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Wikinger-Ausstellung
Mehr als Räuber und Brandschatzer

Im Westen gelangten sie bis nach Kanada, im Osten bis Mittelasien, im Süden bis Marokko - nicht nur um zu brandschatzen, sondern auch um zu handeln. Eine Ausstellung in London zeigt neue überraschende Seiten der Wikinger, jenseits von Verteufelung oder Romantisierung.

Von Jochen Spengler | 05.03.2014
    "Ohne Zweifel waren sie Räuber. Die reale Wirkung die sie hatten, als sie Kirchen und Klöster zerstörten, war ein Schock im 9. bis 11. Jahrhundert. Deswegen ist die Vorstellung, die die meisten Menschen mit den Wikingern verbinden: gewalttätige Krieger, die plötzlich in Mitteleuropa erschienen und raubten, vergewaltigten und plünderten, völlig gerechtfertigt," sagt Gareth Williams, Kurator im Britischen Museum.
    "But it’s not the whole of that picture."
    Aber es sei nicht das vollständige Bild. Und genau darum geht es der Ausstellung "Wikinger: Leben und Legende": ein umfassendes Bild der nordischen Krieger zu zeichnen, jenseits von Verteufelung oder Romantisierung. Kurator Williams räumt mit einem Missverständnis auf:
    "Wikinger – das ist eigentlich eine Tätigkeitsbeschreibung und kein ethnisches Kennzeichen. Der Ausdruck heißt eben wörtlich: Pirat oder Brandschatzer und er wurde dann benutzt für alle Skandinavier, das schafft mitunter den falschen Eindruck, dass es ein einzelnes Volk mit dem Namen Wikinger gegeben habe."
    Mehr als 30 Jahre ist es her, dass sich das Britische Museum dem Thema gewidmet hat, erläutert Museumsdirektor Neil McGregor: Seit dieser Zeit sind viele neue Ausgrabungen und Entdeckungen gemacht worden, deren Fundstücke das Leben der Wikinger präzisieren und die nun Platz finden in der neuen Ausstellungshalle mit ihren 1.100 Quadratmetern Fläche.
    "Es ist die erste Ausstellung in unserer neuen Sainsbury Exhibition Galery, der erste öffentliche Gebrauch, an einem Ort, der flexibel ist und groß genug, das zu beherbergen, was Sie hinter sich sehen, das außerordentliche Symbol für die Leistung der Seemacht der Wikinger."
    Bei dem Symbol handelt es sich um das größte Wikinger-Schiff, das jemals gefunden wurde: Ein gewaltiges, 37 Meter langes Kriegsschiff, das 1996 im Roskilde-Fjord in Dänemark geborgen wurde und das aus dem Jahr 1025 stammt. Da nur etwa ein Fünftel der Holzplanken übrig geblieben ist, benötigt man eine gewisse Vorstellungskraft; dabei hilft das nachträglich geschaffene, kunstvolle Edelstahlgerippe des Schiffskörpers, in das die Holzplanken eingelegt wurden und das zumindest Größe und Form des Originals klar macht. Der Kurator Gareth Williams:
    "Wie viele Bäume mussten gefällt werden für ein solches Schiff, wie viele Schafe geschoren, um die Segel anzufertigen, wie viel Arbeit war nötig? Es ist das ist das ultimative Statussymbol. Wir ahnen auch, dass es reich verziert war und wir wissen aus schriftlichen Überlieferungen, dass Schiffe wie dieses mit Silber und Gold beschlagen waren und wie Feuer geglänzt haben."
    Globale Netzwerker
    Das Schiff ist Mittelpunkt der Ausstellung, eben weil die Schiffbaukunst der Wikinger ihre Macht erst begründete. Schlanke Schiffe, die ozeantauglich waren, mit denen sie aber auch weit in Flussläufe vorstoßen konnten. Im Westen gelangten sie bis nach Kanada, im Osten bis Mittelasien, im Süden bis Marokko. Nicht nur um zu brandschatzen, sondern auch um zu handeln.
    "Sie sind beides – nicht nur Räuber oder Händler. Beides. Sie entwickelten ein Handelsnetzwerk, das ohne gleichen war. Und das ist die wichtigste Leistung der Wikinger und das zugrundeliegende Thema dieser ganzen Ausstellung: dass sie ein beispielloses globales Netzwerk von Kontakten und Einflüssen schufen. "
    Davon zeugen die ausgestellten Goldmünzen aus allen möglichen Regionen. Dann wurden die Wikinger sesshaft, schufen Spielzeuge für ihre Kinder, bügelten ihre Kleider, kämmten sich die Haare und reinigten die Ohren vom Schmalz mit winzigen Löffeln. Der Hiddensee- und der Yorktal-Schatz belegen ihre hohe Gold – und Silberschmiedekunst: Schwerter, verzierte Streitäxte, Halsketten und gewaltigen Broschen mit gefährlich großen Nadeln als Statussymbole:
    "Das zeigt, wie wohlhabend, auch unpraktisch wohlhabend Du bist. Vielleicht wie moderne Mode, Schuhe, die nicht bequem sind, sondern die zeigen, dass Du es Dir leisten kannst, Dich unwohl zu fühlen. "
    Die Eroberer passten sich an und mischten sich mit den Einheimischen, sodass heute ihre DNS fast überall auf der Welt zu finden ist. Und dass sie nicht überall Sieger waren, zeigen ihre geköpften Skelette, die 2009 im englischen Dorset gefunden wurden und jetzt ebenfalls ausgestellt werden. Nur eines vermisst man im Britischen Museum:
    "Die Helme mit den Hörnern sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der gehörnte Helm ist so, wie sich Romantiker im 19. Jahrhundert barbarische Krieger vorstellten, aber nicht, wie sie wirklich aussahen."