Donnerstag, 09. Februar 2023

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Wiederentdeckt: Andreas Späth
Romantische Klänge für Klarinette

Er sollte viel bekannter sein - der Komponist Andreas Späth. Die Schweizer Klarinettistin Rita Karin Meier hat nun zehn seiner Kammermusikwerke zusammen mit dem Pianisten Karl-Andreas Kolly und dem Galatea Quartett auf CD eingespielt. Eine echte Entdeckung!

Am Mikrofon: Elisabeth Richter | 29.09.2019

    Die Schweizer Klarinettistin Rita Karin Meier im Halbporträt und in Seitenansicht mit der Klarinette in der Hand.
    Klarinettistin Rita Karin Meier spielt auch im Opernorchester von Zürich. (Raphael Zubler)
    Musik: Andreas Späth, Introduktion und Variationen op. 133 für Klarinette und Streichquartett
    Für die Oper, den Gesang allgemein, muss der 1790 in der Nähe von Coburg geborene Klarinettist, Geiger und Komponist Andreas Späth eine besondere Passion gehegt haben. Introduktion und Variationen op. 133 für Klarinette und Streichquartett basieren auf einer Cavatine aus Carl Maria von Webers Bühnenmusik zu dem Schauspiel "Preciosa". Eine ebenfalls auf dieser CD eingespielte "Fantaisie" verarbeitet eine Arie des Cherubino aus Mozarts "Figaro". Und auch wenn Andreas Späth eigene Melodien erfindet, hat man nicht selten das Gefühl einer veritablen Opernszene beizuwohnen: theatrale Dramatik, rezitativisch-gestische Passagen, Melodien voller Leidenschaft oder Melancholie, weitgespannte Bögen. Dazu kommen lustvolle Virtuosität, phantasievolle kompositorische Lösungen und mehr.
    Musik: Andreas Späth, Introduktion und Variationen op. 133 für Klarinette und Streichquartett
    An die 260 Kompositionen hat Andreas Späth hinterlassen, und er hat schon als Jugendlicher begonnen Chorwerke und Harmoniemusiken zu schreiben. Später kommen Bühnenwerke dazu, Sinfonien, Konzerte, Kammermusik und Lieder. Mit 20 Jahren wird Andreas Späth Klarinettist in der Coburger Hofkapelle. 1816 begleitet er seinen herzoglichen Dienstherren nach Wien und setzt seine Kompositions- und Violinstudien dort fort. Weil er dann in Coburg keine Aufstiegschancen hat, verschlägt es ihn 1821 für 17 Jahre in die Schweiz. Zunächst nach Morges als Organist.
    Leidenschaft und Melancholie
    Dort baut er ein Laienorchester auf, veranstaltet und dirigiert Konzerte. Neben den Klassikern Haydn, Mozart, Beethoven führt er auch seine eigenen Werke als Dirigent und Solist auf. In Neuchâtel wird Andreas Späth 1833 Musikdirektor, Organist und Gesangspädagoge, und endlich erhält er 1838 die langersehnte Stelle im heimatlichen Coburg. Dort prägt er nachhaltig das Musikleben über Jahrzehnte. Bis zu seinem Ruhestand ist er Konzertmeister der Hofkapelle, Organist und Pädagoge. Er stirbt im biblischen Alter von 86 Jahren.
    Musik: Andreas Späth, Drei Nocturnes, Op. 175: Nr. 2, Adagio e con molto espressione
    "Adagio e con molto espressione" ist das zweite der 1842 entstandenen "Drei Nocturnes" überschrieben. Von Zeitgenossen wurde Andreas Späth für seine "unnachahmlich schönen und originellen" Melodien gerühmt. In dieser einmal mehr an eine Opernarie erinnernden Kantilene durchmisst die Klarinette einen großen Tonraum, sie schwingt sich von sonoren Tiefen in schwindelnde Höhen. Ihr Spieler, ihre Spielerin sollte mit einem langen Atem für die weit gespannten melodischen Bögen ausgestattet sein.
    Ruhe und feiner Intensität
    Den hat die Klarinettistin Rita Karin Meier. Sie gestaltet mit Ruhe und feiner Intensität. Stilistisch ist Andreas Späth ein Kind seiner Zeit. Den frühromantischen Gestus mit seinen Reminiszenzen an die Klassik hört man in allen der zehn hier aufgenommenen Stücke, die sämtlich vor 1850 veröffentlicht wurden. Man denkt unweigerlich an Carl Maria von Weber, an Schubert oder Louis Spohr. Gerade der musikantisch-biedermeierliche Ton klingt immer wieder an, vermischt mit melancholischen, romantischen Sehnsuchtsgesten.
