Freitag, 14.05.2021
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteDie neue PlatteZeiten des Umbruchs11.04.2021

Wien um 1900Zeiten des Umbruchs

"Vienne 1900" heißt ein neues Album mit Kammermusik von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Alexander Zemlinsky und Alban Berg. Werke des Übergangs zwischen Romantik und Moderne - eingespielt von fantastischen Musikern auf höchstem Niveau, exemplarisch interpretiert, intelligent programmiert: Unser Kritiker ist begeistert und erzählt zugleich ein Stück Musikgeschichte.

Am Mikrofon: Florian Amort

Fünf Musiker sitzen mit ihren Instrumenten auf einer ins Scheinwerferlicht getauchten Bühne. (Aurelien Gaillard)
Stuhlkreis-Reise ins alte Wien: Eric Le Sage, Emanuel Pahud, Daishin Kashimoto, Zvi Plesser, Paul Meyer (Aurelien Gaillard)
Mehr zum Thema

"Solo" von Emmanuel Pahud Großes Kino mit nur einer Flöte

Kammermusik von Johannes Brahms Wer die Nachtigall hört

Alexander von Zemlinsky Komponist im Schatten der Großen

Wien zur Zeit des Fin de Siècle. Eine ganze Stadt in Aufbruchsstimmung. Secessionisten wie Gustav Klimt, Koloman Moser und Alfred Roller befreiten sich vom akademischen Ringstraßen-Historismus und setzten wegweisende neue Akzente in den bildenden Künsten und der Architektur. Auch musikalisch standen die Zeichen auf Zukunft. Mit dem Tod von Anton Bruckner, Johannes Brahms und Hugo Wolf verlor die Kaiserstadt um die Jahrhundertwende drei prägende Persönlichkeiten. An ihre Stelle traten Gustav Mahler als Direktor der Wiener Hofoper und eine neue Generation von Komponisten mit kometenhafter Leuchtkraft. Mit ihren kreativen Impulsen katapultierten sie die Donaumetropole in die Moderne.

"Wien 1900" – das war schon das Thema vieler Kunstausstellungen und Buchveröffentlichungen – und nun ist "Wien 1900" auch der Titel eines bemerkenswerten Kammermusikalbums, das beim Label Alpha Classics erscheint. Auf knapp zwei Stunden Spielzeit widmen sich fünf Musiker in unterschiedlichen Besetzungen fünf tonangebenden Komponisten der Zeit. Einer von ihnen: Alexander Zemlinsky, vertreten mit seinem Trio für Klavier, Violine und Violoncello op. 3.

Musik: Alexander Zemlinsky - Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello, op. 3 in d-Moll, I. Allegro ma non troppo

In dicht gedrängter Eleganz und mit Liebe zum Detail gestalten Paul Meyer an der Klarinette, Zvi Plesser am Cello und Pianist Éric Le Sage Zemlinskys Klarinettentrio op. 3. Sie verführen uns geradezu in eine unwiderstehliche Klangwelt von spätromantischer Raffinesse, die an Johannes Brahms und dessen Kammermusikwerken für Klarinette nahtlos anschließt. Im Alter von 25 Jahren schrieb Zemlinsky das Werk für den Kompositionswettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins und errang den dritten Preis, nicht zuletzt auch durch die Fürsprache des Ehrenpräsidenten: Johannes Brahms.

Dichtgedrängte Eleganz und Liebe zum Detail

Erstaunlich, denn Brahms soll einmal in seiner bärbeißigen Art gesagt haben: "Früher gab es viele Genies und keine Stipendien, heute gibt es viele Stipendien, aber wo sind die Genies?" Es war ihm jedenfalls nicht mehr vergönnt, Erich Wolfgang Korngold kennenzulernen, der 1897, nur zwei Monate nach Brahms’ Tod, als Sohn des Musikkritikers Julius Korngold geboren wurde. Kurz vor seinem 13. Geburtstag schloss er sein Opus 1 ab. Ein Klaviertrio, mit dem das frühreife Kind ganz Wien verzückte.

Musik: Erich Wolfgang Korngold - Klaviertrio, op. 1, I. Finale. Allegro molto e energico

"Meinem lieben Papa", so heißt die anrührende Widmung von Korngolds Klaviertrio op. 1. Hiermit beginnen Daishin Kashimoto, einer der ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Cellist Zvi Plesser und Éric Le Sage am Klavier in einer verführerischen Sinnlichkeit die Doppel-CD. Gleich in den ersten Takten dieser harmonisch und rhythmisch kompliziert gebauten Musik erkennt man das kindliche Genie, das zu neuen Taten drängt. Auf Empfehlung von Gustav Mahler nahm Korngold mit nur zehn Jahren Kompositionsunterricht bei Alexander Zemlinsky. Zemlinsky war eine richtige Wiener Institution: Er bildete musikalisch nicht nur Alma Schindler, spätere Mahler aus, sondern unter anderem auch seinen Schwager Arnold Schönberg. Wien 1900, das ist eben auch ein dichtes Künstlernetzwerk mit Schülern und Lehrern, die sich gut gekannt und gegenseitig unterstützt haben. Schönberg war bekanntlich wiederum der Lehrer von Alban Berg, der im zweiten Teil des Albums im Zentrum steht.

