fremdsprachen. Nur eine Sprache zu beherrschen, die dafür aber perfekt, sei nicht so wichtig wie das, was Mackiewicz "differenzierte Mehrsprachigkeit" nennt: "Wichtig ist, dass sie eine Gefühl dafür entwickelt haben, wie man noch weitere Sprachen lernt oder vorhandene Sprachen ausbauen kann. Man kann nicht mit Englisch in Italien oder in Griechenland operieren, sondern man muss in gewissem Maße Kenntnisse in der Landessprache erwerben. Darauf müssen wir die Menschen vorbereiten."