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Wie war das, "Damals in der DDR"?

15 Jahre ist die DDR nun dahin, und aus diesem Anlass präsentiert die ARD eine vierteilige Dokumentation, über die schon viel berichtet wurde, zum Beispiel, dass die Reihe schon in 34 Länder verkauft sei, und dass diesmal auch privates Material verwendet wurde. "Damals in der DDR" nennt sich die Reihe, und sie hat das vermieden, was man die Guido-Knoppisierung der Geschichts-Doku nennt: Es gibt keine martialische Sprecherstimme oder bedeutungsschwere Orchestrierung.

09.11.2004
    Karin Fischer: In Folge Eins gestern Abend ging es um den "Neubeginn auf Russisch", den Wolfgang Templin, DDR-Bürgerrechtler, Soziologe und Publizist, sogar sehr privat erlebt hat. Herr Templin, war das so damals in der DDR, was wir gestern gesehen haben?

    Wolfgang Templin: Ich habe die erste Folge mit großer Spannung verfolgt und ich habe darin eine ganze Reihe von wirklichen Vorzügen gegenüber bisherigen Versuchen gesehen. Es ist gelungen, DDR-Gesellschaft, DDR-Alltag differenziert, aber eben nicht unkritisch darzustellen in dieser frühen Phase. Allerdings ist dieser Vorzug doch mit einer entscheidenden Schieflage erkauft worden, mit einer Lücke, die an dieser Stelle nicht geht.

    Fischer: Nämlich?

    Templin: Die Faszination des frühen Hoffnungsprojektes DDR, das stellen ja einige Akteure sehr überzeugend dar, die Weltjugendfestspiele, dieser antifaschistische Ansatz...

    Fischer: Da gab es diese lustige Szene im Hinterzimmer eines Restaurants oder einer Gaststätte, wo Jugendliche sich gegenseitig agitierten, um schon mal zu üben.

    Templin: Ja, und ich finde diese schauspielerische Einlage auch durchaus möglich. Nur wenn Widerstand in der frühen DDR erst ab dem 17. Juni einsetzt, dann ist ja ein Kern politischer Geschichte so herausoperiert worden, dass das Ganze eine Schieflage bekommt. Ich hätte mir ganz dringend gewünscht, dass für die allerersten Jahre der SBZ-DDR mindestens ein oder zwei Zeitzeugen auftreten. Mir fallen eine Menge ein. Es muss auch nicht immer Wolfgang Leonhard sein als ganz Bekannter, der - und sei es aus exkommunistischer, sozialdemokratischer, bürgerlicher Tradition kommend - von Beginn an mit eigenen Erfahrungen gegen dieses neue Projekt DDR rebelliert oder der als Jüngerer sehr schnell in die Distanz gerät, in die Studentenproteste, in die Schülerproteste dieser ganz frühen Jahre und dann mit einer Konsequenz in dieser stalinistischen Zeit konfrontiert wird, die "Gefängnis" hieß, die "Lager" hieß, die "erzwungene Flucht" hieß. Eine solche Biografie vorgestellt und in dem Kontext dieser Folge einbezogen, hätte das Bild viel, viel realistischer gemacht.

    Fischer: Sie wollten noch einen anderen Teilaspekt kritisch unter die Lupe nehmen, Herr Templin, und zwar die Tatsache, wie sehr das Leben in der frühen DDR von der Sowjetunion diktiert wurde.

    Templin: Es waren Besatzungstruppen, sie diktierten. Gleichzeitig waren die Träger der Besatzungsmacht, also die sowjetischen Offiziere und Soldaten selbst einem unglaublich barbarischen Regime unterworfen. Mein Vater war Offizier der sowjetischen Streitkräfte: wer sich zu seiner Vaterrolle bekennen wollte, musste eine unglaubliche Angst haben. Wäre seine Vaterschaft bekannt geworden, eine Liebesbeziehung zu meiner Mutter - Denunziation, Deportation, Lager wären die Folge gewesen. Also ein normales Miteinander in dieser Zeit und später eigentlich auch war nicht möglich, das ist der eine Punkt. Und der andere: In dieser Anfangsphase ist die dominierende Rolle, die die Sowjetunion hatte und die diktierende mit dem Eigenanteil der deutschen Kommunisten eine ganz große Schwierigkeit - auch hier fehlt mir so ein Kern politischer Geschichte - richtig ins Verhältnis zu setzen. Die Tatsache, dass die Sowjetunion so stark dominierte, mindert die Eigenverantwortung von Ulbricht und DDR-politischen Kadern überhaupt nicht. Sie wollten dieses System, sie brauchten dafür die Sowjetunion, sie waren nicht nur die Unterworfenen, sondern von Beginn an die Mitgestaltenden und das gehört in einen solchen Anfangsteil einfach auch hinein.

    Fischer: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich sehr berührt war zum Beispiel von der Erzählung eines jungen Kommunisten, der beim Thema Kollektivierung der Landwirtschaft - man hatte ja ziemlich viel unterzubringen, Rabattmarken, den 17. Juni, die Emanzipation der Frau, die Kollektivierung der Landwirtschaft - dieser junge Kommunist sollte die Bauern von der Kollektivierung überzeugen und hat dann hautnah miterlebt, wie das manche in den Selbstmord trieb und Tausende in den Westen. Da gab es bei mir diesen Gänsehautfaktor und das Gefühl, dass da was sehr Bekanntes noch mal ganz neu erzählt wird.

    Templin: Mir ging es ganz genau so und sogar noch viel stärker genau bei diesem Beispiel Detlef Gossek, denn ich erkannte ihn wieder. Ich wusste von dieser frühen Geschichte nichts, ich habe ihn in den 90er Jahren im Haus am Checkpoint Charlie als Kurator einer Kunstauktion kennen gelernt und bin mir in diesem Moment klar geworden, welche Spanne eine solche Biographie ausfüllt. Ich bin sehr gespannt darauf, ob in den folgenden Zyklen dieses Geschichtsabrisses seine Biografie weiter aufgenommen wird. Wenn das gelänge, Biografien, die in ihrem frühen Teil dieses Positivbezogensein auf die DDR, die spätere Ernüchterung und den anderen Umgang damit durchgehalten zu zeigen, das wäre ein weiterer Vorzug der Gesamtproduktion.

    Fischer: Das bewerten wir dann am Ende. Danke einstweilen an Wolfgang Templin, Exbürgerrechtler für diese Einschätzung der Reihe "Damals in der DDR".