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StartseiteKultur heuteMummenschanz zum schnellen Vergessen04.06.2014

Wiener "Die Neger"-PremiereMummenschanz zum schnellen Vergessen

Mehr als 50 Jahre ist Jean Genets "Die Neger" alt - und doch noch immer für einen Skandal gut. Den gab es vor der Neuaufführung des Theaterstücks in Wien. Nach der Premiere bleibt die Erkenntnis: Zu Recht wird das Werk sonst kaum mehr aus dem Fundus der Theatergeschichte hervorgeholt.

Von Sven Ricklefs

Drei Maskierte auf einer Bühne. (dpa/apa/Herbert Pfarrhofer)
"Die Neger" von Jean Genet sind schlechthin eine Kopfgeburt. (dpa/apa/Herbert Pfarrhofer)

Die Leiche schmilzt. Irgendwann wird sie kaum mehr da sein, da auf ihrer Bank in der Mitte der Bühne. Dafür tropft das weiße Wachs, aus dem sie geformt ist, langsam unter ihr heraus. Eigentlich ist sie das Zentrum des Stücks, das, worum sich alles dreht, schließlich wird hier ein Ritualmord immer wieder zur Aufführung gebracht, der Mord an einer weißen Frau durch einen schwarzen Mann, aufgeführt von einer schwarzen Truppe für einen weißen Hofstaat. Regisseur Johan Simons hat in Wien seine Leiche auf einem schmalen sonst leeren Spielpodest im Bühnenvordergrund aufgebahrt, und hier spielt sich das bizarre Geschehen ab, mal vor dem zerschlitzten Papiervorhang mal als Schattenspiel dahinter. Koloniale Denkmuster und rassistische Klischees wollte Jean Genet wohl mit seinem Stück einem weißen Publikum vor Augen führen. Dargestellt von schwarzen Schauspielern.  Und jetzt schmilzt der Stein des Anstoßes in dem Stück mit dem skandalträchtigen Titel "Die Neger" einfach so weg.

"Mag Afrika versinken oder auf und davon fliegen, Hauptsache Afrika bricht endlich auf. Also haben wir eine Weiße getötet, hier ist sie."

Skandal gab es schon im Vorfeld dieser Aufführung: Der Titel! Das Plakat! Das Stück überhaupt! Political correct war Jean Genet nie, und wenn dann noch die Gefahr besteht, dass weiße Darsteller schwarz geschminkt werden und sich damit des sogenannten Blackfacings schuldig machen, was in den Vereinigten Staaten tatsächlich rassistisch diskriminierende Wurzeln hat, dann ist die Diskussion vorprogrammiert.

Im Nachhinein wird man wohl nicht mehr wirklich feststellen können, ob es nun eine Reaktion auf diese Diskussion im Vorfeld der Aufführung war oder ob sich der Regisseur Johan Simons auch sonst  für die ebenso abstrakte wie stark ästhetische Setzung entschieden hätte, die nun seine Interpretation von Jean Genets "Die Neger" prägt. Fest steht jedenfalls, dass sie auf diese Weise wohl keinen Anlass mehr gibt zu Protest. Denn Simons macht das Stück zu einer Art Mummenschanz, indem er fast allen Darstellern unterschiedlich verformte eierschalenartige Masken über den Kopf stülpt - mal schwarz, mal weiß. Es sind gesichtslos einher stolpernde Wesen, mehr Puppen oder Schachfiguren als Menschen, die sich nun in dieser Wiener Festwochenproduktion durch Jean Genets ohnehin sehr eigenartige Figurenkonstellation quälen.

"Sie sind Afrika und ich hasse Sie. Ich hasse Sie, weil Sie meine Augen mit Sanftmut füllen. Ich hasse Sie, weil Sie mich zu der harten Mühsal zwingen, mich von Ihnen fern zu halten, Sie zu hassen. Vorsicht!"

Am Ende seines Stückes lässt Jean Genet, der Poète maudit, die Weißen und mit ihnen ihre europäische Kultur untergehen. Bei Johan Simons sterben gleich alle, was deshalb konsequent ist, weil alle unter ihren Masken ja weiß sind. Einer allerdings bleibt übrig, der einzige wirklich schwarze Darsteller auf der Bühne, der einzige auch, der keine Maske trägt: der Holländer Felix Burleson. Eigentlich ist er der Spielmacher, doch dafür hat ihm die Regie ein Alter Ego zur Seite gestellt, das ihm in Gestalt von Stefan Hunstein mit einer Gummimaske auf dem Kopf tatsächlich verblüffend ähnlich sieht. Und so schaut Burleson diesem ganzen wirren Treiben eher ungläubig zu, so als sei all das eigentlich seine Kopfgeburt.

Dass "Die Neger" von Jean Genet schlechthin eine Kopfgeburt sind, ein in sich verstiegenes Stück, dessen politischem Impetus man schon arg nachbuchstabieren muss, um ihn freizulegen, an dieser Tatsache kann allerdings letztlich auch die Inszenierung von Johan Simons nichts ändern. Im Gegenteil, indem man dem hochkarätigen Ensemble von Maria Schrader bis Bettina Stucky nicht einmal ins Gesicht sehen darf, verliert man nach einer kurzen Faszination für die Maskenästhetik, dann doch schnell das Interesse und müht sich durch die Aufführung eines Werkes, das wohl zu Recht sonst kaum mehr aus dem Fundus der Theatergeschichte hervorgeholt wird.

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