    Musik: Andreas Späth, Elegie, Op. 178
    "Elegie" heißt dieses Stück. Vordergründig mag der Titel bei dem fast durchgehend heiteren Charakter verwundern, er findet sich in der Romantik jedoch häufiger eher im Sinne eines formal frei gestalteten Phantasiestückes. Typisch für Andreas Späth gibt es besonders in dieser "Elegie" unerwartete harmonische Wendungen, plötzliche Rückungen, die die Emotionen in ein anderes Licht tauchen. Späths Elegie ist in zwei Fassungen überliefert, die Klarinette kann sowohl von einem Streichquartett als auch von einem Pianisten begleitet werden.
    Musik: Andreas Späth, Elegie, Op. 178
    Andreas Späth, der ja selbst ein von Zeitgenossen geschätzter Virtuose auf der Klarinette war, verlangt dem Interpreten in seinen Werken nicht nur rein technisch einiges ab. Atem-, Artikulations- und Fingertechnik liegen auf anspruchsvollstem Niveau. Dazu kommen das Verständnis für den theatralisch-dramatischen Gestus und der Sinn für eine gesangliche Gestaltung. Rita Karin Meier, die vielfach ausgezeichnete Soloklarinettistin der Philharmonia Zürich, des Orchesters der Oper der Stadt, präsentiert sich bei diesen lohnenden frühromantischen Instrumentalwerken als eine souveräne Künstlerin, technisch makellos und interpretatorisch reif.
    Spielerische Virtuosität
    Nur manchmal könnte man sich etwas mehr Spiellust und musikantischen Esprit vorstellen. Doch mit ihrem warmen Ton, den eleganten Übergängen der bei der Klarinette ja so unterschiedlich klingenden Register und ihrer scheinbar spielerischen Virtuosität nimmt Rita Karin Meier unbedingt für sich ein. Sie lässt die Qualitäten von Späths Klarinettenwerken leuchten und bricht zu Recht eine Lanze für den Komponisten.
    Musik: Andreas Späth, Drei Melodien, Op. 196: Nr. 1, Andante moderato
    Mit dem Pianisten Karl-Andreas Kolly hat Rita Karin Meier einen ungeheuer aufmerksamen musikalischen Partner. Mit seinem wunderbar differenzierten Anschlag stimmt er sich klanglich sensibel mit der Klarinette ab. Beim Eröffnungs- und Schlussstück dieser CD wird Rita Karin Meier von dem präzis und sehr sprechend musizierenden Galatea Quartett begleitet. Die dynamische Balance und der musikalische Austausch, der auch die kompositorischen Strukturen offenlegt, wurden fein und genau überlegt. Hier ein munterer Dialog zwischen Cello und Klarinette – inklusive motivischer Einwürfe der anderen Streicher - aus den "Variationen für Klarinette und Streichquartett op. 69".
    Musik: Andreas Späth, Variationen für Klarinette und Streichquartett op. 69
    Andreas Späth, der Zeitgenosse von Rossini, Carl Maria von Weber und Schubert, verstand sein kompositorisches Handwerk. Seine Musik liefert eine Fülle von originellen melodischen, rhythmischen und satztechnischen Finessen, sie hat theatralisch-dramatische Facetten, sie ist kurzweilig und musikantisch, aber sie geht in auch die Tiefe.
    Tauglich fürs Standart-Repertoire
    Sie sollte unbedingt zum Standard-Repertoire der Klarinettisten gehören. Im Kanon der Klarinettisten-Literatur kann sie sich ohne weiteres neben Werken von Carl Maria von Weber oder Carl Stamitz behaupten. Zumal in exzellenten Interpretation von Rita Karin Meier, Karl-Andreas Kolly und dem Galatea Quartett.
    Musik: Andreas Späth, Variationen für Klarinette und Streichquartett op. 69
    Andreas Späth: Romantic Clarinet Chamber Music
    Rita Karin Meier, Karl-Andreas Kolly, Galatea Quartet
    Label: MDG, 9032119, EAN 760623211961