Musik: Alban Berg - Klaviersonate op. 1

Fein abgemischte Klänge, gleitende Wechsel, nervöse Kreativität – und doch ein einziger, großer Gedanke. So spielt Éric Le Sage Alban Bergs Klaviersonate op. 1, das einzig solistisch besetzte Werk auf diesem Album. Le Sage, Professor für Klavier an der Hochschule für Musik Freiburg, versteht es großartig, die mäandernden Motive und die chromatisch feinziselierten Arabesken einfühlsam, regelrecht lyrisch versonnen zu gestalten. 

Einfühlsam, lyrisch, versonnen

Bergs harmonisch kühnes, jedoch noch ganz auf der klassisch-romantischen Musiktradition aufbauendes Debütwerk rief jedoch bei der Uraufführung 1911 stürmischen Protest hervor. Auch seine zwei Jahre später in freier Atonalität komponierten Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 stießen beim überwiegend konservativen Wiener Konzertpublikums auf Unverständnis.

Musik: Alban Berg - Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5, II. Sehr Langsam

Das zweite der Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 von Alban Berg. 93 Sekunden ohne tonales Zentrum, aber doch unmittelbar berührend. Äußerst empfindsam bläst in dieser neuntaktigen Miniatur Paul Meyer die süße Klarinettenmelodie. Genüsslich kostet er zusammen mit Éric Le Sage die reizvolle Uneindeutigkeit des Werks aus und schwelgt in innigster Expressivität. Für den größten Musikskandal in Wien um die Jahrhundertwende sorgte aber Bergs Lehrer Arnold Schönberg und zwar mit der Aufführung seiner Kammersinfonie Nr. 1 op. 9. Das Konzert am 31. März 1913 in den heiligen Hallen des Großen Musikvereinssaals ging als "Watschenkonzert" in die Geschichtsbücher ein. Auf dem Album erklingt es in einer Quintett-Bearbeitung, die Schönbergs zweiter Meisterschüler Anton Webern besorgte.

Musik: Arnold Schönberg - Kammersymphonie Nr. 1, op. 9

"Ja, das war eine Geschichte, ein schrecklicher Skandal. Watschen, Raufereien, entsetzlich", schrieb Webern in einem Brief. Totalverrisse, Kritikerschelten und Hasskampagnen überschlugen sich. Was hatte die Wiener Öffentlichkeit dermaßen verstört? Schönbergs Vergehen bestand darin, dass er in seiner ersten Kammersymphonie ein jahrhundertealtes Gesetz radikal in Frage stellte. Statt auf Quinten baut seine Harmonik auf Quartintervallen auf, die zwangsläufig aus einer stabilen Tonalität hinausführen und wenig später in der Zwölftontechnik kulminieren sollte. Ein Prozess, wegweisend für die musikalische Moderne. Jeder der zwölf Töne einer diatonischen Tonleiter ist nun gleichberechtigt, wie beispielsweise im Adagio aus Alban Bergs Kammerkonzert, dass Berg zum 50. Geburtstag seines Lehrers Arnold Schönberg schrieb und selbst kurz vor seinem Tod 1935 für Klarinette, Violine und Klavier bearbeitete.

Musik: Alban Berg - Kammerkonzert

Auch hier lässt sich erkennen, was ganz allgemein für das gesamte Album gilt: Statt auf hitzig erregte Derbheit setzten die fünf Musiker auf geheimnisvolle, nachtseitige und abgründige Klänge. Schrill ging es ja schon im "Watschenkonzert" 1913 zu, das noch vor den geplanten Kindertotenliedern des zwei Jahre zuvor verstorbenen Gustav Mahler abgebrochen werden musste.

Einfach nur hinreißend

Mahler hat bekanntlich bis auf ein Fragment gebliebenes Klavierquartett keine Kammermusik geschrieben. Doch ein Album über Wien um 1900 ohne den großen Komponisten und Dirigenten, das geht dann nun doch nicht. Roland Kornfeil bearbeitete zwei Mahler-Lieder für Flöte und Klavier, bei denen nun endlich auch Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, zum Zuge kommen kann. Generell begegne ich solchen Arrangements sehr skeptisch, doch die Bearbeitung von "Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen" aus Mahlers Kindertotenliedern ist in seiner wunderbaren Melancholie einfach nur hinreißend.

Musik: Gustav Mahler - "Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen", aus den Kindertotenliedern

Seit Jahren sind Daishin Kashimoto, Emmanuel Pahud, Paul Meyer, Zvi Plesser und Éric Le Sage musikalische Partner. Für das Kammermusikalbum "Wien 1900" bündeln sie ihre Kräfte und präsentieren auf höchstem Niveau ein klug zusammengestelltes Programm, das man so praktisch nie in einem Konzert erleben kann. In exemplarischen Interpretationen porträtieren sie eine Zeit, in der die grundlegenden musikalischen Parameter von Melodie, Harmonie und Rhythmus neu verhandelt wurden. Das Album "Wien 1900" entstand beim Internationalen Kammermusikfestival in Salon-de-Provence und erscheint beim Label Alpha Classics.

Vienne 1900 
Eric Le Sage, Klavier 
Zvi Plesser und Daishin Kashimoto, Violine
Paul Meyer, Klarinette
Emmanuel Pahud, Flöte 
Alpha ALPHA588

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk